Organspenden

Warum die Organ-Spendebereitschaft im Aargau gering ist

Ist der Patientenwille unklar, müssen die Angehörigen entscheiden: Bei unerwarteten Todesfällen sind diese aber überfordert – und entscheiden sich meist gegen eine Organspende, auch im Kanton Aargau. Die Zahl der Organspenden ist daher viel zu tief.

Die Schweiz belegt im europäischen Vergleich bei der Organspende einen Schlussrang. Eine Studie im Auftrag der Schweizerischen Nationalen Stiftung für Organspende und Transplantation, Swisstransplant, zeigt nun: Das Spendepotenzial von rund 290 Spendern pro Jahr entspräche dem europäischen Durchschnitt, es wird aber nicht ausgenutzt. Bei über der Hälfte der geeigneten Spender verwehren Angehörige die Organentnahme. Die Spitäler versuchen, mit speziell geschultem Fachpersonal Gegensteuer zu geben.

Sechs Gespräche pro Jahr

Martin Siegemund ist Chefarzt für Intensivmedizin und Anästhesie am Kantonsspital Baden KSB. Er führt pro Jahr etwa sechs Organspende-Gespräche mit Angehörigen. Hat der Patient keine Spenderkarte, entscheiden diese zusammen mit den Ärzten über eine Organentnahme.

Ein Patentrezept für diese Gespräche gebe es nicht, so der Chefarzt. «Wichtig ist, die Situation nicht zu beschönigen: Ist der Patient bereits hirntot, sage ich das gleich zu Beginn.» Dann frage er, ob sich der Patient zum Thema Organspende geäussert habe und was die Angehörigen darüber denken. «Ziel ist es, den Willen des Patienten zu befolgen.»

Auch die Aargauer seien eher spendeunwillig: «In etwa der Hälfte der Fälle lehnt die Familie eine Spende ab – wenn der Hirntod absehbar, aber noch nicht eingetreten ist, sogar noch häufiger.» Ein möglicher Grund: «Bei potenziellen Spendern handelt es sich um unerwartete Todesfälle – Patienten mit Hirnblutungen oder mit Hirnschäden nach Reanimationen zum Beispiel. Da sind die Angehörigen in einer Extremsituation und mit der Entscheidung überfordert.» Häufig befürchteten die Familien zudem, dass weniger für die Rettung des Patienten getan wird, wenn sie ihre Einwilligung zur Spende geben – sie ihn also dadurch zum Tode verurteilen. Siegemund betont aber: «An der Behandlung ändert sich nichts.»

Spenderkarte wenig verbreitet

Um seinen Angehörigen diese Entscheidung erst gar nicht aufzubürden, wäre eine Organspenderkarte hilfreich – doch laut Martin Siegemund ist diese nicht weit verbreitet. Das Interesse sei zu gering. «Es ist absurd: Wir alle werden sterben, aber niemand spricht darüber. Nicht einmal die Ärzte», sagt der Intensivmediziner. Es sei wichtig, dass das Thema Organspende zu Hause angesprochen und die Positionen klargestellt würden. «Auch wenn jemand eine Spenderkarte hat, sollte er seine Familie informieren – sonst fällt allen der Kiefer runter, wenn der Arzt im Notfall das Kärtli aus der Tasche zieht.»

Siegemund sieht mehrere Gründe dafür, dass in der Schweiz zu wenige Spenderorgane verfügbar sind: «Dank strengerer Gesetze und besserer Ausrüstung gibt es heute weniger hirntote Verkehrsteilnehmer.» Zudem habe die Neurochirurgie enorme Fortschritte gemacht. «Der wichtigste Faktor ist aber die Zustimmungslösung», sagt Siegemund und meint damit die gesetzliche Regelung, dass der Patient oder seine Angehörigen einer Organspende ausdrücklich zustimmen muss. In anderen Ländern, wie beispielsweise Portugal oder Österreich, gilt die Ablehnungslösung: Eine Organentnahme ist erlaubt, wenn sich der Patient nicht dagegen ausspricht. Diese Länder stehen punkto Organspenderate weltweit an der Spitze. Eine solche Regelung wäre auch in der Schweiz sinnvoll, findet Siegemund. Der Chefarzt geht sogar noch weiter: «Fair wäre es, wenn Leute, die sich explizit gegen eine Organentnahme wehren, im Bedarfsfall auch keine Organe erhalten würden», findet er, betont aber, dass dies aus ethischer Sicht natürlich nicht machbar sei.

Auch bei Swisstransplant stehe man einer Widerspruchsregelung offen gegenüber, sagt Sprecherin Susanne Hess. «Wichtig ist für uns aber, dass sich Angehörige auch weiterhin äussern dürfen.»

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