Wochenkommentar
Warum Marianne Binder bei der CVP jetzt ans Ruder muss

Einst war die CVP die stärkste politische Kraft im Aargau. In den Grossratswahlen vom Sonntag war sie die grösste Verliererin: Ihr Wähleranteil sank um 1,8 Prozentpunkte auf 13,3 Prozent.

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Marianne Binder, die Mediensprecherin der CVP Schweiz, will Zemp ermuntern, das Kantonalpräsidium weiterzuführen.

Marianne Binder, die Mediensprecherin der CVP Schweiz, will Zemp ermuntern, das Kantonalpräsidium weiterzuführen.

Rolf Jenni

Die CVP verlor zwei Sitze und die Nerven. Am Wahlabend erklärte Parteipräsident Markus Zemp, er trete nächsten Frühling zurück, falls ein Nachfolger gefunden werde. Die Aargauer Zeitung fand diesen - beziehungsweise: diese - am Montagmorgen: Das Amt würde sie reizen, sagte die soeben glanzvoll gewählte Neo-Grossrätin Marianne Binder aus Baden. Am Nachmittag dann wollte Zemp plötzlich nichts mehr von einem schnellen Rücktritt wissen, darauf zog Binder ihre Aussage zurück. Jetzt lautet ihr offizielles Statement so: «Ich wünsche mir, dass Markus Zemp bis zu den nächsten Wahlen Präsident bleibt.»

Die Partei täte gut daran, rasch über einen neuen Kopf an der Spitze nachzudenken. Droht eine Partei in der Bedeutungslosigkeit zu versinken, steckt ein Unternehmen in der Bredouille, kämpft ein Fussballclub gegen den Abstieg - dann muss man zu aussergewöhnlichen Mitteln greifen. Die nationale FDP hat es vorgemacht: Unter normalen Umständen wäre ein Philipp Müller nie Präsident geworden - Verflechtungen mit dem Finanzplatz und akademische Weihen waren früher ein Muss. Philipp Müller als Präsident war ein aussergewöhnliches Mittel - ein gelernter Gipser und Self-Made-Man, ein Charakterkopf, bei dem man weiss, woran man ist, der aber polarisiert und schon manchem auf die Füsse getreten ist, gerade parteiintern. Die Aargauer Wahlen waren ein erster Test für Müller - und siehe da: Erstmals seit 1985 legte die FDP zu.

Es gibt auch Beispiele aus Wirtschaft und Sport: Oswald Grübel wäre weder Chef von CS noch UBS geworden, hätten die beiden Banken nicht in der Not einen unbeirrbaren und unbequemen Chef gebraucht. Der umstrittene Murat Yakin wäre beim FCB kaum zum Zug gekommen, hätte sich die Mannschaft nicht in einer Formschwäche befunden. Charakterköpfe sind immer dann gefragt, wenn es wenig zu verlieren, aber viel zu gewinnen gibt.

Gar nichts mehr zu verlieren hat die CVP. Mit Marianne Binder stünde eine charismatische Präsidentin bereit. Klar, Binder verwirrt manchen mit ihren unkonventionellen Aktionen. Doch dank denen nimmt man die CVP wahr. Ihr Youtube-Clip, auf dem sie mit ihrem CVP-orange gefärbten Hund durch Baden radelt, schaffte es sogar ins
«10 vor 10». Man trifft Binder auch mal mit Bergen von Wahlkampf-Orangen im Zug an, als pointierte, etwas flapsige Teilnehmerin im «SonnTalk» oder als giftige Polit-Kabarettistin auf der Bühne. Gleichzeitig bekämpft Binder das Mitte-Wischi-Waschi, mit der die CVP oft identifiziert wird. Sie vertritt klar bürgerliche Werte, was im konservativen Aargau ankommt. Seit sechs Jahren ist sie die Sprecherin der CVP Schweiz - «ich komme mir vor wie Telefon 111 der CVP», so beschreibt sie ihren Job. In Bundesbern hat sie den Ruf, irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn zu schweben. Doch wer diesen Job im Haifischbecken der Politik so lange aushält, muss viel einstecken können. Vielleicht hilft ihr dabei, dass quasi oranges Blut in ihren Adern fliesst: Ihr Vater Anton Keller war Nationalrat, ihr Schwiegervater Jules Binder National- und Ständerat, ihr Gatte Andreas Binder Grossrat.

Leider gibt es viel zu selten starke, eigenständige Frauen, die Karriere machen wollen. Eine Partei sollte sich glücklich schätzen, wenn sie über solche verfügt. Denn sie kommen gut an - das hat die problemlose Wiederwahl der Grünen Susanne Hochuli gezeigt. Gerade in der CVP besetzen Frauen die Schlüsselpositionen, wie der Leiter der az-Mantelredaktion, Gieri Cavelty, diese Woche feststellte: «Die CVP ist die Frauenpartei schlechthin. Als Galionsfigur fungiert Doris Leuthard, das Generalsekretariat in Bern wird neuerdings von einer Frau geleitet, ebenso Fraktionsbüro wie Medienstelle.»

Die CVP Aargau müsste Marianne Binder besser heute als morgen als Präsidentin nominieren. Statt Friede, Freude, Eierkuchen zu spielen und mit einem blassen Präsidenten weiter Richtung Untergang zu steuern. In der Krise braucht es mutige Entscheide.