Wahlplakate sind nicht besonders beliebt. Vor allem nicht, wenn sie so gehäuft anzutreffen sind, wie das jetzt der Fall ist. Die Leute beklagen die temporäre Verschandelung der Landschaft, die wilden Sitten der Plakatierer. Den Vandalismus der Überforderten.
Kaum jemand aber erkennt die einzigartige kulturelle Leistung, welche die Parteien plakatierend erbringen; sie tun dies absichtslos und ohne Absprache – sie wollen ja nur ihre Plakate aufhängen.

Aber genau dadurch verändern sie die Strassenrandräume im ganzen Kanton und schaffen unbewusst eine Installation auf Zeit, die viel Raum für Interpretationen lässt.
Machen wir uns nichts vor: Die Beschäftigung mit Plakaten und Installationen ist mitunter recht anspruchsvoll. Aber wer sich darauf einlässt, gewinnt wertvolle Erkenntnisse. Zudem ist der Unterhaltungswert bisweilen doch recht hoch.

CVP fordert: Plakatieren frühestens ab 7 Uhr

Die Entstehung dieser Installationen, die aus unfassbar vielen, über den ganzen Kanton verteilten Elementen besteht, ist einzigartig, nicht planbar und beginnt guerillamässig mitten in der Nacht, exakt acht Wochen vor den Wahlen.

Plakatierende bewegen sich oftmals im Graubereich des Legalen; für manche ist es eines der letzten Abenteuer in unserem geordneten aargauischen Alltag.
Sie beginnen früher, als es erlaubt ist, sie halten die Abstände nicht ein, gehen näher an die Strasse, als es im Merkblatt steht; ab und zu wird auch mal ein Plakat der andern weggeschoben, überklebt, umgeworfen.

Etwas Provokation darf schon sein, das gehört dazu. Wer erwischt wird, gibt den anderen die Schuld. Plakatieren ist auch harte körperliche Arbeit und schafft eine nachhaltige Beziehung zu Kandelabern und Kabelbindern.

Doch nun will ausgerechnet die CVP das Treiben der unverzichtbaren Plakatierer drastisch einschränken. In einer Motion verlangt die Partei, die vorgemacht hat, wie man wirkungsvoll plakatiert, dass am Stichtag nicht mehr ab Mitternacht, sondern erst ab 7 Uhr morgens mit dem Plakatieren begonnen werden darf.Zudem sollen die Plakate nur noch sechs statt wie bisher acht Wochen lang hängen dürfen. Es ist davon auszugehen, dass die anderen Parteien wenig von diesen Einschränkungen halten.

Wem gilt wohl Wermuths verzückter Blick?

Natürlich werden die Aargauer Wahlplakate die Plakatkunst in der Schweiz nicht entscheidend weiterbringen. Aber darum geht es auch gar nicht. Die Plakate erzählen Geschichten. Sie zeigen zum Beispiel, dass es im Aargau unglaublich viele gut aussehende Menschen gibt.

Man fragt sich vielleicht, warum sich die Freisinnigen vor eine Mauer gestellt haben. Andere Kandidierende haben keinen Hintergrund. Ob das was zu bedeuten hat? Wer hingegen in den Ständerat will, lässt auch gerne mal gerne als Hintergrund die aargauische Landschaft wirken.

Nicht aber Cédric Wermuth. Er verzichtet auf die Landschaft und umgibt sich mit Menschen. Das ist aussergewöhnlich; sonst sind auf den Plakaten nur die Kandidierenden zu sehen. Und man möchte wissen, wem Wermuths verzückter Blick gilt.

Den Rahmen sprengt Christian Glur. Seine Plakate sind dreieckig und stehen auf der Spitze. Das sorgt für leichte Irritation. Auch der Slogan «Dank 2 mal Glur auf sicherer Spur» hilft nicht wirklich weiter.

Lustig auch, wie sich einzelne Listen gegenseitig ergänzen. So operiert die Liste 1a (junge SVP) mit grossen Grossbuchstaben beim Nachnamen, der Vorname kommt hingegen schier unleserlich klein daher. Das Pendant liefert die EVP mit der Liste 8a: Da sind die Vornamen mit grossen Grossbuchstaben geschrieben und die Nachnamen lassen sich erst aus der Nähe entziffern.

Worte von tiefem Gehalt regen das Denken an

Bleiben die Wörter. Wenn Yannick Berner fordert «Berner nach Bern» – was wäre da die Analogie für Andreas Glarner? Maja und Adrian von der FDP wollen «gemeinsam weiterkommen». Was möchten sie uns damit sagen? Harry Lütolf (CVP) sonst sehr eloquent, reduziert seine Botschaft auf ein einziges Wort: «gerecht».

Hansjörg Knecht (SVP) hingegen ist «sackstark als Politiker und Mensch». Was wiederum zur philosophischen Frage führt, worin denn der Unterschied zwischen einem Politiker und einem Menschen besteht.

Und wer so nach und nach ins Grübeln geraten ist, der oder die wird sich über diese Worte freuen: «Träum weiter», rät ein Kandidat; das tun wir natürlich gerne. Aber ob das Daniel Ballmers Wahlchancen markant erhöht? Kurz und gut: Es ist höchst verdienstvoll von den Parteien und Gruppierungen, dass sie durch ihre irritierenden Installationen entlang der Strassenrandräume der Bevölkerung vielfältige Denkanstösse vermitteln.

Das ist eine kulturelle Leistung. Und ganz ohne Unterstützung aus dem Swisslos-Fonds.
Die Installationen, die sich täglich verändern, sind kantonsweit jederzeit bis zum 20. Oktober zu besichtigen. Führungen sind bisher nicht vorgesehen. Der Eintritt ist frei.