Folsäure
Warum ein Besuch von Ski-Star Maria Walliser bei Hansjörg Knecht Leben retten könnte

Maria Walliser sorgte in den Achtzigerjahren dafür, dass sich die Schweiz Skination nennen durfte. Heute hat sie eine andere Mission: Weil ihre Tochter wegen eines Geburtsfehlers im Rollstuhl lebt, tourt sie im Auftrag eines gesunden Keims durch die Schweiz. Mit Halt in Leibstadt.

Mario Fuchs
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Folsäure-Offensive, Knecht Mühle, Leibstadt
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Hansjörg Knecht, Geschäftsleiter der Knecht Mühle in Leibstadt, will künftig mehr Mehlmischungen mit folsäurehaltigen Weizenkeime anreichern.
Die 53-jährige Maria Walliser legt selber Hand an. Sie dekoriert einen folsäurehaltigen Herzbiber, den sie von Bäcker- und Konditorenpräsident Dominik Frei (links) überreicht erhielt.
Auch Hansjörg Knecht freut der Einsatz von Walliser. Wenn dieser Anlass nicht zusammenschweisst!

Folsäure-Offensive, Knecht Mühle, Leibstadt

Chris Iseli

Maria Walliser, aufgewachsen in Mosnang SG, genannt Moslig, heute zu Hause in Malans GR, ist an diesem Aprildonnerstag zu Besuch im Aargau. Genauer: Leibstadt, Oberdorf, Knecht Mühle AG.

Walliser gehörte zu jenen, die für die Schweiz zeitweise den Übernamen Skination rechtfertigten: 25 Weltcupsiege, drei Olympia-Medaillen, dreimal Weltmeisterin, zweimal Gesamtweltcup-Siegerin und Schweizer Sportlerin des Jahres. Freundlich, fröhlich, attraktiv sei sie gewesen. Das sagen die, die damals genug alt zum Fernsehen waren.

Oder: «Der wandelnde PR-Traum für eine ganze Nation», wie «bluewin.ch» einst analysierte. Das ist Maria Walliser geblieben, ihr Auftrag aber hat sich geändert. Sie sagt: «Ich liebe die Schweiz. Früher habe ich für mein Land Weltcup-Punkte gesammelt. Heute setze ich mich für gesunde Frauen und Männer ein.»

Stiftung war eine Aargauer Idee

Der Grund: Ihre älteste Tochter Siri kam mit einer Spina bifida, einem offenen Rücken, zur Welt. Und wie die Forschung herausfand, können Paare, die vor und während einer Schwangerschaft genügend Folsäure zu sich nehmen, das Risiko eines solchen Geburtsfehlers auf ein Minimum reduzieren.

Folsäure ist wichtig für die Zellteilung, wird deshalb vom Bund offiziell «Lebensvitamin» genannt. Es ist gut für das Herz, gegen Demenz. Für die Haut, gegen Hyperaktivität. Oder für gute Spermienqualität. Vor allem Paaren mit Kinderwunsch wird deshalb empfohlen, auf genügend Folsäure im Menüplan zu achten.

Folsäure: man Vitamin B9

Die Stiftung Folsäure Schweiz hat mit dem F-Label ein Symbol geschaffen, das auf Folsäure-Produkte hinweist. Bäckereien und Lebensmittelhersteller sind aber frei in der Ausgestaltung, wie sie ihre Produkte kennzeichnen.

Verschiedene Lebensmittel wie Gemüse oder Hülsenfrüchte enthalten natürliche Folsäure. Weil bei der Zubereitung ein grosser Teil der hitzeempfindlichen Folsäure verloren geht und der Körper nur die Hälfte der natürlichen Folsäure aufnehmen kann, ist es schwierig bis unmöglich, den Folsäurebedarf auf natürliche Weise zu decken. Zusätzlich werden entsprechende Vitamintabletten empfohlen. (rio)

Siri ist heute 25-jährig. Sie lebt im Rollstuhl, ist längst selbstständig geworden, absolviert in Luzern das Masterstudium in Jus. Und Maria Walliser wurde Folsäure-Botschafterin. Im Jahr 2000 gründete Erich P. Meyer, aufgewachsen in Villmergen, heute Unternehmer in Zug, die Stiftung Folsäure Schweiz. Für sie tourt Walliser durchs Land, um Bäckereien und Zulieferer davon zu überzeugen, mehr Vitamin B9, wie die Folsäure auch heisst, einzusetzen.

Und, wie am Donnerstag in Leibstadt, um Betriebe zu ehren, die das bereits erfolgreich tun. «Ich finde es juhui, dass wir heute hier sind», sagte sie zu den fünf Bäckermeistern, die stellvertretend für rund 20 Kollegen in ihren eleganten weissen Bäckerjacken in die Mühle kamen, um ein Zertifikat und eine Flasche Malanser Wein entgegenzunehmen. Der Übergabeort war nicht zufällig gewählt: Die Knecht Mühle AG ist Stiftungsmitglied der ersten Stunde.

Der Geschäftsleiter in der 4. Generation, Hansjörg Knecht, hat zusammen mit der 5. Generation, Neffe und Betriebsleiter Daniel Meier, und dem hauseigenen Produktentwickler zuletzt intensiv an neuen Rezepten mit Folsäurezusatz getüftelt. 18 Varianten wurden erarbeitet, «zwei werden wir sicher demnächst auf den Markt bringen», versicherte Knecht.

Noch Entwicklungspotenzial

Das Brot ist der beste Träger, weil der Weizenkeim mit Abstand der folsäurereichste Rohstoff ist (siehe Box). Während in über 90 Ländern auf der Welt das Mehl staatlich verordnet mit Folsäure angereichert wird, geht die Schweiz den Weg der Freiwilligkeit. Heisst: Die Bäcker können Weizenkeime, die bei der herkömmlichen Mehlproduktion entfernt werden, individuell beimischen und das Ergebnis als Spezialbrote verkaufen.

Dominik Frei, Präsident des Aargauischen Bäcker- und Conditorenmeisterverbands ABCV sagt: «Wir wollen unseren Kunden nicht bevormunden, sondern ihm einen Mehrwert bieten.» Der Verband unterstütze Bäckereien, die Folsäure-Brote ins Sortiment nehmen möchten. «Das ist eine gute Sache und wichtig für unsere Gesundheit. Es braucht aber noch viel Entwicklungshilfe.»

Nach der Ehrung nehmen der Ski-Star und der SVP-Nationalrat in der Versuchsbackstube selber Teig und Weizenkeime in die Finger. Statt Schnee rieselt das Mehl. Und Maria Walliser ist genauso glücklich wie einst auf der Weltcuppiste.

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