Asyl
Warum Flüchtlinge im Aargau kaum privat untergebracht werden

Das Projekt zur privaten Unterbringung von Flüchtlingen steckt im Aargau fest – im Unterschied zu anderen Kantonen.

Manuel Bühlmann
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Sie waren die Ersten: Eine syrische Familie zog vor eineinhalb Jahren bei einem Ehepaar in Sins ein – und damit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich.

Sie waren die Ersten: Eine syrische Familie zog vor eineinhalb Jahren bei einem Ehepaar in Sins ein – und damit die Aufmerksamkeit der Medien auf sich.

Mario Heller

Die Idee leuchtet ein: Flüchtlinge sollen bei Privatpersonen wohnen, damit sie sich leichter in ihrer neuen Heimat zurechtfinden. Bis zu 70 Angebote aus dem Aargau lagen der Flüchtlingshilfe, die hinter dem Projekt steht, zeitweise vor. In Sins zog – begleitet von grossem Medienrummel – eine syrische Familie bei einem älteren Ehepaar ein. Das war vor eineinhalb Jahren. Und heute? Keine guten Nachrichten habe er, sagt Stefan Frey, der bei der Flüchtlingshilfe für die private Unterbringung verantwortlich ist. «Der Erfolg im Aargau ist bisher nicht berauschend. Das Projekt steckt fest.» Zwar konnte letzten November eine weitere syrische Familie in Muri untergebracht werden – die Stöcklis wurden dabei von «SRF bi de Lüt» begleitet –, doch seither gibt es keine Erfolge mehr zu vermelden.

In anderen Kantonen läuft das Projekt deutlich besser. Im Waadtland beispielsweise konnte die Flüchtlingshilfe schon 100 Personen vermitteln, in Bern rund 30, in Genf 20. Und auch im Kanton Solothurn sei ein Pilotprojekt kürzlich erfolgreich gestartet, wie Frey sagt. Nur im Aargau harze die Vermittlung von Flüchtlingen. Den Hauptgrund dafür sieht er in einem strukturellen Problem: «Im Unterschied zu den anderen Kantonen muss neben Kanton und Familien auch die Gemeinde einverstanden sein. Das verkompliziert den Prozess und verunmöglicht in manchen Fällen gar die Unterbringung.» Für die Flüchtlingshilfe sei der Aufwand zu gross, mit jeder Gemeinde einzeln zu verhandeln. Dabei seien die Gemeinden finanziell gar nicht betroffen, weil die Gelder in den ersten fünf bzw. sieben Jahren vom Kanton kommen. Die Schwierigkeiten führt Frey aber auch auf die politische Lage und die «nicht sehr flüchtlingsfreundliche» Stimmung im Aargau zurück. Kurz: «Das ist für uns leider zu kompliziert, weshalb wir uns auf die anderen Kantone konzentriert haben.»

Die Gemeinde profitiert

Daniela Diener, Sprecherin des zuständigen Departements Gesundheit und Soziales (DGS), teilt auf Anfrage mit: «Für den Kanton ist der Einbezug aller Partner entscheidend für das Gelingen des Projekts.» Das könne allerdings dazu führen, dass das Verfahren länger dauere. «Da die Gemeinden für die Betreuung der privat platzierten vorläufig Aufgenommenen zuständig ist, ist in diesem Fall ein Einverständnis der Gemeinden für den Kanton zwingend», sagt Diener. Diese dürften die Unterbringung bei Privaten ablehnen, etwa dann, wenn sie die Aufnahmepflicht bereits erfüllten. In diesen Fällen müsse der Kanton das Nein der Gemeinde akzeptieren und das Angebot der Privaten ausgeschlagen werden.

Dabei können die Gemeinden vom privaten Engagement durchaus profitieren, wie das Beispiel Muri zeigt. In der Einliegerwohnung im Haus der Familie Stöckli lebt seit rund einem Jahr ein syrisches Paar mit seinem einjährigen Sohn. «Wir würden es sofort wieder machen», sagt Cornel Stöckli. Das Zusammenleben sei absolut unproblematisch. «Sie sind sehr angenehme Untermieter.» Und auch die zuständige Gemeinderätin Yvonne Leuppi sagt, von Problemen sei ihr nichts bekannt. Die syrische Familie würde von den Stöcklis und ihrem Umfeld gut betreut, was die Gemeinde entlaste.

Die beiden Familien pflegen einen engen Kontakt. Den Geburtstag des syrischen Familienvaters etwa feierten sie gemeinsam in einem syrischen Restaurant. Die Stöcklis sind in Muri verwurzelt, davon profitieren auch ihre Gäste. Im Dorf kenne man die Familie unterdessen gut, sagt Stöckli. «Moustafa spielt bei den Senioren Fussball und für diesen Samstag wurde er angefragt, ob er bei der Treibjagd mithelfen möchte.» Auch die Sprachkenntnisse haben sich seit dem Einzug stark verbessert. «Wir sprechen ausschliesslich Deutsch miteinander. Ich habe den Eindruck, dass sie von der privaten Unterbringung profitieren können.»

Die Folgen der langen Wartezeit

Die Erfahrungen mit den beiden Familien im Aargau seien positiv, bestätigt Stefan Frey von der Flüchtlingshilfe. «Die Asylsuchenden lernen die Sprache viel schneller und können sich leichter integrieren.» Auch deshalb betont er: «Wir geben nicht auf. Der Bedarf ist genauso da wie der gute Wille bei den Personen, die Flüchtlinge aufnehmen wollen.» Allerdings bleibt die lange Wartezeit nicht ohne Folgen, von den ursprünglich 70 Angeboten – etwa 40 wären infrage gekommen – sind noch rund ein Dutzend geblieben. «Das ist bedauerlich, aber eine verständliche Begleiterscheinung, weil das Verfahren so lange dauert.» Eine Familie in Wettingen beispielsweise hat eine Einliegerwohnung für Flüchtlinge reserviert, diese inzwischen aber wieder vermietet, weil sie sonst zu lange leer gestanden wäre. Damit in Zukunft möglichst wenig private Angebote ungenutzt bleiben, will die Flüchtlingshilfe ihre Bemühungen verstärken. «Wir nehmen einen neuen Anlauf und suchen dabei auch die Zusammenarbeit mit lokalen Freiwilligengruppen oder Vereinen», kündigt Stefan Frey an. Eine Mitarbeiterin, die seit kurzem in einem Teilzeitpensum angestellt ist, soll sich vermehrt um die Platzierungen im Aargau kümmern.