Lehrermangel Aargau

Warum die Designerin den Job wechselt und Primarlehrerin wird

Stella Ginesi (26) werden ihre gestalterischen Fähigkeiten bei ihrer Tätigkeit als Primarlehrerin zugutekommen.

Stella Ginesi (26) werden ihre gestalterischen Fähigkeiten bei ihrer Tätigkeit als Primarlehrerin zugutekommen.

Von der erfolgreichen Industrial-Designerin zur Lehrerin.

Stella Ginesi ist Studentin an der Pädagogischen Hochschule und unterrichtet daneben in einem 30-Prozent-Pensum Erstklässler in Neuenhof. Die angehende Primalehrerin hat vorgängig bereits eine völlig andere Ausbildung abgeschlossen: Sie ist Industrial Designerin und machte dabei rasch auf sich aufmerksam. So wurde sie für ihre Bachelorarbeit ausgezeichnet – Ginesi hatte einen leicht reparierbaren umweltschonenden Föhn entwickelt. Später übernahmen die Zürcher Verkehrsbetriebe von Stella Ginesi entworfene Merchandising-Artikel. Der Einstieg in den Beruf war gelungen, die Zukunft schien vielversprechend. Dennoch hat die 26-Jährige sich schon bald vom professionellen Design verabschiedet und beschlossen, Lehrerin zu werden.

Was ist da passiert? «Ich habe rasch gemerkt, dass ich nicht gemacht bin für den Beruf als Designerin», sagt Stella Ginesi. Der Konkurrenzkampf sei hart, und wer bestehen und ein Auskommen finden wolle, müsse von sich selbst und dem eigenen Können sehr überzeugt sein. «Dieses Selbstbewusstsein und das nötige Durchsetzungsvermögen fehlten mir», sagt sie selbstkritisch.

Vielfalt gehört schon längst zum Schulalltag

Nach einigen Schnuppertagen in der Schule war ihr klar, dass sie Lehrerin werden möchte, dass sie in der Arbeit mit den Kindern die Leidenschaft und Freude spürte, die sie bei ihrer Tätigkeit im Berufsleben als Designerin vermisst hatte. So schrieb sie sich ander Pädagogischen Hochschule in Brugg-Windisch ein und begann ihr zweites Studium als Primalehrerin. Ein Entscheid, den die junge Frau bisher nicht bereut habe, sagt sie.

In Neuenhof unterrichtet Stella Ginesi 19 Erstklässler. Der Unterricht ist integrativ; die allermeisten der Schülerinnen und Schüler haben Migrationshintergrund. In der Klasse sind auch Kinder mit besonderen Bedürfnissen, Lernschwache, Kinder mit psychischen oder körperlichen Einschränkungen. Die Heterogenität sei weder gut noch schlecht, sagt Ginesi. «Diese Vielfalt ist Realität, aber sie macht mir keine Angst.» Und die Unterrichtstätigkeit hat einen willkommenen Nebeneffekt: «Ich habe endlich ein regelmässiges Einkommen», sagt Ginesi, auch wenn es natürlich noch nicht zum Leben reicht.

Frühestens in einem Jahr wird sie ihre Ausbildung abschliessen und eine feste Stelle antreten. «Das wird wohl kein Problem sein, denn zurzeit sind wir sehr begehrt», sagt sie. Könnte sie sich vorstellen, auch ausserkantonal zu unterrichten? «Ja, durchaus», sagt Ginesi offen, wenn die Distanz zum Wohnort Wettingen stimme und der Lohn doch deutlich höher als im Aargau sei, so seien das gute Argumente für eine Stelle im Kanton Zürich.

Erststudium wird nur minimal angerechnet

Die Ausbildung an der Pädagogischen Hochschule (PH) gefällt ihr. Besonders schätzt sie das Partnerschuljahr. Die Studierenden sind dabei während eines Schuljahrs an mindestens einem festen Tag pro Woche und in Blockphasen an einer Schule oder einem Verbund von Schulen. Die Studierenden werden als angehende Lehrpersonen ins Schulteam integriert und übernehmen schrittweise mehr Verantwortung im Unterricht und im Schulbetrieb. Eine Kritik an der PH bringt Stella Ginesi aber doch an: Von ihrem drei Jahre dauernden Erststudium in Industrial Design, das sie ebenfalls an der Fachhochschule Nordwestschweiz absolviert hat, wurden ihr für das neue Studium nur gerade 10 ECTS-Punkte angerechnet. Bei 180 verlangten ECTS für das ganze Pädagogik-Studium hätten es ruhig noch etwas mehr als bloss zehn Punkte sein dürfen, findet Ginesi.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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