Wahlkampf
Warum nicht Abfall entsorgen? Das tun die Politiker im Wahlkampf

Standaktionen, Podiumsgespräche, Inserate, Plakatwerbung und Flyer – das sind die traditionellen Elemente im Wahlkampf. Doch es gibt auch neue Ansätze: Der Poetry-Slam mit Politikern, oder ein Wahlkampfsong auf iTunes sind nur einige Beispiele.

Fabian Hägler
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Seit Freitag sind auf der Website des Kantons die Porträts aller 288 Kandidatinnen und Kandidaten für den Nationalrat aufgeschaltet. Dort sind sie alle gleich: Neben dem Foto sind Name, Geburtsjahr, Partei, Liste, Kandidatennummer, Wohngemeinde, Beruf und der Vermerk «bisher» oder «neu» zu finden.

Wenn es um den Wahlkampf geht, ist Gleichheit nicht gefragt. Dort versuchen die Kandidierenden mit verschiedenen Aktionen, die Wählerschaft auf sich aufmerksam zu machen – eine Auswahl.

Beat Flach (GLP, bisher) versuchte sich zusammen mit Parteikollegin Ruth Jo Scheier als Sänger. Politik sei sonst bitterernst mit all der Verantwortung, die man im Amt trage, sagte Flach gegenüber dem Regionalsender Tele M1. «Da verträgt es auch mal etwas Humoristisches, um aufzulockern.» Inzwischen ist sein Song auf Youtube schon über 7500-mal angeklickt worden.

Neu ist das Lied auch für Fr. 1.50 auf iTunes zu haben. «Ich bin gespannt auf die Verkaufszahlen», sagt Flach, «aber ich gehe natürlich nicht davon aus, dass wir die Produktionskosten reinholen.»

Nicht als Sänger, sondern in einem Dichterwettstreit versuchen sich Cédric Wermuth und Yvonne Feri (beide SP). Die zwei bisherigen Nationalratsmitglieder nehmen am ersten Aargauer Polit-Slam teil. Veranstaltet wird dieser von Patti Basler – die bekannte Slampoetin ist die Schwester von SP-Kandidatin Colette Basler.

Diese tritt mit einem eigenen Beitrag im Rahmenprogramm auf und erklärt das Prinzip des Polit-Slam: «Das Publikum gibt Stichworte und innert weniger Minuten müssen Politiker und Dichterinnen unterhaltsame Reden schreiben und vortragen.»

Auf ihrem Bauernhof findet zudem am Sonntag das «Hoffest für alle statt für wenige» statt, wobei auch SP-Nationalrat Max Chopard anwesend ist.

Nicht auf dem Bauernhof, sondern bei Entsorgungsstellen versucht der 29-jährige Adrian Schoop (Jungfreisinnige) mit den Wählern ins Gespräch zu kommen. Mit seinem «KMU-Mobil», einem umgebauten Lieferwagen, und ausgerüstet mit Stift und Flip-Chart, besucht Schoop acht Abfallsammelstellen im Kanton.

Damit die Leute bei Kaffee und Gipfeli genug Zeit zum Diskutieren haben, übernehmen seine Wahlhelfer das Entsorgen. «Politik bedeutet für mich: andere Meinungen und Standpunkte als Inspiration zu betrachten und durch guten Dialog tragfähige Lösungen zu schaffen», sagt Adrian Schoop.

Sportlich engagierte sich FDP-Kantonalpräsident Matthias Jauslin. In einem Fünferteam nahm Jauslin im Juli am Gigathlon teil. Die Schwimmstrecke bestritt Christina Boutellier, FDP-Mitglied aus Gansingen. Carla Güntert, Mitarbeiterin des Generalsekretariats der FDP Schweiz, kämpfte sich auf den Inline-Skates durch den Kanton. Jauslin trat in der Disziplin Laufen an, Gemeinderat Gabriel Lüthy aus Widen war auf dem Bike und Consuelo Senn, Präsident der FDP Würenlos, auf dem Rennvelo unterwegs.

Wahlkampfleiterin Claudia Hauser resümiert mit einem Augenzwinkern: «Wir haben den Test für den Herbst bestanden und bewiesen, dass mit ‹Freiheit, Gemeinsinn und Fortschritt› alles möglich ist, nicht nur im Sport.»

Eine digitale Variante der Plakatwerbung nutzt Thomas Burgherr (SVP). Er hat sein Plakat mithilfe der Website «Photofunia.com» virtuell auf Hochhäuser, Leuchtwände oder Litfasssäulen in aller Welt montiert und verbreitet diese Bilder in den sozialen Netzwerken.

Zudem hofft Holzbauunternehmer Burgherr auf die Unterstützung seiner Branche. Zusammen mit Parteikollegin Sylvia Flückiger hat Burgherr die Mitglieder der Kantonalsektion von Holzbau Schweiz angeschrieben.

