Waldrodung
Wald abholzen für mehr Wachstum? Für Aargauer ist das keine Option

Waldrodungen im Dienste des Wachstums, wie es der Berner Regierungspräsident Christoph Neuhaus vorschlägt, haben im Aargau einen schweren Stand. In einer Umfrage vor drei Jahren sprachen sich 93 Prozent der Befragten für das Rodungsverbot aus.

Fabian Hägler
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Auch im Aargau wird im Wald mit modernen Mitteln geholzt – Rodungen für mehr Wohnraum lehnt die Bevölkerung jedoch ab ZVGArchiv.jpg

Auch im Aargau wird im Wald mit modernen Mitteln geholzt – Rodungen für mehr Wohnraum lehnt die Bevölkerung jedoch ab ZVGArchiv.jpg

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Waldflächen roden für mehr Wohnraum und Strassen im Mittelland - das hat der Berner Regierungspräsident Christoph Neuhaus in der Zeitung «Schweiz am Sonntag» vorgeschlagen.

Neuhaus ist sich bewusst, dass er damit an einem Tabu kratzt. Doch der SVP-Politiker ist sicher, dass neue Denkansätze nötig sind. Die künftige Entwicklung müsse dort aufgefangen werden, wo es der Markt verlange.

SVP-Biffiger bezeichnet Parteikollegen als Idioten

Gregor Biffiger (SVP), alt Grossrat aus Berikon, findet den Vorschlag, mehr Wald zu roden, «eine absolute Schnapsidee». Biffiger kommentierte die Idee seines Berner Parteikollegen Christoph Neuhaus auf Facebook kritisch: «Wenn das so weiter geht, trete ich auf meine alten Tage dem VCS und Greenpeace bei. Irgendjemand muss solche Idioten von Politikern stoppen!» Gegenüber der az sagt Biffiger, die Rodung von Wald könne keine Lösung sein. «Ich habe lieber den Wald, als 80 000 Einwanderer pro Jahr», hält er fest. Weniger kritisch sieht der Aargauer SVP-Parteisekretär Pascal Furer die Idee. «Im Moment wachsen Wald- und Siedlungsfläche, die landwirtschaftliche Nutzfläche geht zurück - die ernährt uns immerhin.» Völlig falsch liege
Neuhaus somit wohl nicht. (fh)

Auch im Aargau ist der Bevölkerungsdruck in den letzten Jahren stark gestiegen. Dennoch löst die Idee aus Bern im Aargau skeptische Reaktionen aus.

«Theoretisch kann man diesen Vorschlag diskutieren, allerdings ist erst am 1. Juli das neue nationale Waldgesetz in Kraft getreten», sagt Marcel Murri, der stellvertretende Leiter der kantonalen Abteilung Wald.

Ersatz gesetzlich festgelegt

Darin sei klar festgelegt, dass bei Rodungen im Aargau die entsprechende Waldfläche nach wie vor vorwiegend in der Region ersetzt werden müsse.

Murri hält fest: «Wir handhaben diese Ersatzleistungen sehr flexibel, so sind zum Beispiel auch Bach-Renaturierungen eine Möglichkeit, nicht nur reine Aufforstungen.»

Wenn möglich, würden die abgeholzten Flächen in der engeren Region, also im gleichen Tal, ersetzt.

Bevölkerung gegen Waldrodungen

Er betont zudem, dass die Waldfläche im Aargau in den vergangenen 25 Jahren bei 49 000 Hektaren konstant geblieben sei.

«In den Voralpen und Alpen sowie im Tessin ist die Waldfläche gewachsen, im Mittelland ist der Wald jedoch stark unter Druck», erläutert der Waldexperte.

Er betont: «Vor drei Jahren hat eine Umfrage mit 882 Aargauer Teilnehmern gezeigt, dass die Bevölkerung keine Rodungen will. Eine grosse Mehrheit von 93 Prozent ist dafür, das Rodungsverbot beizubehalten.»

Erstaunlicherweise seien Leute aus städtischen Gebieten wie Baden oder Aarau sogar noch stärker dagegen, dass Wald ersatzlos gerodet werde.

Windstandorte im Wald möglich

Murri ist sich bewusst, dass neue Nutzungsansprüche auf den Wald zukommen - ein Beispiel sind Windkraftanlagen.

«Dies müsste im Einzelfall geprüft werden, grundsätzlich ausgeschlossen sind Standorte im Wald nicht», sagt er. Bei Standortgebundenheit sei es möglich, Rodungen zu bewilligen, der Flächenbedarf der Windräder sei eher klein.

«Allerdings fallen die Eingriffe in die Landschaft für die Zufahrtsstrassen stark ins Gewicht und müssen kompensiert werden», hält Murri fest.

Auch die Forderung der Aargauer Bauern findet bei der Abteilung Wald durchaus Gehör. Zum Anliegen des kantonalen Bauernverbandes, dass abgeholzter Wald nicht auf Fruchtfolgeflächen ersetzt werden soll, sagt Marcel Murri: «Wir achten heute schon darauf, nicht vorrangiges, hochwertiges Landwirtschaftsland für Aufforstungen einzusetzen.»

FDP und SVP ebenfalls kritisch

Auch rechtsbürgerliche Politiker im Aargau stehen der Waldrodungs- Idee kritisch gegenüber.

«Solange die bestehenden Reserven an Bauland nicht ausgeschöpft sind, sind Rodungen für mich kein Thema», sagt FDP-Präsident Thierry Burkart.

SVP-Amtskollege Thomas Burgherr, selber als Holzbau-Unternehmer tätig, möchte lieber Industriebrachen nutzen und das Baugesetz lockern, als Wald zu roden. «Und wir müssen die Zuwanderung bremsen, denn hier liegt das Grundproblem», sagt Burgherr.