Tradition

Warum an Weihnachten die Gotteshäuser im Aargau dann doch voll sind

Wenn morgen die Frohe Botschaft verkündet wird, werden die Kirchen wie jedes Jahr an Heiligabend wieder zahlreich gefüllt sein.Flueckiger/KEYSTONE

Wenn morgen die Frohe Botschaft verkündet wird, werden die Kirchen wie jedes Jahr an Heiligabend wieder zahlreich gefüllt sein.Flueckiger/KEYSTONE

Sonst leiden sie eher unter zu wenig Aufmerksamkeit – am 24. Dezember strömen aber wieder zahlreiche Besucher in die Kirchen. An Heiligabend besuchen viele aus Tradition und dem Bedürfnis nach Besinnlichkeit die Gottesdienste.

Am 24. Dezmeber strömen wieder zahlreiche Besucher in die Kirchen, denn: Heiligabend steht vor der Türe. Viele Menschen nehmen den Vorabend des Weihnachtsfestes zum Anlass, um in die Kirchen zu gehen und die Geburt des Heilands, Jesus Christus, zu lobpreisen. Für ein Grossteil der weihnachtlichen Kirchgänger ist diese Teilnahme an einem Gottesdienst jedoch die einzige im gesamten Jahr.

Dieses Phänomen bestätigen auch mehre angefragte aargauische Pfarrer: «Wir haben am 24. Dezember zwei Gottesdienste, an denen zusammen etwa 600 Menschen teilnehmen. An unseren Gottesdiensten am Wochenende sind es zusammengenommen ungefähr zwischen 120 und 200 Personen», sagt Thomas Sidler, katholischer Pfarrer in Frick, der auch ergänzt, dass die Besucherzahlen an Heiligabend in den letzten Jahren leicht rückgängig waren.

Ebenso gewaltig sind die Unterschiede in der Reformierten Kirchgemeinde Baden, wie Pfarrer Markus Graber schildert. Dort nähmen am 24. Dezember rund 180 Menschen an der Familienweihnachtsfeier und 100 Menschen am Gottesdienst zum Heiligen Abend teil – mit abnehmender Tendenz. Hingegen seien an einem Gottesdienst am Sonntagmorgen lediglich 30 Besucher anzutreffen.

Gesellschaftlicher Druck

Woher also diese Diskrepanz? Martin Linzmeier, Co-Dekan im Dekanat Fricktal und katholischer Gemeindeleiter von Gipf-Oberfrick, ist sich sicher, dass die «soziale Pflicht», die Kirche am Sonntagmorgen besuchen zu müssen, weggefallen sei. Dieser Ansicht schliesst sich auch Kurt Grüter, katholischer Pfarrer in Wohlen, an: «Gerade in kleineren Gemeinden war die Gefahr in den 50er- und 60er-Jahren gross, dass über jemanden, der die Kirche am Sonntag nicht regelmässig besucht hat, schlecht geredet wurde.» Dieser «gesellschaftliche Druck» habe damals vielerorts für volle Kirchen gesorgt, bestätigt Daniel Hess, Pfarrer der reformierten Kirchgemeinde in Aarau und ergänzt, dass dieser Druck ab den 70er-Jahren kontinuierlich abgenommen hätte und heute gänzlich verschwunden sei.

Was sind dann die Gründe, warum Menschen immer noch so zahlreich an Heiligabend in die Kirche strömen? Eine grosse Rolle spielt die eigene Familientradition, erklärt Sabine Herold, Pfarrerin der Reformierten Kirchgemeinde Wohlen: «Bei einigen Menschen gehört der Kirchengang an Heiligabend schon seit Jahrzehnten zum fixen Programm. Für viele ist Weihnachten mit ganz persönlichen Kindheitserinnerungen verbunden, und da würde vielleicht etwas fehlen ohne den Besuch der Christnachtfeier.»

Bedürfnis nach Besinnlichkeit

Hess gibt als einen Grund ein «spirituelles Bedürfnis» an, denn: «Weihnachten ist zwar omipräsent, aber nur die Kirche als kommerzfreier Raum vermag etwas vom Geheimnis von Weihnachten zu bewahren.» Weiter hätten viele Menschen das Bedürfnis, zusammen mit ihrer Familie etwas Besinnliches zu erleben: «Die Mitternachtsmesse ist ein Ort, an dem man eine besinnliche Atmosphäre hautnah erleben kann. Gerade wenn das Licht gedimmt wird und ‹Stille Nacht, heilige Nacht› gesungen wird», beschreibt Grüter.

Und wie sieht es mit den Besuchern aus, die nach einem opulenten Weihnachtsmahl und dem ein oder anderen Glas Wein die Messe besuchen? «Bei uns ist noch niemand von der Bank gefallen», erzählt Grüter mit erheiterter Stimme und ergänzt, dass dies der Stimmung in der Messe keinen Abbruch tun würde.

Ob die Kirchenbesucher nun aus Glauben, Tradition oder weil sie einfach nur ihre Familie begleiten wollen, in die Kirche kommen, ist für Linzmeier zweitrangig: «Entscheidend ist, dass die Anwesenden etwas mitnehmen, das sie im Inneren anspricht: Sei es die Musik, ein Predigtgedanke oder die Atmosphäre der Geborgenheit.» Dem schliesst sich Sidler an: «Jeder ist willkommen, denn die Frohe Botschaft spendet allen Kraft und Zuversicht für das eigene Leben.»

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