Lehrermangel Aargau

Warum der junge Banker in der Realschule gelandet ist

Matthias Lehner hat sich für die Realschule und gegen die Fortsetzung der Karriere als Banker entschieden.

Matthias Lehner hat sich für die Realschule und gegen die Fortsetzung der Karriere als Banker entschieden.

Quereinsteiger: Matthias Lehner, 39, kündigte seinen Job bei der Bank, um Lehrer zu werden.

Matthias Lehner erinnert sich genau an den entscheidenden Moment: «Ich stand nach einem telefonischen Beratungsgespräch in meinem Büro, als mir schlagartig klar wurde, dass ich nicht die nächsten 30 Jahre als Teil der Bankenwelt verbringen möchte.»

Am nächsten Tag kündigte Lehner seinen Job bei der Bank, gab damit eine vielversprechende und finanziell attraktive Karriere auf und begann wenige Monate später sein Studium an der Pädagogischen Hochschule. «In der Bank fehlten mir die direkten sozialen Kontakte. Ich wollte mit und für Menschen arbeiten. Und dies, ohne stets eine wirtschaftliche Rendite erzeugen zu müssen.» Das war vor vier Jahren.

Die Realschule als menschliche Herausforderung

Inzwischen nähert sich Lehner dem Abschluss des Masterstudiums als Lehrer auf der Stufe Sek 1. Noch liegt die Masterarbeit vor ihm. Das Thema hat er festgelegt: Er versucht, eine Methode zu finden, mit der es Realschülern leichter fällt, Texte zu verfassen. Bestehende Schreibstrategien seien meistens eher auf gute und sprachkompetente Schülerinnen und Schüler ausgerichtet, sagt Lehner, der gleichzeitig auch Klassenlehrer an der Realschule in Obersiggenthal ist. Wie geht das nebeneinander?

«Das ist nicht ganz einfach», sagt der angehende Lehrer. «Ich unterrichte in einem Pensum von 75 Prozent, muss mich da also nach dem Stundenplan richten; andrerseits gibt es an der Pädagogischen Hochschule eine Anwesenheitspflicht. Da wünschte ich mir manchmal schon etwas mehr Flexibilität vonseiten der Hochschule.»

«Als Reallehrer werden Sie deutlich weniger verdienen als als Banker – ist Ihnen das egal?» – Quereinsteiger Matthias Lehner auf dem Prüfstand bei Redaktor Jörg Meier

«Als Reallehrer werden Sie deutlich weniger verdienen als als Banker – ist Ihnen das egal?» – Quereinsteiger Matthias Lehner auf dem Prüfstand bei Redaktor Jörg Meier

Der 39-jährige Matthias Lehner hat eine Lehre bei der UBS als Bankkaufmann absolviert, später an der Fachhochschule Betriebsökonomie studiert, dann bei verschiedenen Banken gearbeitet, unter anderem als Vermögensverwalter, und war schliesslich stellvertretender Filialleiter, als er das Bankgeschäft verliess.

Das Unterrichten an der Realschule gefällt ihm. Er möchte an keiner andern Stufe tätig sein. Er möge die menschliche Herausforderung, sagt er: 18 Schülerinnen und Schüler, eine multikulturelle Klasse, integrativer Unterricht; bei den Elterngesprächen ist oft ein Dolmetscher dabei. Es sei ein ehrlicher Beruf, sagt er. Und er erhalte von den Schülern viel zurück: Freude über kleine schulische Erfolge, oder auch Dankbarkeit, wenn es mit der Lehrstelle geklappt hat. Da spielt es für ihn auch keine Rolle, dass er deutlich mehr verdienen würde, wenn er Banker geblieben wäre.

Bisherige Ausbildung wird bisher zu wenig anerkannt

«Dass ich heute als Quereinsteiger an der Realschule unterrichte, bringt den Schülern einige Vorteile», sagt Matthias Lehner. So habe er selber auch eine Lehrstelle suchen müssen; habe eine Berufslehre absolviert, kenne das Wirtschaftsleben ausserhalb der Schule, habe Führungserfahrung und sei sich den Umgang mit verschiedensten Menschen gewohnt.

Deshalb kann er nicht nachvollziehen, weshalb alle Ausbildungen und Qualifikationen, die er sich in seinem bisherigen Leben erarbeitet hat, ihm bei seinem Lehrerstudium nur bruchteilhaft angerechnet werden. Da müsste die Pädagogische Hochschule den Quereinsteigern mehr entgegenkommen, kritisiert Lehner.

Gerade in der Zeit des Lehrermangels sollte die Hochschule keine unnötigen Hindernisse einbauen, die Studierende abschrecken könnten, findet der 39-Jährige. Lehner nennt ein Beispiel, das ihn betrifft: Er hat zwei halbjährige Sprachaufenthalte in Irland und Australien absolviert. Da diese aber mehr als fünf Jahre zurückliegen, muss er nochmals einen Sprachaufenthalt absolvieren, damit er die Bedingungen erfüllt. Er hofft, dass die PH ihm diese Auflage erlässt.

Autor

Jörg Meier

Jörg Meier

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