Scheidungskrieg
Warum Mutter und Kinder ihr Haus trotz Wohnrecht verlassen müssen – und leer ausgehen

Eine Mutter verliert ihre Wohnung, obwohl sie im Recht ist. Wie kann so etwas sein? Die Geschichte einer vierfachen Mutter im Scheidungskrieg.

Manuel Bühlmann
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Kämpfte vergeblich um die Rückkehr in ihr Haus: Isabella M. Sandra Ardizzone

Kämpfte vergeblich um die Rückkehr in ihr Haus: Isabella M. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Auf dem Familienfoto sind sie vereint: die drei Töchter, der Sohn, die Mutter. Das Bild hängt über dem Esstisch der Wohnung, die zu klein ist für die ganze Familie.

Seitdem sie vor eineinhalb Jahren das Haus, in dem sie früher mit ihrem Mann und ihren Kindern gewohnt hatte, verlassen musste, reicht der Platz nicht mehr für alle; der 19-jährige Sohn und die 22-jährige Tochter zogen aus, die Mutter und die beiden jüngeren Kinder in der Zwischenzeit viermal um.

Isabella M., die Mutter, sitzt am Tisch der Wohnung, die nicht weit weg vom ehemaligen Zuhause liegt, und spricht von einer «traurigen Zeit».

Sie sagt: «Das Haus war perfekt für uns.» Elf Jahre lebte sie dort, die ersten Jahre glücklich verheiratet, später begann die Ehe zu kriseln.

Das Jahr 2007 markierte das Ende der Beziehung und den Beginn einer umkämpften Scheidung. Hauptstreitpunkt: die gemeinsame Liegenschaft in Unterentfelden.

Ihr Ex-Mann erhielt das Haus, sie das Wohnrecht – bis 2023. Isabella M.: «Ich dachte, wir hätten bis dann unsere Ruhe.»

Doch sie täuschte sich. Der Fall landete vor Gericht, entwickelte sich zu einem erbitterten Rechtsstreit – mit bitterem Ende für Isabella M: kein Haus, keine Entschädigung. Ein Urteil, das ihre Hoffnung auf eine Rückkehr in ihr altes Zuhause endgültig zerschlagen hat.

Das Pech mit dem Recht

Doch wie konnte es so weit kommen? Eine erste Niederlage erlitt Isabella M. im Juni 2014 vor dem Aarauer Bezirksgericht.

Dieses entschied auf Gesuch ihres Ex-Manns, sie müsse die Liegenschaft innert dreier Monate verlassen.

Ihr Anwalt beantragte aufschiebende Wirkung des Entscheids. Die Zeit drängte, der Auszugstermin Ende September kam immer näher. Weil eine polizeiliche Räumung drohte, kam sie dem Aufruf nach. «Ich hatte Angst, dass wir sonst auf die Strasse gestellt werden.»

Dann die Erlösung: Das Obergericht urteilt schnell – und zugunsten von Isabella M. Der Entscheid des Bezirksgerichts wurde aufgehoben, sie hätte das Haus nicht verlassen müssen.

Sie freute sich über das Urteil und darüber, wieder zurückkehren zu können – zu früh, wie sich zeigen sollte.

Denn inzwischen hatte ihr Ex-Mann das Haus verkauft. Er nutzte das Zeitfenster zwischen Auszug und Obergerichtsentscheid. Der Verkauf war möglich, weil die Eintragung des Wohnrechts im Grundbuch nicht angeordnet worden war.

Keine Entschädigung

Ihr Pech zudem: Seit einer Gesetzesrevision 2011 sind Urteile sofort vollstreckbar, die aufschiebende Wirkung gilt anders als zuvor nicht mehr automatisch. «Die Hürde wurde damals erhöht, das war ein bewusster politischer Entscheid», sagt ihr Anwalt.

Im Fall von Isabella M. erübrigte sich ein obergerichtlicher Entscheid über den Antrag auf Aufschub, weil das erstinstanzliche Urteil ohnehin wieder an das Bezirksgericht zurückgewiesen wurde.

Doch die Ausgangslage war nun eine andere: Die Liegenschaft, über die es zu entscheiden galt, hatte inzwischen den Besitzer gewechselt. Am Verkauf gab es nichts mehr zu rütteln, Isabella M. ging leer aus.

Eine Entschädigung wurde ihr nicht zugesprochen. Im Urteil des Bezirksgerichts Aarau steht:

Der Verkauf habe zur Folge, dass ihr Ex-Mann nicht mehr Eigentümer der Liegenschaft sei und somit auch nicht über diese verfügen könne. «Er kann mit anderen Worten keine obligatorischen Verpflichtungen in Bezug auf die Liegenschaft mehr eingehen bzw. erfüllen.»

Damit sei ihre Forderung erloschen. Das Gericht hält fest, das Verfahren sei gegenstandslos geworden, lässt aber die Frage offen, wer dafür verantwortlich ist – das sei «für das vorliegende Verfahren nicht relevant».

Die Anwältin des Ex-Manns hält das Urteil für korrekt und das anlässlich der Scheidung vor 5 Jahren im Grundbuch nicht eingetragene Wohnrecht für einen der Knackpunkte des Verfahrens:

«Dadurch hat Isabella M. keinen finanziellen Anspruch, weder gegenüber meinem Mandanten noch gegenüber dem neuen Eigentümer. Sie hatte ein Wohnrecht, das mangels Eintragung im Grundbuch kein gegen jedermann geltendes dingliches Recht darstellte.»

Die letzt kleine Hoffnung

Den Entscheid kann Isabella M. bis heute nicht nachvollziehen. «Wo bleibt da die Gerechtigkeit?», fragt sie.

Auf den Weiterzug an die nächste Instanz hat sie verzichtet, weil ihr die finanziellen Mittel fehlten. Aber auch weil der lange Kampf viel Energie gekostet hat. Die Erfolgschance liess sich kaum abschätzen, das bestätigt auch ihr Anwalt.

Dazu kommt: Die Bank hat den Hypothekarkredit schon vor dem Verkauf gekündigt, nicht wegen Zahlungsrückständen, sondern wegen der veränderten Finanzsituation.

Ihr Anwalt sagt deshalb, eine Zwangsversteigerung wäre nicht auszuschliessen gewesen, daran hätte auch ein eingetragenes Wohnrecht nichts geändert.

Juristisch ist der Fall abgeschlossen, das ist sich auch Isabella M. bewusst. Ganz aufgegeben hat sie dennoch nicht – ihre letzte kleine Hoffnung:

«Vielleicht findet sich jemand, der uns helfen will, indem er dem neuen Besitzer die Liegenschaft abkauft und uns zur Verfügung stellt. Wir möchten einfach nur nach Hause.»

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