Vorgabe
Nur mit Zertifikat ins Klassenlager? Rechtsanwältin Nicole Burger kritisiert Entscheid der Kreisschule Aarau-Buchs

Künftig gilt für alle Schülerinnen und Schüler, die an einem Lager der Kreisschule Aarau-Buchs teilnehmen, die Zertifikatspflicht. Doch darf die Schule dies überhaupt vorschreiben? Nicole Burger – Rechtsanwältin, Kreisschulrätin und Kandidatin für den Aarauer Stadtrat – stellt dies in Frage.

Fabian Hägler
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An der Kreisschule Aarau-Buchs dürfen nur Jugendliche ins Lager, wenn sie geimpft, genesen oder getestet sind.

An der Kreisschule Aarau-Buchs dürfen nur Jugendliche ins Lager, wenn sie geimpft, genesen oder getestet sind.

Symbolbild: Archiv

Am gleichen Tag, als der Bundesrat die Zertifikatspflicht in Restaurants, Fitnesszentren, Hallenbäder, Sporthallen und anderen Innenräumen ab Montag beschloss, verschickte die Kreisschule Aarau-Buchs einen Elternbrief, der für Aufruhr sorgt. Die Schulleitung teilte den Eltern mit, dass eine Zertifikatspflicht für die Teilnahme an Lagern eingeführt wird, wie «20 Minuten» berichtet. Kinder, die nicht geimpft, genesen oder getestet sind, dürfen demnach nicht ins Lager, sondern müssen am regulären Unterricht teilnehmen.

Ein Rechtsanwalt sagt gegenüber «20 Minuten», die Kreisschule Aarau-Buchs dürfte für den Erlass dieser Massnahme nicht zuständig sein. Aus seiner Sicht müsste der kantonsärztliche Dienst oder der Regierungsrat eine Zertifikatspflicht für Schullager anordnen. Dies sieht Nicole Burger gleich: Die Rechtsanwältin, Kreisschulrätin und SVP-Kandidatin für den Aarauer Stadtrat hat beim Kreisschulrat eine Anfrage zur Zertifikatspflicht für Schullager eingereicht.

Nicole Burger, Rechtsanwältin und Stadtratskandidatin in Aarau.

Nicole Burger, Rechtsanwältin und Stadtratskandidatin in Aarau.

zvg / Aargauer Zeitung

Burger schreibt, die Anordnung der Schulleitung werfe mehrere Fragen auf – insbesondere jene, woraus die Kreisschule ihre Zuständigkeit für diesen Entscheid ableite. Sie hält fest, der Bundesrat nehme Kinder unter 16 Jahren explizit von der Zertifikatspflicht aus.

Die Kreisschule verlange hingegen auch bei Jüngeren einen Nachweis, dass sie geimpft, genesen oder getestet sind. Burger will wissen, auf welche gesetzliche Grundlage sich die Schule bei dieser Anordnung stützt. Zudem fragt sie, wer die Tests bezahle und ob die Kapazitäten reichen, um sehr viele Schülerinnen und Schüler im Aargau vor einer Lagerwoche testen zu lassen.

Philip Wernli, der Leiter der Kreisschule Aarau-Buchs, sagt gegenüber «20 Minuten», das Vorgehen werde vom kantonalen Bildungsdepartement (BKS) und vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) dringend empfohlen. Zudem sei die Zertifikatspflicht für Lager vom Rechtsdienst des BKS geprüft worden.

Durch die gemeinsame Verpflegung, die Übernachtung mehrerer Kinder in einem Raum und die Nutzung der gleichen WC-Anlagen müsse die Schule von einem erhöhten Ansteckungsrisiko bei Schullagern ausgehen, sagt Wernli. Und der Schulleiter hält fest: «Mit der Zertifikatspflicht kann das Risiko eines Ausbruchs während des Lagers gesenkt werden.»

Bundesamt für Gesundheit empfiehlt: Lager nur mit negativem Testergebnis

In den Rahmenvorgaben des BAG für Lager im Kultur-, Freizeit- und Sportbereich wird «dringend empfohlen, alle Teilnehmenden im Vorfeld eines Lagers zu testen». Diese Testungen könnten durch gepoolte Speichel-PCR-Tests oder Antigen-Schnelltests durch Fachleute durchgeführt werden. Das Schutzkonzept für Lager soll gemäss den BAG-Empfehlungen «sicherstellen, dass eine Teilnahme nur mit negativem Testergebnis möglich ist».

Auf die Frage, ob eine Rechtsgrundlage besteht, damit eine Schule für Lager ein Zertifikat verlangen darf, sagt Simone Strub, Sprecherin des Bildungsdepartements:

«Die Schülerinnen und Schüler stehen während eines Lagers unter der Obhut der Schule. Diese hat deshalb im Rahmen eines Schutzkonzepts Vorkehrungen zu treffen, dass die Kinder während dieser Zeit nicht erkranken.»

Das Testen sei bei Covid-19 und der ansteckenderen Delta-Variante die beste Möglichkeit, um das Risiko zu minimieren, asymptomatische, aber ansteckende Kinder mit ins Lager zu nehmen.

Bildungsdepartement unterstützt Test-Empfehlung des Bundes

Seit den letzten Lockerungsschritten vor den Sommerferien sind Lager und mehrtägige Ausflüge von Schulen wieder erlaubt. «Seither verweisen wir auf das Merkblatt des Bundesamtes für Gesundheit», hält Strub fest. Dort werde dringlich empfohlen, nur getestete Teilnehmende für Lager zuzulassen. Sonst seien Ansteckungen in Lagern kaum zu vermeiden und das Virus werde danach zurück in die Familien und in die Schule getragen.

Ob es weitere Schulen im Aargau gibt, die für Klassenlager das Zertifikat verlangen, weiss Strub nicht. «Es ist uns nicht bekannt, welche Schulen eine solche Regelung eingeführt haben. Da Klassenlager nicht zwingend Teil des Volksschulangebots sind, ist das auch nicht für jede Schule ein dringliches Thema», sagt die Sprecherin. Sie betont, dass Tests für Kinder und Jugendliche im Volksschulalter auch nach dem 1. Oktober gratis bleiben.

Kanton überprüft Prozess bei Massentests an Schulen

Mit dem Ende der Sommerferien hat sich die Zahl der Covid-19-Infektionen im Aargau sprunghaft erhöht. Beim repetitiven Testen in den Schulen gab es dreissig Mal mehr positive Mischproben. Aktuell können die Nachtestungen in Schulen wieder zeitnah – in der Regel innert 24 Stunden – durchgeführt werden.

Die Ausbrüche in Schulen führen aber weiterhin zu einer hohen Belastung, wie der Regierungsrat mitteilt. Diese Woche waren 62 Klassen in Quarantäne und drei Schulstandorte geschlossen. Der Regierungsrat hat eine Überprüfung und Verbesserung der Prozesse beim repetitiven Testen an den Schulen in Auftrag gegeben.

Dabei werden für die Schulen auch Alternativen zum repetitiven Testen geprüft, unter anderem ein erweitertes Ausbruchsmanagement. Der Regierungsrat werde «zeitnah über die Weiterführung des repetitiven Testens an den Schulen entscheiden».

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