Am meisten interessieren wir uns für das, was man nicht wissen dürfte: Geheimsachen. Das zeigte sich auch diese Woche wieder. Hans-Rudolf Strasser, ehemaliger Informationschef des Militärdepartements EMD und unter dem Pseudonym «Franz» wichtiges Mitglied der Geheimorganisation P-26, starb am 23. Juni.

Am Montag erschien in mehreren Tageszeitungen seine Todesanzeige. Ehemalige Kameraden rechnen darin mit Alt-Bundesrat Kaspar Villiger ab, der seinen Sprecher Strasser nach Aufdeckung der P-26 im Jahr 1990 freigestellt hatte. Aus dem Nichts kam sie wieder in die Schlagzeilen, die «Kaderorganisation für den Widerstand im feindbesetzten Gebiet», die hierzulande das erste politische Erdbeben der 90er-Jahre ausgelöst hatte.

Die «Aargauer Zeitung» schreibt vom «Nachtreten in der Todesanzeige», die unabhängige Plattform «Infosperber» von den «Letzten Gefechten der Geheimarmisten», und der «Blick» ortet einen «Neuen Streit um die Kalten Krieger». Im Aargau wurden die Schlagzeilen mit besonderem Interesse gelesen. Denn der Kanton ist bis heute mehrfach involviert.

Das geheime «Zentrallager S»

A 3840: So heisst der Bunker, der jahrelang zu den geheimsten Orten der Schweiz zählte. Das «Artilleriewerk Rein» befindet sich auf Rüfenacher Gemeindegebiet, unterhalb des Ortsteils Vorderrein am linken Aareufer nahe Brugg. Zwar wurde die Anlage schon 1940 im Zweiten Weltkrieg gebaut – aber 1988/89 umgebaut. Ab dann hiess sie geheimnisvoll «Zentrallager S».

Direkt am Wasserschloss richtete die P-26 ihr wichtigstes Depot ein. Das Bild oben ging um die Welt und entstand 1990 in jenem Bunker: Generalstabschef Arthur Liener, in den Händen ein Spezialgewehr, und der Untersiggenthaler Nationalrat Anton Keller bei einer Inspektion.

Die runden Stahlcontainer enthielten alles für den Widerstand: Ordonnanzpistolen, Maschinenpistolen, Handgranaten, Verbandsmaterial und Chiffrierschlüssel für die Funker. Sogar leise Spezialgewehre, die eigens für die P-26 entwickelt wurden, wie Martin Matter für sein Buch «P-26. Die Geheimarmee, die keine war» recherchiert hat: Die Präzisionswaffe war fähig, auf grosse Distanz Überwachungskameras auszuschalten, vermied aber, dass die Kugeln einen verratenden Überschallknall auslösten. Gedacht war die Bewaffnung zur Selbstverteidigung und für Sabotageakte beim Feind. Dieses Material hat 1990 für am meisten Diskussionen gesorgt.

Seit wenigen Wochen gehört die Anlage, die bis heute einen getarnten Notausgang mitten in Vorderrein hat, dem Verein Militär- und Festungsmuseum Full-Reuenthal. Der Kanton sprach 660 000 Franken aus dem Swisslos-Fonds für die Restaurierung von insgesamt 25 Anlagen. Dass das «Speziallager S» von besonderem Interesse ist, hat Vereinspräsident Thomas Hug schnell gemerkt: «Wir haben schon jetzt laufend Anfragen von Leuten, die eine Besichtigung wünschen.» Das Konzept für die Restaurierung steht zwar. Doch bis die erste Gruppenführung stattfinden kann, dauert es noch mindestens ein Jahr. Hug sagt: «Wir wollen uns für diese historisch bedeutende Anlage die Zeit nehmen, die wir brauchen.» Sehenswert soll allein die Logistik sein: Weil das Material derart schwer war, wurden eine Decken-Einschienenbahn und ein Treppen-Schrägaufzug eingebaut. Das Lager sei original möbliert, Waffen seien aber längst keine mehr gelagert worden. Hug hofft, dass man von der Armee einige Exponate aus jener Zeit erhält. Laut dem kantonalen Denkmalpfleger Reto Nussbaumer stehen die Chancen gut, dass die Anlage unter kantonalen Schutz gestellt wird: «Die Bunkerdichte im Aargau ist hoch. Deshalb ist das Ziel, wenige exemplarische Anlagen ins kantonale Inventar aufzunehmen.» Dutzende Anlagen wurden seit 2010 von einer Fachkommission besichtigt. Das Ensemble in Rüfenach wurde als schützenswert eingestuft.

