Der Wald litt letztes Jahr unter der Trockenheit und unter Stürmen. Allein im Aargau mussten 200 000 Kubikmeter Sturm- und Käferholz geschlagen werden. Die gesamte Nutzung entsprach aber dennoch einer maximalen Jahresnutzung, die durch den Hiebsatz festgelegt ist.

Theo Kern, Geschäftsführer des Branchenverbandes WaldAargau, erklärt dies so: «Wir schlagen jedes Jahr etwa gleich viel Holz, und weniger, als nachwächst. Wenn der Käfer- und Sturmholzanteil steigt, stellen wir andere geplante Holzschläge zurück.»

Weitere Gründe sind laut Kern natürlich auch, dass der Holzpreis 2018 noch einmal gesunken ist, und dass Massen geernteten Holzes von den überlasteten Sägereien nicht verarbeitet werden können. Er empfiehlt den Forstbetrieben, Nadelholz nur zu schlagen, wenn eine Bestellung vorliegt, dafür Arbeiten für Dritte vorzuziehen. Klar zeichnet sich für ihn schon ab: «Das Loch in der Kasse wird grösser.»

Waldchef: Klimawald gehört dazu

Könnte man da nicht durch einen gezielten Ernteverzicht die Ertragslage verbessern? Indem man sich die Senkenleistung der Wälder (Bäume entziehen der Luft beim Wachstum CO2 und speichern es) über CO2-Zertifikate abgelten lässt? Ein neu gegründeter Verein Wald-Klimaschutz Schweiz hat sich dies zum Ziel gesetzt.

Die Idee führt bereits zu kontroversen Diskussionen bei den Waldfachleuten im Aargau. Das Projekt sei keine Lösung, um den Klimawandel aufzuhalten, schränkt Theo Kern ein. Aber mit Ernteverzichten könnte der Wald für 30 Jahre massiv mehr CO2 speichern als bisher. Damit könnte die Schweiz in einer Übergangsphase, in der noch viele fossile Energieträger genutzt werden, ihre Bilanz verbessern.

Flugmeilen so kompensieren?

Doch wie soll man sich so einen Klimawald vorstellen? Es gebe mehrere Möglichkeiten, sagt Kern. Man kann bewusst die Holznutzung reduzieren, und/oder auf den Vorratsabbau an Holz verzichten: «Konkret kann man zum Beispiel bewusst nur noch 80 Prozent des Zuwachses nutzen und 20 Prozent stehen lassen, und dafür CO2-Zertifikate verkaufen.» Für eine Tonne CO2, die man so auf Zeit im Wald speichert, bekommt man derzeit 35 Franken.

Im von Kern skizzierten Beispiel kann ein Waldeigentümer mit einem Ertrag von 90 Franken pro Hektare und Jahr rechnen. Personen, die ihre Flugmeilen kompensieren, oder Firmen die ihre Jahresberichte klimaneutral drucken, sind potenzielle Käufer solcher Zertifikate. Eine dritte Möglichkeit wäre, einen Mindestvorrat im Wald zu definieren und den Vorrat nicht maximal auf dieses Niveau zu senken. Diese Variante sei im Aargau besonders umstritten, so Kern: «Das grosse Problem ist, zu definieren, wie gross der Minimalvorrat sein soll.»

Podium im Herbst

Eine Empfehlung von WaldAargau gibt es noch nicht. Der Vorstand unter Präsidentin Vreni Friker hat aber beschlossen, diese Frage in einem grossen Podium voraussichtlich im Herbst breit zu diskutieren und auszuloten. Ideal wäre künftig nach Kerns persönlicher Einschätzung ein Mix aus traditioneller Holznutzung für Bau, Möbel und Heizung, sowie ein Anteil für Senkenleistungen. Illusionen darf man sich aber nicht hingeben, mahnt Kern: «Wenn die Bäume ihr Lebensalter erreichen und absterben, setzen sie das gespeicherte CO2 wieder frei.» Potenzial ist aber da. In der Schweiz wachsen nämlich jedes Jahr 10 Millionen Kubikmeter Holz nach. In den letzten Jahren wurden aber nur 7,4 Millionen Kubikmeter geerntet. Der Wald verbessert also jetzt schon jedes Jahr die Schweizer CO2-Bilanz – ohne Abgeltung.