Kantonalbank

«Warum immer die Kleinen?»: Ex-AKB-Chef nimmt Waespi in Schutz

Urs Grätzer: «Ich würde Waespi sofort wieder einstellen.»

Urs Grätzer: «Ich würde Waespi sofort wieder einstellen.»

Ex-Chef Urs Grätzer attackiert die Finanzmarktaufsicht wegen des Berufsverbots des designierten AKB-Chefs Andreas Waespi als unverhältnismässig. Er würde Waespi sofort wieder einstellen.

Die Nachricht über das dreijährige Berufsverbot für Andreas Waespi hat alle überrascht und einen besonders empört: Urs Grätzer, von 1996 bis 2006 Direktor der Aargauer Kantonalbank (AKB). Das Urteil der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht (Finma) sei «weit übertrieben und unverhältnismässig», findet er.

Die Finma beschuldigt die Bank Coop und deren damaligen Chef Waespi, zwischen 2009 und 2013 den Börsenkurs der eigenen Inhaberaktien mit Stützkäufen manipuliert zu haben, um die Bank an der Börse besser aussehen zu lassen. Deshalb kann der designierte AKB-Chef seine Stelle nicht antreten.

Dass dies «nach heutiger Sicht der Dinge» ein Verstoss gegen das Aufsichtsrecht darstellt, stellt der 68-jährige Grätzer nicht in Abrede. Waespi habe aber das gemacht, «was bis vor wenigen Jahren als Kurspflege landauf und landab gang und gäbe war». Grätzers Vorwurf an die Finma ist happig: Sie bestrafe einen Kleinen und lasse die Grossbanken unbehelligt, «weil sie Angst vor ihnen hat». Derzeit sei ja praktisch täglich von Bankbetrügereien zu lesen — etwa Manipulationen im Devisenhandel, mit Libor-Zinsen oder verbotenen Geschäften im Ausland. «Und rollen da etwa Köpfe, werden da von der Finma Berufsverbote in die oberen Etagen verhängt?», ärgert sich Grätzer.

Der Ex-AKB-Chef ist nicht allein mit seiner Fragestellung. Auch Wirtschaftsprofessor Peter V. Kunz hält das dreijährige Berufsverbot für «sehr aussergewöhnlich», wie er im «St.Galler Tagblatt» sagt. «Bisher wurden solche Verbote gegen direkte Missetäter verhängt, aber noch nie gegen einen so hochrangigen Banker.» Auch wenn Kunz das so nicht direkt sagt: Zwischen den Zeilen höre er heraus, dass auch der Wirtschaftsprofessor das Urteil gegen Waespi als unverhältnismässig erachte, meint Ex-AKB-Chef Grätzer. Er ist überzeugt: «Andreas Waespi ist ein Bauernopfer», denn er habe die Stützkäufe sicher mit Wissen von Leuten aus dem Verwaltungsrat oder Bankrat gemacht.

Einmischung in die Wahl?

Bevor er 1996 zur AKB wechselte, war Grätzer Waespis Vorgesetzter bei der Schweizerischen Volksbank in Zürich. Und er hält grosse Stücke auf den ehemaligen Mitarbeiter. «Ich — und jeder, der ihn privat oder geschäftlich kennt — kann ihm auch heute noch Redlichkeit und Seriosität attestieren», betont er. Das Internetportal «Inside Paradeplatz» nahm die gemeinsame Vergangenheit der beiden Banker zum Anlass, über eine Einmischung Grätzers in den Wahlprozess zu spekulieren.

Der Pensionierte widerspricht vehement. «Bis die Wahl bekannt gegeben wurde, habe ich nichts gewusst», hält er fest. Auch stehe er mit Andreas Waespi seit Jahren nicht mehr in persönlichem Kontakt. Erst diesen Mittwoch, nachdem die Bombe platzte, haben die beiden laut Grätzer wieder telefoniert. «Er war niedergeschlagen», so Grätzer — aus seiner Sicht zu Recht: «Dem 53-jährigen, bisher unbescholtenen und integren Banker wird seine ganze Karriere und Zukunft zerstört.» Bankenexperte Hans Geiger, der derzeit mit seinem Kampf für die Ecopop-Initiative Furore macht, sieht Waespis Perspektiven in der Bankenwelt ebenfalls düster. «Nach drei Jahren nimmt ihn niemand mehr», sagt er im «Blick».

Auch Grätzer macht sich keine Illusionen, hält aber fest: «Ich würde ihn sofort wieder einstellen. Und viele Leute, die ihn kennen, ebenso.» So oder so: Die AKB muss wieder einen neuen Direktor suchen. Bis dahin wird der aktuelle Chef Rudolf Dellenbach, der eigentlich im Mai 2015 abtreten wollte, weitermachen.

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