«Praetor non curat minima», sagte der Verteidiger in seinem Eingangsreferat. Auf Deutsch übersetzt heisst das juristische Bonmot: «Der Richter kümmert sich nicht um Kleinigkeiten.» Mit Kleinigkeiten meinte der Advocatus Betrug, Hehlerei und einfache Körperverletzung. Für diese Vergehen wurde Afrim (Namen geändert) vor einem Jahr vom Bezirksgericht Lenzburg verurteilt. Unter anderem.

Der Garagist aus der Region Lenzburg hatte eine erhebliche kriminelle Energie bei der Führung seiner Geschäfte bewiesen. Mehrfach hatte er von seinen Kunden Geld erhalten, damit er ihnen ein Auto besorgen würde. Mehrfach haben diese das Geld nie wiedergesehen – und ein Auto auch nicht. Dafür gab es viel Ärger und manchmal Schläge von Schuldner Afrim. Das Bezirksgericht Lenzburg verurteilte den 38-jährigen Mazedonier zu 30 Monaten Freiheitsstrafe unbedingt und einer Geldstrafe von 10 Tagessätzen à 70 Franken sowie einer Busse von 1000 Franken.

An der Berufungsverhandlung am Aargauer Obergericht sollte es aber nicht um die Schuldsprüche für Betrug und Hehlerei gehen, diese hat Afrim akzeptiert. Sondern um die versuchte Erpressung. «Eine verworrene Geschichte», sagte der Anwalt. Sie beginnt – sofern man den Aussagen der Beteiligten glauben kann – mit der Aushändigung von 15'000 Franken an Afrim und endet mit Oralsex auf der Toilette einer Autobahnraststätte.

Selvete, verheiratet, Mutter von sieben Kindern, übergab Afrim das Geld, damit er ihr in Deutschland ein Auto besorgen würde. Einen BMW. Schon hier gingen die Aussagen auseinander. Für Afrim war das Geld ein freundschaftliches Darlehen, zur Tilgung seiner privaten Schulden. So setzte er es auch ein. Als Selvete vom Garagisten das Geld zurückforderte, sagte er, dass sie es bekomme, wenn sie ihn oral befriedige.

Afrim hat den Oralsex gefilmt und Selvete damit gedroht, das Video ihrem Ehemann zu zeigen, damit sie aufhöre, nach dem Geld zu fragen. Daher der Tatbestand der versuchten Erpressung. Die Anklageschrift beschreibt, wie Afrim Selvete mehrmals zum Oralsex überredete. Beim letzten Treffen schlug er sie mehrmals mit der flachen Hand auf den Hals.

Junger Mann, ältere Frau

Die Anklageschrift würde sich auf die Aussagen der Geschädigten stützen, sagte Afrims Verteidiger. Es bestehe keine Grundlage für die Verurteilung wegen versuchter Erpressung. Er versuchte, das Gericht davon zu überzeugen, dass nicht Afrim die Frau zum sexuellen Kontakt gezwungen habe, sondern umgekehrt. Afrim sei zum Tatzeitpunkt vor fünf Jahren noch ein junger Mann gewesen, Selvete dagegen schon eine Frau gegen 50.

Eine Mutter von sieben Kindern liesse sich wohl kaum zu solch «speziellen sexuellen Handlungen» überreden, argumentierte der Anwalt. Inwiefern die Anzahl Kinder und das Alter einer Frau ihre Bereitschaft zu sexuellen Handlungen beeinflussen, wurde vor Gericht nicht geklärt. Dafür kam bei der Befragung von Afrim bisher Unbekanntes zum Vorschein.

Der Anwalt stellte nämlich auch eine gute Frage. «Wieso führte der Oralverkehr nicht zu einer Anzeige wegen sexueller Nötigung?» Wie vor Bezirksgericht war Afrim auf einen Übersetzer angewiesen. Von diesem machte der verheiratete Vater von zwei Teenagern rege Gebrauch. Nach viel Hin und Her gab Afrim schliesslich zu, dass es sich bei der Beziehung zu Selvete um eine längere Affäre mit einvernehmlichem Sex gehandelt habe. Der Mann seiner Ex-Geliebten leide an Diabetes und sei deshalb «für Frauen nicht mehr fähig».

Bei der erstinstanzlichen Verhandlung hatte Selvete noch geweint vor Angst, dass ihr Mann vom sexuellen Kontakt mit Afrim erfahren könnte. Von ihr gab es keine neue Aussage, sie liess sich wegen einer psychischen Krankheit von der Verhandlung dispensieren.

Das Gericht hatte nach diesen neusten Erkenntnissen noch Zweifel am tatsächlichen Geschehen, hob den Schuldspruch der versuchten Erpressung jedoch auf. Die Gefängnisstrafe wurde auf 20 Monate mit einer Probezeit von vier Jahren reduziert, wovon Afrim acht Monate im Gefängnis absitzen muss.