Grossratswahlen

Wahlkampf nach dem Jemuka-Prinzip: «Jeder muss kandidieren»

CVP Bremgarten: Unter Beifall wurden die 16 Kandidierenden für die Grossratswahlen vom Oktober vorgestellt. (Archiv)

CVP Bremgarten: Unter Beifall wurden die 16 Kandidierenden für die Grossratswahlen vom Oktober vorgestellt. (Archiv)

Der CVP gelingt es als einziger grosser Partei nicht, überall eine volle Liste für die kommenden Grossratswahlen zu haben. Dabei weiss jeder Parteistratege: Köpfe bringen Stimmen. Die Partei spricht von einem bewussten Entscheid.

Die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die bei Wahlen und Abstimmungen zur Urne gehen, ist bestenfalls konstant. Hingegen verzeichnet der Aargau nun zum zweiten Mal hintereinander eine Rekordzahl von Kandidaten, die sich um ein politisches Amt bewerben. 280 Kandidatinnen und Kandidaten beteiligten sich letztes Jahr an den Nationalratswahlen: So viele wie nie zuvor. 1100 Anwärter gibt es für einen Sitz im Grossen Rat, der am 21. Oktober neu gewählt wird: Auch als das Kantonsparlament noch 200 Mitglieder zählte (heute sind es 140), war die Zahl nie so hoch.

Jeder ist besser als einer weniger

Die oft beklagte Politikverdrossenheit auf der einen und der Ansturm auf Parlamentssitze auf der anderen Seite sind für Politikberater Mark Balsiger kein Widerspruch. Für ihn steht fest: Die Kandidatenflut ist auf keinen Fall als steigendes Interesse zu deuten, sich aktiv in einem politischen Amt zu engagieren.

Er ist im Gegenteil davon überzeugt: Die meisten Kandidaten sind sich bewusst, dass ihre Chancen gering sind. Und auch wenn sie es natürlich nicht offen aussprechen würden: «Zwei Drittel der Kandidaten bei Parlamentswahlen haben nicht im Geringsten im Sinn, tatsächlich gewählt zu werden», sagt Balsiger.

Aber jeder Parteistratege weiss: Köpfe bringen Stimmen. Deshalb seien die Parteien darauf erpicht, volle Wahllisten zu präsentieren. Als Parteifunktionär baue man darauf, dass jeder Kandidat, auch wenn er sich kaum aktiv im Wahlkampf engagiere, dank seines persönlichen Netzwerks immer noch mehr bringt als ein Kandidat weniger und ein freier Listenplatz. Balsiger: «Wahlen sind kein politisches Jekami, sondern eher ein politisches Jemuka: Jeder muss kandidieren.»

Möglichst in allen Bezirken

Masse statt Klasse? Jeder Parteipräsident würde diesen Vorwurf weit von sich weisen. Die Zahlen scheinen die These dennoch zu bestätigen: Die Zahl der Grossratskandidaten ist nicht auf Rekordhöhe gestiegen, weil sich mehr Parteien und Gruppierungen an den Wahlen beteiligen. Aber nicht nur die grossen Traditionsparteien, sondern auch jüngere Gruppierungen sind darum bemüht, in möglichst allen Bezirken mit möglichst vielen Kandidaten anzutreten.

SVP, FDP und SP präsentieren in sämtlichen elf Bezirken volle Listen und schöpfen die Zahl von gesamtkantonal 140 möglichen Kandidaten aus. Auch die Grünen sind mittlerweile flächendeckend präsent und haben lediglich im Bezirk Bremgarten einen Listenplatz nicht besetzt. Die Grünliberalen, erst zum zweiten Mal dabei, sind ebenfalls in allen Bezirken mit immerhin 122 Kandidaten präsent.

Was hat es da zu bedeuten, dass die CVP als einzige der grossen Parteien zwar ebenfalls in allen Bezirken antritt, aber 21 Listenplätze nicht besetzt hat? Nach der «Jemuka-Theorie» wäre anzunehmen, die Partei leide immer noch unter dem Kater der Nationalratswahlen und habe es nicht geschafft, ihre Leute für die nächsten kantonalen Wahlen neu zu motivieren.

CVP-Präsident Markus Zemp widerspricht: «Ich bin mit dem Resultat zufrieden, im Vergleich zu früheren Wahlen sind wir eher besser dran.» Grundsätzlich sei es zwar das Ziel, in möglichst allen Wahlkreisen mit vollen Listen anzutreten. Das sei für die CVP ausserhalb der katholischen Stammlande seit jeher schwierig. Dass man zum Beispiel in Kulm, wo die Partei über gar keine Bezirksstruktur verfügt, überhaupt eine Liste zustande brachte, sei schon ein Erfolg. Und seine erste Priorität sei, keine weiteren Wähleranteile in den Stammlanden abzugeben.

Dass auch im Bezirk Baden, wo die CVP stark ist, Listen-Plätze frei blieben, war laut CVP-Vizepräsident Markus Dieth aus Wettingen ein bewusster Entscheid. Man wolle die Liste nicht auf Biegen und Brechen füllen, sondern lieber auch Wähler zum Einwerfen der CVP-Liste motivieren, die sich nicht auf Kandidaten einer einzigen Partei fixieren wollen.

Leere Listenplätze sind erklärbar

Auch Experte Balsiger sieht die CVP in einer speziellen Situation: Zwar haben auch SVP, FDP oder SP stärkere und schwächere Wahlkreise. Aber tatsächlich politisiere keine andere Partei so ausgeprägt in der Diaspora wie die CVP ausserhalb katholischer Stammlande. So sei es erklärbar, dass trotz «Jemuka-Prinzip» Listenplätze leer bleiben.

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