Gemeindelandschaft
Warum Gemeinde-Fusionen im Aargau an Fahrt verloren haben

Während der Raum Aarau eine gemeinsame Zukunft plant, sind in der Region Baden alle Fusionspläne auf Eis gelegt oder abgesagt. Im Kanton laufen noch vier Projekte.

Andreas Fahrländer
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Gibt es bald einmal eine Regionalstadt Baden-Wettingen?

Gibt es bald einmal eine Regionalstadt Baden-Wettingen?

Quelle: az; Montage: az

Im Jahr seiner Gründung zählte der Kanton Aargau 240 Gemeinden. Seit 1803 sind es zwar weniger geworden, im Vergleich mit anderen Kantonen hat der Aargau aber immer noch viele kleine Gemeinden. Nach dem jüngst besiegelten Zusammenschluss von Scherz und Lupfig werden es 2018 noch 212 sein.

Zwischen dem Jahr 2000 und 2014 herrschte Aufbruchstimmung in der Aargauer Gemeindelandschaft, zahlreiche neue Gemeinden entstanden durch Fusionen. Seither ist vieles ins Stocken geraten, viele Projekte wurden beerdigt, zuletzt im März die Fusion von Killwangen und Spreitenbach.

Erfolgsmodell Mettauertal

Ein Erfolgsmodell ist die Gemeinde Mettauertal im oberen Fricktal. Sie entstand 2010 aus den Dörfern Etzgen, Hottwil, Mettau, Oberhofen und Wil. Es gebe heute ein gutes Zusammengehörigkeitsgefühl in der neu geschaffenen Gemeinde: «Das fördern wir ganz bewusst durch gemeinsame Anlässe», sagt Gemeindepräsident Peter Weber. Die Fusion sei kein Selbstläufer gewesen, aber man habe sich bemüht, das Vertrauen der Bevölkerung nicht zu verspielen, und habe schliesslich zusammengefunden, sagt Weber.

Noch immer nicht verheilt sind dagegen die Wunden, die der Zusammenschluss von Gallenkirch, Linn, Unter- und Oberbözberg zur Gemeinde Bözberg geschlagen hat. Dort heisst es, das Thema Fusion sei erledigt, aber nicht verarbeitet. Der Streit um die Adressänderungen in der neuen Gemeinde hat die Bevölkerung entzweit statt zusammengeführt.

Gelb: Laufende Zusammenschlussprojekte

Rot: Realisierte oder Genehmigte Zusammenschlussprojekte seit 2010

Blau: Idee für eine Regionalstadt Baden-Wettingen

Gross-Aarau und Gross-Baden?

Auch in den grossen Aargauer Agglomerationen Aarau und Baden herrschte einst Fusionseuphorie. Während das Projekt «Zukunftsraum Aarau» (siehe Box) hochaktuell ist und eifrig diskutiert wird, ist die einstige Idee einer Regionalstadt Baden-Wettingen eingeschlafen.

Der Badener Stadtammann Geri Müller sieht den Stillstand pragmatisch: «Wir hatten die Fusion zu einer Regionalstadt Baden als Legislaturziel bis 2017 definiert, das mussten wir zurücknehmen.» Die Stadt habe dafür die Kooperationen mit den umliegenden Gemeinden geprüft. Mit über 100 Kooperationen sei man partnerschaftlich unterwegs. Fusionen seien im Moment nicht opportun, so Müller. Ins Stocken gerieten die Bestrebungen in der Region Baden erstmals mit dem Nein der Badener Bevölkerung zum Zusammenschluss mit Neuenhof 2010. Hätten damals nur 47 Badener mehr der Fusion zugestimmt, würden die Gemeinden heute zusammengehören. 93 Prozent der Neuenhofer stimmten damals zu.

«Der Schwung ist draussen»

Neuenhofs Frau Gemeindeammann Susanne Voser vermutet, dass heute die Zustimmung auch dort deutlich geringer wäre. Nachdem auch die Ennetbadener die Fusionsverhandlungen mit Baden auf Eis gelegt haben, sei eine Regionalstadt weiter in die Ferne gerückt. «Ich merke, dass der Schwung draussen ist», sagt Voser. Man müsse aber die Wahlen der Gemeindeexekutiven im kommenden Jahr abwarten. «Am Ende einer Legislaturperiode fängt man keine neuen Grossprojekte an. Vielleicht kommt in den nächsten Jahren wieder Bewegung in die Sache – vielleicht auch von unten, aus der Bevölkerung», so Voser.

Im vergangenen Jahr erklärten auch Obersiggenthal und Ehrendingen ihr Desinteresse an Baden. Der Wettinger Einwohnerrat lehnte im Februar einen Vorstoss zu einer Fusion mit Baden von Beginn weg ab. Geri Müller findet, man dürfe die Regionalstadt trotzdem nicht aus den Augen verlieren, denn gerade für die kleinen Gemeinden sei die Regionalplanung nicht immer einfach und das sei auch ein demokratiepolitisches Problem: «Viele Projekte müssen heute ohnehin auf regionaler Ebene beraten werden. Da stösst die Gemeindeautonomie an ihre Grenzen.»

Zurück auf die Traktandenliste

Auf die Frage, was bisher in der Region Baden falsch gemacht wurde, sagt Marco Kaufmann: «Es wurde eigentlich nichts falsch gemacht, es wurde zu wenig gemacht.» Kaufmann war Wettinger Einwohnerratspräsident und ist Vereinspräsident von «Traktandum 1». Der Verein wurde 2014 ins Leben gerufen, im Nachgang zur Badener Absage an Neuenhof.

Er will wieder Bewegung in die Diskussion um die Regionalstadt Baden-Wettingen bringen. «Ziel ist es, das Thema auf der Traktandenliste ganz oben zu behalten», sagt Kaufmann. «Das Problem ist, dass keine Gemeindebehörde das Thema an die Hand nimmt. Wenn Geri Müller sagt, es sei nicht opportun, stimmt das so nicht», so Kaufmann. «Es ist auch einfach bequem, wenn man nichts unternehmen muss. Aber jemand muss den Lead übernehmen in dieser Sache.»

Mehr Herzblut von unten

Es sei kein Herzblut und zu wenig Engagement zu spüren in den Gemeinden der Region Baden. Auch Kaufmann findet, man sollte von unten, aus der Bevölkerung, Bewegung in die Sache bringen. Allein die Finanzen dürften nicht der Beweggrund für einen Zusammenschluss sein. Kaufmanns Idealvorstellung einer Regionalstadt bestünde aus Baden und Wettingen als Zentrum, plus Ennetbaden, Neuenhof und Obersiggenthal – die Gemeinden, die ohnehin schon eng zusammengewachsen sind. In einer grösseren Variante könnte er sich auch eine Zusammenarbeit mit Turgi, Untersiggenthal, Würenlos und Freienwil vorstellen.

Zurzeit laufen im Kanton Fusionsprojekte zwischen Brugg und Schinznach-Bad, zwischen Attelwil und Reitnau und auf dem Mutschellen. Im Raum Aarau haben sich aus dem «Zukunftsraum» zwar schon sechs Gemeinden verabschiedet. Dennoch wird in und um Aarau aktiv diskutiert über verschiedene Varianten von Zusammenschlüssen. Geri Müller hat trotzdem keine Angst vor einer übermächtigen Stadt Aarau: «Aarau und Baden stehen nur schon geografisch völlig unterschiedlich da, die Regionen entwickeln sich anders.» Ein Kräftemessen zwischen den Städten sei deswegen höchstens Lokalkolorit.

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