Vorstoss
«Privatangelegenheit der Frauen»: Regierung will keine Gratis-Binden und Gratis-Tampons

Genau wie WC-Papier sollen in öffentlichen Gebäuden auch Hygieneprodukte für Frauen kostenlos zur Verfügung gestellt werden. Das verlangte die SP-Fraktion in einem Postulat. Doch der Regierungsrat, das fünfköpfige Männergremium, sieht keinen Handlungsbedarf.

Noemi Lea Landolt
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Die Gratis-Abgabe von Binden und Tampons scheint an Aargauer Schulen laut Regierungsrat kein Bedürfnis zu sein.

Die Gratis-Abgabe von Binden und Tampons scheint an Aargauer Schulen laut Regierungsrat kein Bedürfnis zu sein.

Lucy Lambriex / Digital Vision

«Würden Männer menstruieren, wären Tampons und Binden wohl schon längst kostenlos», sagte Grossrätin Lelia Hunziker Mitte Juni, als sie namens der SP-Fraktion im Grossen Rat ein Postulat einreichte, das verlangte, dass Binden und Tampons in allen öffentlichen Einrichtungen im Kanton gratis zur Verfügung gestellt werden. Der Kauf von Hygieneprodukten stelle bei einem begrenzten Budget einen erheblichen Aufwand dar, argumentierte die SP-Fraktion.

Doch der Regierungsrat sieht keinen Handlungsbedarf. Das fünfköpfige Männergremium lehnt das Postulat ab, und begründet diesen Entscheid eine A4-Seite lang. Gleich zu Beginn seiner Antwort stellt der Regierungsrat klar, als was die Menstruation in «unserer Gesellschaft» angesehen wird: «als Privatangelegenheit der Frau».

Finanzielle Belastung ist «tragbar»

Die Regierung führt danach zwar aus, dass die Menstruation «Scham und Unbehagen auslösen» könne, dass der «richtige Umgang mit der Hygiene» wichtig sei und dazu das «regelmässige Wechseln der Hygieneartikel» gehöre. Eine Notwendigkeit, diese Hygieneartikel gratis zur Verfügung zu stellen, sieht sich die Regierung aber nicht.

Die finanzielle Belastung sei für die «allermeisten Schülerinnen respektive deren Eltern tragbar, aber für einige ist sie spürbar». Thematisiert werde dies an den Schulen nicht. «Man spricht darüber hinter vorgehaltener Hand», schreibt die Regierung. Sie ist sich bewusst, dass die Belastung für die Betroffenen dadurch eine doppelte ist, «weil sich zum Unbehagen über die Menstruation die Scham über die sichtbar werdende Armut gesellt».

Trotzdem verlässt sich der Regierungsrat auf die Rückmeldungen der Schulen zu Thema und hält fest:

«Das Anliegen der Postulantin scheint an keiner Schulstufe ein Thema zu sein.»

Jene Berufsschulen, an denen Schülerinnen im Sekretariat Hygieneartikel verlangen können, halten fest, das Angebot werde nur selten genutzt. An den Mittelschulen sei das Thema noch nie an Schulleitungen herangetragen worden, und auch die Studentinnen der Fachhochschule Nordwestschweiz hätten die Abgabe von kostenlosen Hygieneprodukten noch nie aufgebracht.

In Bezug auf andere öffentliche Einrichtungen wie Museen oder Bibliotheken hält der Regierungsrat fest, diese würden auf freiwilliger Basis besucht. Der Besuch beschränke sich zumeist auf wenige Stunden. «Deshalb darf davon ausgegangen werden, dass menstruierende Frauen sich für diese Zeit mit den notwendigen Hygieneartikeln eindecken.»

Andere Kantone gehen das Thema offensiver an

Die Forderung nach kostenlosen Binden und Tampons ist auch in anderen Kantonen aktuell. Eine Vorreiterrolle nimmt der Kanton Waadt ein, wo ein Pilotversuch läuft. Aber auch die Stadt Zürich stellt seit nach den Sommerferien in 14 Sekundarschulen versuchsweise gratis Tampons und Binden in den Damentoiletten zur Verfügung. Kantone wie Luzern, Bern und Wallis hingegen haben politische Vorstösse in diese Richtung abgelehnt.

Ganz vom Tisch ist die Diskussion im Aargau trotz der ablehnenden Haltung der Regierung natürlich nicht. Der Grosse Rat könnte das Postulat immer noch gegen den Willen des Regierungsrats überweisen. Grossrätin Lelia Hunziker war im Juni noch optimistisch: «Ich hoffe, dass sich der Grosse Rat einen feministischen Ruck gibt. Vor allem zähle ich auf die Unterstützung anderer Frauen.»

Kirchgemeinde Baden lanciert Projekt «Necessaire»

In der Sozialhilfe sind monatlich 53 Franken für Hygieneprodukte budgetiert. Die 53 Franken müssen für Hygieneartikel, Medikamente und Coiffeurbesuche reichen. Oftmals sei das Geld dritten Monatswoche ausgeschöpft, sagt Tamara Merlini, Sozialarbeiterin und Sozialdiakonin bei der reformierten Kirche Baden plus gegenüber dem Online-Portal «ref.info». Hygieneartikel seien ein grosser Posten im Haushaltsbudget, «vor allem Binden, Windeln, WC-Papier sowie Artikel der persönlichen Körperpflege».

Die Kirchgemeinde lancierte deshalb mit dem christlichen Sozialwerk Hope sowie dem Verein Netzwerk Asyl Aargau das Projekt «Necessaire». Seit August werden im «Drehpunkt» in Baden für einen symbolischen Preis Hygieneartikel wie Zahnpasta, Damenhygieneartikel, Bodylotion, Rasierklingen und Kondome abgegeben. «Der Laden ist für alle offen, die mit wenig Geld den Alltag bestreiten müssen. Auch für Studenten und Lehrlinge», sagt Projektleiterin Tamara Merlini gegenüber «ref.info».

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