Das Ziel: «Möglichst viele erstellen mit ihren Lernenden ein Holzhaus oder eine ähnliche Konstruktion und stellen diese an geeigneten, stark frequentierten Standorten auf.» Dort soll auf der einen Seite das Plakat von Burgherr, auf der anderen jenes von Flückiger montiert werden.

Auf eine Mischung aus Papier und digitaler Verbreitung setzt Gabriela Suter (SP) mit ihrer Daumenkinokampagne. «Für meinen Wahlkampf haben fünf unterschiedliche Illustratorinnen und Illustratoren fünf Daumenkinos gezeichnet, die meine beiden Kernthemen – die Chancengleichheit und die Energiewende – auf unterschiedliche Art bildlich darstellen.»

Da verwandelt sich zum Beispiel ein AKW in ein Windrad, oder ein Tisch wird zum Treffpunkt für verschiedenste Menschen. Gestern Freitag fand die Vernissage statt, ab sofort sind die Daumenkinos als Minispots auf der Website sowie den Social-Media-Kanälen der SP-Kandidatin zu sehen.

Mit einer Vernissage startet auch Samuel Peyer, Einzelkandidat auf der Liste «nichtwähler.ch», seinen Wahlkampf. Vom 21. bis 23. August öffnet der Künstler sein Atelier und seinen Garten dem breiten Publikum. Er zeigt Eisenskulpturen, die diesen Frühling und Sommer entstanden sind, und ganz neue Bilder in Collagentechnik.

«Ohne Kapital, ohne politische Karriere und ohne die Strukturen einer Partei in den Nationalrat – ist das in der heutigen Zeit möglich?», fragt Peyer. Und fügt hinzu: «Das möchte ich mit euch herausfinden.»

Stefanie Heimgartner (SVP) dürfte die Vernissage kaum besuchen – wenn sie es täte, dann sicher mit dem Auto. Sie setzt sich stark für den motorisierten Individualverkehr ein, insbesondere für den Schwerverkehr. Deshalb setzt sie auch auf mobile Wahlwerbung.

«Ich möchte möglichst viele Heckscheiben mit meinem Kleber ausstatten», sagt Heimgartner. Bisher haben sich rund 25 Personen bereit erklärt, die Wahlwerbung der Badenerin Spazieren zu fahren.

Daneben gibt es auch Support von der ausserkantonalen SVP-Prominenz: Die Zürcher Nationalrätin Natalie Rickli erklärt in einem Youtube-Video, weshalb sie Heimgartner wählen würde, wenn sie im Aargau wahlberechtigt wäre.

Bei der CVP erinnern sich wohl manche wehmütig an die Aktion «Duschen mit Doris» ihrer heutigen Bundesrätin. 1999 verteilte die Partei im Aargau 20 000 Beutel mit der Aufschrift «Duschbad - erfrischender Aargau» und dem Bild von Doris Leuthard. Diese wurde daraufhin mit der höchsten Stimmenzahl aller Kandidaten in den Nationalrat gewählt.

Ralf Bucher (CVP), wie Leuthard aus dem Freiamt, verschenkt kein Duschmittel, startet aber einen Wettbewerb. Der Geschäftsführer des Bauernverbandes verlost auf seiner Website zweimal 10 Kilogramm Natura-Beef vom eigenen Bauernhof im Wert von rund 290 Franken. Stattfinden wird die Verlosung am 19. Oktober, am Tag nach der Wahl. «Dann werde ich wissen, ob ich gewählt bin und ob der Fleisch-Wettbewerb angekommen ist.»

Auf heimische Produkte setzen auch Ruth Humbel und Andreas Meier, zwei Parteikollegen von Bucher. Unter dem Motto «Reben und Politik» treten sie zwischen Mai und Oktober in acht Aargauer Weinbergen auf. Neben der Ständeratskandidatin und dem Inhaber des Weinguts Sternen in Würenlingen, der in den Nationalrat will, sind an den einzelnen Standorten auch CVP-Kandidaten aus der Region vertreten. Mit der Weintour wolle man zeigen, dass Politik nicht anstrengend und trocken sein müsse.

Irène Kälin (Grüne) präsentiert sich mit provokativen Inseraten in der Zeitung und auf Facebook. Einmal mit Schnauz, um auf Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen hinzuweisen, dann mit zugekniffener Nase und dem Slogan «Braun stinkt». Sie nutzt ein traditionelles Mittel, fällt aber auf – «20 Minuten» kürte sie zur hoffnungsvollen Jungpolitikerin.

Weder braun noch grün, sondern gelb-schwarz sind die Farben von Bernhard Guhl (BDP). Er setzt in seinem Wahlkampf voll auf die Biene. Schon von der Farbgebung her passt das Wahlkampftier zur BDP, zudem ist Guhl selber Imker und präsidiert seit Mai den Dachverband der Schweizer Bienenzüchter. Guhl setzt sich stark für Law and Order ein und hat selber eine Räubersperre entwickelt – allerdings nicht gegen Kriminaltouristen, sondern gegen fremde Bienen.