Diagnose Demenz: ein Horror für die meisten Menschen, die Realität für viele. Allein im Aargau leben 7500 Frauen und Männer mit der Krankheit – Tendenz steigend.

Wer erkrankt, verliert Stück für Stück die Selbstständigkeit. Gedächtnis und Körperfunktionen nehmen ab, bis der Alltag ohne fremde Hilfe nicht mehr zu bewältigen ist. Die Entscheide über wichtige Fragen des Lebens – beispielsweise medizinischer oder finanzieller Art – müssen dann plötzlich andere fällen.

Über die Schicksale von Betroffenen bestimmt zuweilen die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb), die im Aargau Familiengericht heisst.

Wie oft das vorkommt, lässt sich nicht sagen. Eine Statistik wird nicht geführt. Es liege jedoch auf der Hand, dass Demenzerkrankungen vor allem bei Erwachsenenschutzverfahren mit älteren Personen im Vordergrund stehen, sagt Nicole Payllier, Sprecherin der Gerichte Kanton Aargau.

Für Schlagzeilen sorgte im Sommer ein Enkel, der seinen Grossvater ins Ausland brachte, um ihn vor der Unterbringung in einem geschlossenen Heim zu bewahren.

Dorthin hatte ihn die Urner Kesb gegen den Willen seiner Angehörigen verlegt. Aufsehenerregende Fälle wie diesen gab es im Aargau bislang zwar nicht, doch der Umgang mit dementen Menschen ist nicht leicht: Die Familiengerichte müssen so entscheiden, wie die betroffene Person selbst am wahrscheinlichsten entscheiden würde.

Allerdings wäre der Einbezug der Behörde in vielen Fällen gar nicht nötig. Erst wenn die Unterstützung der Familie nicht ausreicht, die Gemeinde die benötigte Hilfe nicht bieten kann, sollte sie zum Einsatz kommen. «Wir sind das letzte Glied in der Kette», sagt Daniel Aeschbach, Präsident des Lenzburger Familiengerichts. «Uns braucht es nicht in jedem Fall.»

Er rief jüngst an einer Weiterbildungsveranstaltung in Möriken dazu auf, vermehrt auf den Einsatz der Familiengerichte zu verzichten und diese so zu entlasten.

Eine wichtige Option: der Vorsorgeauftrag. In einem handschriftlichen Dokument erteilt man einer Drittperson den Auftrag, im Fall der eigenen Urteilsunfähigkeit die finanziellen, juristischen und administrativen Angelegenheiten zu übernehmen.

Die zentrale Frage: Wer soll für mich sorgen, wenn ich es nicht mehr kann? Eine Frage allerdings, die sich kaum jemand gerne stellt. Entsprechend wenig Entlastung erhalten die Familiengerichte durch Vorsorgeaufträge.

Davon wurden im Bezirk Lenzburg in den ersten drei Jahren der neu geschaffenen Behörde 142 deponiert. «Das ist wenig, ich habe mit deutlich mehr gerechnet», sagt Aeschbach. «Diese Option müsste noch stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung gerufen werden.» Zum Vergleich: Pro Jahr werden über 400 Testamente und Erbschaftsverträge beim Lenzburger Gericht hinterlegt.

Wie viele Vorsorgeaufträge im ganzen Kanton seit deren Einführung 2013 verfasst worden sind, lässt sich nicht sagen. Sie werden nicht an einer bestimmten zentralen Stelle deponiert.

Die Auswirkungen dieses neuen Mittels liessen sich erst in einigen Jahren messen, sagt Nicole Payllier. «Wer in den letzten zweieinhalb Jahren in gesunder geistiger Verfassung einen Vorsorgeauftrag formuliert hat, wird erwartungsgemäss erst in vielen Jahren von einem möglichen Vorsorgefall betroffen sein.»

Die Aargauer Familiengerichte sind chronisch überlastet; Entlastung wäre willkommen. Allerdings warnt Aeschbach vor zu hohen Erwartungen. «Mehr Vorsorgeaufträge würden uns etwas entlasten.»

Mittelfristig rechnet er mit deutlich mehr Demenzfällen – und damit auch mit mehr Arbeit. Diese Prognose teilt auch Payllier: «Mit zunehmender Lebenserwartung und einem demografisch steigenden Anteil älterer Personen an der Bevölkerung ist zu erwarten, dass sie und damit auch die betreffenden Erwachsenenschutzmassnahmen ansteigen werden.»