Bundesratswahl

Walter Thurnherr: Der Wohler Physiker, der zum Bundeskanzler wurde

Verschmitzter Auftritt: Walter Thurnherr bei seiner Wahlannahme.

Verschmitzter Auftritt: Walter Thurnherr bei seiner Wahlannahme.

Das beste Resultat in Bern erzielte ein Aargauer: Walter Thurnherr wurde mit 230 Stimmen zum neuen Bundeskanzler gewählt. «Vielen Dank für das Vertrauen, ich werde mir alle Mühe geben», sagte Thurnherr bescheiden, als er die Wahl annahm.

In Wohlen erinnert man sich gut an die vier Thurnherr-Kinder von der Bergmatte. Vor allem die drei Brüder waren fröhlich, frech, gar verwegen. Sie rasten halsbrecherisch mit ihren Rollschuhen über die abschüssige, unübersichtliche Quartierstrasse; kletterten auf alles, was hoch oder gefährlich war, bauten Hütten und machten mit andern Kindern den nahen Wald zu ihrem Hauptquartier.

Im Hochsommer, wenn es so heiss war, dass der Teer auf den Strassen weich wurde, gingen sie barfuss in die Badi, freuten sich über die schmerzenden, aber herrlich geteerten Fusssohlen.

Vater Thurnherr entschied, dass die Buben mit dem grossen Bewegungsdrang in ihrer Freizeit auch etwas Rechtes machen sollten; er schickte sie in die Jungwacht und ins Kunstturnen.

Aus den Kindern wurde später etwas Rechtes: Das Mädchen ist heute Naturheilpraktikerin, ein Bub ist Gerichtspräsident, der andere Finanzfachmann. Und der älteste Sohn, Walter mit Namen, ist seit heute Mittwoch Bundeskanzler.

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Kanti statt Lehre

Walter war ein guter Schüler. Für ihn war klar, dass er nach der Bez eine Lehre machen würde. In der Familie Thurnherr war das bisher üblich. Radio- und Fernsehelektriker hätte ihm gefallen.

Er hatte schon die Schnupperlehre beim Fachgeschäft Sauter & Borcovec in Wohlen hinter sich. Doch einige Lehrer überzeugten Walter, dass er ein Kandidat für die Kanti sei.

Vater Thurnherr, Baumeister von Beruf, war zuerst etwas skeptisch. Er liess den Sohn aber gewähren. So kam es, dass Walter Thurnherr 1979 in die alte Kantonsschule Aarau eintrat.

Er ging damals nach Aarau, weil in Wohlen die mathematisch-naturwissenschaftliche Richtung, die ihn sehr interessierte, nicht angeboten wurde. Hätte er die Kanti in Wohlen gewählt, wäre er dort unweigerlich der Doris begegnet, einer Schülerin vom Lande, aus Merenschwand. Sie begann die Kanti in Wohlen, als Walter in Aarau anfing. Jahre später wurde Doris Leuthard Bundesrätin und Walter ihr Generalsekretär.

Doch zuerst einmal studierte Walter Thurnherr theoretische Physik an der ETH Zürich. Geschichte wäre die Alternative gewesen. Er entschied sich für Physik, weil er fasziniert war von der Ästhetik der mathematischen Sprache, von der absoluten Klarheit der Begriffe. «Man kann diese Sprache mit Musiknoten vergleichen. Wer sie nicht lesen kann, bleibt draussen, wer sie versteht, dem erschliesst sich eine neue Welt.»

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Ein Plakat verändert alles

Dennoch bleibt Thurnherr nicht Physiker. Er ist 25-jährig, als er an der Uni Bern ein Plakat sieht, das sein Leben verändern wird. Der Bund sucht Interessierte für den diplomatischen Dienst und lädt ein zum Test.

Das reizt Thurnherr, der Test noch mehr als die Vorstellung, Diplomat zu werden. Er stellt sich der Challenge, wird in «etwa 14 verschiedenen Disziplinen» geprüft, wie er erzählt.

Thurnherr besteht den Test und erhält gleich eine Anstellung auf der Botschaft in Moskau. «Nicht schlecht», denkt er sich – überzeugt, dass er nach einem Jahr wieder zur Physik zurückkehren wird. 26-jährig ist er bei seinem Aufbruch, was blutjung ist für einen Diplomaten.

Doch für einmal irrt Thurnherr. Der Aufenthalt in Moskau bedeutet auch das Ende seiner Karriere als Physiker. Dafür beginnt die steile Laufbahn beim Bund. Er kommt aus der Sowjetunion zurück und wechselt ins politische Sekretariat, wo er sich im Analysezentrum vorwiegend um die Kaukasusregion kümmert.

1995 kehrt er als Minister nach Moskau zurück; er ist auch Verbindungsperson zu Tschetschenien. Wieder in der Schweiz, wird er persönlicher Mitarbeiter von Bundesrat Flavio Cotti.

