Auswanderer

Vor 200 Jahren zog ein Suhrer los und gründete 7500 Kilometer entfernt «New Lenzburg»

Der Weg in die neue Heimat war beschwerlich: Die Zeichnung zeigt Auswanderer, die 1850 im Hafen von Hamburg auf die grossen Schiffe gebracht werden.

Der Weg in die neue Heimat war beschwerlich: Die Zeichnung zeigt Auswanderer, die 1850 im Hafen von Hamburg auf die grossen Schiffe gebracht werden.

Seine Braut verschwand, seine Briefe wurden von der Aargauer Regierung verboten und auf seinem Land entstand vor 200 Jahren das amerikanische «Lenzburg» – die Geschichte des Suhrer Auswanderers Bernhard Steiner.

Irgendwann wurde es dem Bezirksamtmann in Aarau zu bunt. Er schickte seine Landjäger los, nach den gefährlichen Schriften zu suchen und sie zu beschlagnahmen. Das Abschreiben und Weitergeben der Briefe wurde bei Strafe verboten. Niemand sollte sie sehen, diese unsäglichen Schreiben, diese verführenden Schwärmereien, die alle ganz närrisch machten, ja gar zu Vaterlandsverrätern.

Geschrieben hatte diese verbotenen Briefe der Amerika-Auswanderer Bernhard Steiner. Der Mann, dem am Hafen von Antwerpen die Verlobte abhandengekommen war. Der Mann, der als Gründervater von «New Lenzburg» gilt. Der Mann, der mit seinem Aufruf zur Auswanderung die Aargauer Regierung in helle Aufregung versetzte. Und der Mann, der schliesslich ein so schaurig-trauriges Ende fand. 200 Jahre ist das alles her.

Die Braut schipperte davon

Bernhard Steiner, Dürrenäscher Bürger, wurde 1781 in Suhr geboren. Nach seiner Schreinerlehre brach er zu seinen Wanderjahren auf und machte im Neuenburgischen mit dem Handel von Uhren und Spieldosen ein kleines Vermögen. Steiner verlobte sich mit einer Tochter aus wohlhabendem Haus und entschloss sich um 1810, mit Braut und deren Eltern nach Amerika auszuwandern. Um sich am Hafen von Antwerpen die Wartezeit zu überbrücken, verliess Steiner kurz die Stadt. Ein folgenschwerer Fehler: Das Schiff stach in See – ohne Steiner an Bord, aber mit der Braut, ihren Eltern, Steiners gesamten Habseligkeiten und dem ganzen Geld. Um seiner Braut hinterherreisen zu können, liess sich Steiner von der amerikanischen Armee in Philadelphia anwerben, die die Reisekosten übernahm. Steiner suchte seine Braut noch jahrelang im ganzen Land, doch vergeblich.

Mehr Glück hatte Steiner in geschäftlicher Beziehung: Als Handelsreisender importierte er für Siedler Güter aus Europa. Dabei machte er nicht nur ein Heidengeld, das er in Ländereien investierte, sondern lernte auch Land und Leute kennen. Von seinen Erlebnissen berichtete er seinen sechs Schwestern daheim in Suhr. In seinen Briefen beschrieb er in den schillerndsten Farben, wie gut es sich im fernen Land leben liess, und rief die Daheimgebliebenen auf, es ihm gleichzutun und das trostlose Leben im Vaterland zurückzulassen. So schrieb Steiner beispielsweise (auszugsweise):

«Es ist das beste Land der Welt, ich wollte wünschen, dass alle meine lieben Schwestern und Schwäger und andere gute Freunde sich in diesem Land sehen liessen. Jedermann ist frei und kann treiben, handeln, schalten und walten nach seinem Belieben. In diesem Land sind gute Gesetze und Obrigkeit, welche die Untertanen selbst erwählen und absetzen, wann sie wollen.»

Steiner schreibt weiter, dass die Todesstrafe in den Vereinigten Staaten nicht existiere. Im Aargau galt damals die Todesstrafe nicht nur für Tötungsdelikte und Brandstiftung, sondern auch für Gewohnheitsdiebe.

«Ich habe eingesehen, in was für einer Lage Europa ist, dass es sehr hart ist für einen Menschen, der nicht reich ist, ehrlich durchzukommen, weil die Missgunst so gross ist vom Grössten bis zum Kleinsten; wenn einer noch ehrlich durchkommen könnte, so sind hundert Vergönner dagegen.»

Was für ein Gegensatz zu Amerika, schwärmte Steiner. Das Volk sei brav, gottesfürchtig, ruhig und still, friedsam und gar nicht missgünstig, man habe Freude, wenn ein Fremder gut vorankommt. Steiner bietet allen Auswanderungswilligen seine Hilfe an.

«Wenn es einer überlegt, in was für einem Zustand Europa ist, als ein alter Baum, der von Jahr zu Jahr abnimmt, Amerika hingegen wie ein junger Baum, der auf gutem Grund steht, der von Jahr zu Jahr gewaltig zunimmt. Es steht Euch allen frei, die Bahn ist offen und ich kann und will euch behülflich sein.»

Regierung in «grosser Sorge»

Bernhard Steiners Erzählungen über ein Leben in Fülle und Wohlstand wurden in der Heimat dutzendfach kopiert und verbreitet. Was für eine Verlockung für die Menschen, die nach dem Hungerjahr 1816 gedörrte Kartoffelschalen frassen und vor kalten Öfen sassen, weil es kein Holz mehr gab (siehe Box oben rechts). Schliesslich erfuhr auch die Regierung in Aarau von den Briefen und liess sie amtlich einziehen und vernichten. Selbst Steiners Verwandte in Schafisheim und Hunzenschwil wurden zitiert, um ihnen die Verbreitung der Briefe und die Anwerbung zur Auswanderung zu verbieten. Als Begründung nannte die Regierung die Sorge, dass eine Auswanderung schon manchen Familienvater in grösstes Unglück gestürzt habe. Vielmehr dürfte es aber Steiners schonungslose Kritik an den Aargauer Verhältnissen gewesen sein, die den Herren Regierungsräten sauer aufstiess.

Eine kleine Gruppe aber schreckte das Verbot nicht: Ende 1817 wanderte eine 37-köpfige Gesellschaft aus, darunter drei Schwestern Steiners und ihre Familien aus Schafisheim und Hunzenschwil. Im Januar 1818 erreichte die Gruppe Steiners Land in Illinois und gründete eine Siedlung – das spätere «Lenzburg». Bernhard Steiner hatte grosse Pläne, unter anderem wollte er einen Holzhandel aufziehen und Schweizer Uhrmacher herholen, um eine Uhrenmanufaktur zu gründen. Doch auf einem Ritt zu seinen Holzfällern 1821 wurde Steiner von einer Räuberbande angegriffen und erschlagen – ausgerechnet er, der die Sicherheit im Land so gelobt hatte.

Steiners Nachfolger als Chef der Siedlung wurde sein Neffe Peter Baumann. In seinem Blockhaus wurde 1840 die erste Poststation der Region errichtet. Als die Poststation einen Namen brauchte, nannte Baumann sie «Lenzburg».

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