Keller: «Stellten harte Fragen»

An die schlummernden Mitglieder verteilt wurden die Waffen-Container nie, die P-26 wurde vorher ausgehoben. Daran beteiligt waren drei Aargauer Nationalräte: Anton Keller (CVP), Willy Loretan (FDP/Zofingen) und Hanspeter Thür (Grüne/Aarau). Sie waren Teil der parlamentarischen Untersuchungskommission PUK-EMD. An Thür, später als Eidgenössischer Datenschützer bekannt, hatten die Freisinnigen gar keine Freude: Es hiess, er sei nicht genügend objektiv für diese «höchst vertrauensvolle und staatspolitisch heikle Aufgabe», weil er sich für die Armee-Abschaffungsinitiative eingesetzt hatte.

Keller erinnert sich noch gut daran, wie man 1990 unter ständiger Beobachtung der Medien versuchte, die Wahrheit ans Licht zu bringen. «Wir gingen ziemlich systematisch vor und befragten alle, von denen wir das Gefühl hatten, sie wüssten etwas.» Alle mussten zum Interview unter Eid antreten: Verwaltungsmitarbeiter, Bundesräte, Generalstabschef. «Das war schon etwas Bewegendes», erzählt Keller: «Wir stellten harte Fragen. Auch Bundesräte wurden nicht geschont.» Ein Hinweis habe zum nächsten geführt. Die Bereitschaft, zu erzählen, sei hoch gewesen. Auch die Besichtigung des Lagers am Wasserschloss hatte ihm imponiert: «Das hat einen sehr geordneten, professionellen Eindruck gemacht», sagt Keller. Und bemerkt mit einem Schmunzeln: «Alles andere hätte mich auch enttäuscht.» Die Involvierten hätten die Überzeugung gehabt, dass sie einen Einsatz «im Interesse und zum Wohle des Landes leisten». Auch er habe an dieser Überzeugung nicht gerüttelt.

Grossrat und P-26-Forscher

Der Aargauer, der sich inzwischen wohl am besten mit der P-26 auskennt, ist der Brugger Historiker und FDP-Grossrat Titus Meier. Seit 2011 forscht und schreibt er für seine Doktorarbeit zu den «Schweizerischen Widerstandsvorbereitungen für den Besetzungsfall 1940–1990». Im Aargau habe es zwei Widerstandsregionen mit gesamthaft 10 bis 15 Mitgliedern gegeben: Brugg-Baden und Aarau-Olten. Zu jeder Region gehörte eine «Reserveregion» mit reduzierter Mitgliederzahl. Sie wäre aktiv geworden, falls die erste Garde von Besatzern gefangen genommen worden wäre. «Sie haben Ausbildungskurse besucht und sich getroffen», weiss Meier. «Das war alles relativ unspektakulär, lauter Durchschnittsbürger.» Zu Hause hatten sie einzig Sanitätsmaterial und Landkarten. Ausgewählte Funktionen erhielten Feldstecher oder Funkgerät. «Je weniger Material draussen war, desto weniger fragten Unbeteiligte, was das sei. Das war wichtig für die Geheimhaltung und den Selbstschutz.» Ein gutes Dutzend Ehemalige lebe heute noch, er habe einige treffen können.

Auch CVP-Regierungsratskandidat Markus Dieth traf Ehemalige, als er im Herbst 2015 auf Schloss Ebenrain BL als Grossratspräsident Aargauer Mitglieder ehrte und «für die über 70 Jahre durchgestandene Geheimhaltung» dankte.

Meiers Dissertation soll 2017 veröffentlicht werden. Etwas länger gedulden muss man sich für das komplette Bild: Die Akten im Bundesarchiv bleiben noch bis 2040 geheim. Sie werden aber auch dann noch interessieren.