Nach dem Swissair-Absturz bei Halifax und dem Attentat von Luxor reagiert der Bund und entwickelt Szenarien, wie von Notfällen betroffenen Schweizerinnen und Schweizern möglichst schnell und effektiv geholfen werden kann; Thurnherr ist an vorderster Front dabei.

Er wird Chef der konsularischen Direktion, die 750 000 Auslandschweizer betreut, er hilft, wenn Schweizer im Ausland verschwinden, oder Kinder entführt werden. Als sich 9/11 ereignet, wird Thurnherr Chef des Krisenstabs; damals leben 11 000 Schweizer in New York.

2002 macht Bundesrat Josef Deiss ihn zu seinem Generalsekretär, nach Deiss’ Rücktritt wird er Generalsekretär bei Doris Leuthard. Da stimmt die Chemie, die beiden verstehen sich bestens.

Beide stammen aus dem Freiamt, beide sind in der CVP, beide haben einen ähnlichen Bekanntenkreis. Sie nehmen gewöhnlich kein Blatt vor den Mund und sind bekannt für den gleichen trockenen, schlagfertigen Humor.

«Humor ist wichtig», sagt Thurnherr. «Er hilft, dass ich nie vergesse, dass es eine Welt ausserhalb des Bundeshauses gibt.» Humor schaffe Distanz, sagt Thurnherr, auch zu sich selber. Humor helfe, die Dinge zu relativieren und «echli obe-n-abe z› cho.»

Dazu passt, dass Thurnherr eine kleine, aber feine Follower-Gruppe auf Twitter hat. Er versorgt sie nicht mit irgendwelchen politischen Botschaften, sondern er verbreitet allerlei witzige oder hintergründige mathematische Rätsel.

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Kein achter Bundesrat

Und jetzt also Bundeskanzler, gewählt mit einem Glanzresultat von 230 Stimmen. Wird er ein achter Bundesrat sein? Thurnherr winkt ab. Er sieht sich als Verbindungsglied zwischen Bundesrat und Parlament, als Beamter, der sich nicht vordrängen wird, der diskret agieren wird, aber dennoch aktiv.

Er unterstützt den Bundesrat bei der Arbeit, nimmt an den wöchentlichen Bundesratssitzungen teil, allerdings nur mit beratender Stimme. Und er glaubt, dass seine Erfahrung dienlich sein könnte; immerhin war er über 12 Jahre Generalsekretär in drei Departementen.

In der Medienkonferenz nach der Wahl gab sich Thurnherr bescheiden. «Ich bin erfreut über das gute Resultat. Aber ich muss mich zuerst noch daran gewöhnen, dass ich als Bundeskanzler vorgestellt werde.»

Thurnherr kündigte an, bei der Berücksichtigung der sprachlichen Minderheiten einen Schwerpunkt zu setzen. Es habe ihn schockiert, als er bei einem Besuch auf dem Waffenplatz Thun gehört habe, wie Rekruten aus der Romandie und der Deutschschweiz sich in schlechtem Englisch unterhielten. «Ich habe meine Tochter auf eine Schule in der Romandie geschickt, damit sie dort Französisch lernt», sagte er.

Er weiss: Die Arbeit ist streng und zeitintensiv. Für Familie und Hobbys bleibt wenig Freiraum. Thurnherrs Tag beginnt morgens um sechs und endet häufig erst irgendwann in der Nacht.

«Ich fühle mich dennoch privilegiert», sagt Thurnherr. «Ich habe eine Arbeit, die mich fordert und die mir gefällt. Und ich sitze im geschützten Büro an der Wärme, im schönen Hemd und kann Kaffee trinken, wenn mir danach ist. Ich habe grössten Respekt vor all jenen, die bei Wind und Wetter im Freien arbeiten.»

Verbundenheit bleibt

Thurnherr wohnt mit seiner Frau, die er seit der Schulzeit in Wohlen kennt, und den beiden Kindern in Sigriswil am Thunersee. Aber die Verbindung zum Freiamt, zu Wohlen ist ungebrochen.

Er hat hier seine Eltern und viele Freunde. Er spricht noch immer unverfälschtes, von jeglichen Berner Einflüssen freies Freiämterdeutsch. Und mehr noch: Auch seine beiden Kinder reden mindestens zu Hause Freiämterdeutsch.

Walter Thurnherr ist immer noch ein treuer Leser des «Wohler Anzeigers» – und er liest ihn, wie man das im Freiamt tut: von hinten nach vorne. Morgen wird auf der Frontseite zu lesen sein, dass der Walter Thurnherr von der Bergmatte, der tollkühne Rollschuhfahrer, Jungwächtler und Kunstturner, jetzt auch noch Bundeskanzler geworden ist.

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