Die Angst schrieb diese Schlagzeilen: «Gruppen-Grapscher», «Sex-Mob», «Grüsel-Flüchtlinge». Nach der Silvesternacht wurde aus Köln, Zürich und anderen Städten von Gruppen männlicher Asylsuchender berichtet, die Frauen umzingelt, misshandelt und vergewaltigt haben sollen.

Der Kanton Luzern reagierte darauf: Regierungsrat Guido Graf (CVP) liess ein Infoblatt an die Asylsuchenden verteilen – im Hinblick auf die Luzerner Fasnacht. Es zeigt in Piktogrammen 20 Grundregeln «für das Zusammenleben in der Schweiz». «Es herrscht eine gewisse Verunsicherung», begründete Graf. Von der «Anti-Grapsch-Kampagne», so schrieb das Online-Portal «zentral+», erhoffe sich der Luzerner Gesundheits- und Sozialdirektor, dass «Asylbewerber – vor allem Männer – zu einem frühen Zeitpunkt darüber informiert werden, wie man bei uns mit Frauen umgeht.». Man wolle keine Angst schüren, aber doch «unser Möglichstes getan haben, um sexuelle Übergriffe zu verhindern», sagte Graf.

Diese Woche geht die Fasnacht mit dem Schmutzigen Donnerstag richtig los – auch im Aargau. Schöne Bräuche, farbige Umzüge und fröhliche Maskenbälle stehen an. Natürlich nicht nur, aber oft mit nackter Haut und viel Alkohol. Müssen nun die Asylsuchenden im Aargau also wie in Luzern «sensibilisiert» werden? Verteilt der Kanton Infoblätter oder gibt er Schulungen, die erläutern, was man darf und was nicht?

Balz Bruder, Sprecher des für die Asylsuchenden zuständigen Departements Gesundheit und Soziales, sagt: «Themen wie Gleichstellung, Sexualität und Verhalten gegenüber Frauen und Mädchen werden zum Zeitpunkt, da Asylsuchende in kantonalen Unterkünften untergebracht werden, angesprochen.»

Dies sowohl in Bezug auf das Verhalten in der Unterkunft als auch im öffentlichen Raum. Eigentliche Schulungen dafür gebe es aber nicht: Die Erfahrung zeige, dass die persönliche Ansprache, insbesondere im Fall von Fehlverhalten, «der wirksamste Weg ist, um die Personen mit unseren Gepflogenheiten vertraut zu machen.»

Bruder sagt: «An Orten, wo die Fasnacht hoch im Schwange ist, findet eine vertiefte Information über das Brauchtum und dessen Eigenheiten statt.» Dabei gehe es insbesondere auch darum, das Fasnachtstreiben kulturell einzuordnen und allfällige Missverständnisse über das Verhalten an der Fasnacht auszuräumen. Es gehe grundsätzlich «um Sensibilisierung dafür, was erlaubt ist und was nicht», und dass man Fasnachtstreiben «in diesem Kontext nicht als Freipass missdeuten» dürfe.

Informiert werden die Asylsuchenden von den Mitarbeitenden des Kantonalen Sozialdienstes. An Orten, wo eine Geschützte Operationsstelle als Asylunterkunft in Betrieb ist, übernimmt das Betreuungsunternehmen ORS Service AG die Aufgabe.

Zum Teil, erklärt Balz Bruder, gebe es auch direkte Kontakte mit den lokalen Fasnachtsverantwortlichen und den politischen Behörden. Und bei Bedarf könne man zudem interkulturelle Vermittler beiziehen. Eine Aufklärungskampagne wie in Luzern wäre laut Bruder im Aargau zwar «grundsätzlich denkbar», sei jedoch «nicht vorgesehen».

Die «Schweiz am Sonntag» hat sich bei einigen Fasnachtsorganisatoren umgehört. Die Massnahmen des Kantons kommen bei ihnen gut an. Sie betonen aber auch unisono, dass es bislang noch nie Probleme mit Asylsuchenden gegeben habe. So sagt Mario Stanco, der vor einer Woche als OK-Präsident die Häxebocknacht, einen traditionellen Maskenball in Gebenstorf, verantwortete: «Asylsuchende waren bisher nicht an unserem Ball zu Gast. Wir hätten aber auch keine Bedenken, falls sich dies ändern würde.»

Dieses Jahr habe man die Security darauf sensibilisiert, die Augen offen zu halten, falls es Probleme in diese Richtung geben sollte. «Der Ball ging aber ohne eine einzige Auseinandersetzung über die Bühne, obwohl mehr Besucher kamen als erwartet», freut sich Stanco. Bei den meisten Bällen, die jetzt bevorstehen, sind Asylsuchende kein Thema – man vertraut auf die friedliche Stimmung und den Zusammenhalt unter den Fasnächtlern.

Patrizia Bertschi, Präsidentin des Netzwerks Asyl Aargau, bestätigt den Eindruck, dass die Fasnacht bei Asylsuchenden zwar für Erklärungsbedarf sorgen kann, nicht aber für Polizeibedarf. Sie sagt:«Die Fasnacht war bisher nie ein Thema, ausser eventuell Antworten auf kleine Fragen.»