Tödlicher Orkan

Vor 20 Jahren wütete «Lothar» – warum er für die Aargauer Natur keine Katastrophe war

Vor 20 Jahren zog «Lothar» über die Schweiz. Im Aargau wütete er besonders heftig. Erwin Städler war damals erst seit zwei Monaten Kreisförster. Es war ein turbulenter Start. Aber für die Natur sei der Orkan keine Katastrophe gewesen.

Mit Spitzen bis zu 150 Kilometer pro Stunde fegte «Lothar» am 26. Dezember 1999 durch das Mittelland und hinterliess ein Bild der Zerstörung. Im Aargau kamen drei Menschen ums Leben – darunter ein 6-jähriger Bub, der in Suhr vor seinem Elternhaus von einem Baum erschlagen wurde. Die «Aargauer Zeitung» berichtete am Tag danach auf fünf Spezialseiten über den tödlichen Weihnachtsorkan. Die Erinnerungen an entwurzelte Bäume, blockierte Strassen und abgedeckte Dächer sind auch 20 Jahre nach «Lothar» noch wach.

Erwin Städler hatte am 1. Oktober 1999 seinen ersten Arbeitstag als Kreisförster in der Region Zofingen. «Es war für mich sowieso schon eine strube Zeit mit vielen neuen Aufgaben», erzählt er. An jenem 26. Dezember war er in der Ostschweiz auf Besuch bei Verwandten. «Es hat schon geluftet. Aber das Ausmass des Sturms wurde mir erst bewusst, als ich am Abend im Fernsehen die Nachrichten sah.» Am nächsten Tag brach er seine Ferien ab und machte sich auf den Weg in den Aargau. «Je weiter ich in den Westen fuhr, desto schlimmer hat es ausgesehen», erinnert er sich. In Staffelbach, wo er damals wohnte, hat der Horizont anders ausgesehen. Wo vor dem Sturm dichter Wald war, ragten nur noch einzelne Bäume in den Himmel.

Erwin Städler, damals 34 Jahre alt, telefonierte mit den Förstern im ganzen Forstkreis, um sich einen ersten Überblick über die Schäden zu verschaffen. Alle sagten das Gleiche: «Wir kommen gar nicht in den Wald rein.» Sie haben sich in den folgenden Wochen und Monaten langsam vorgearbeitet. Priorität hatten Strassen und wichtige Zufahrten. Erst danach kam der Wald an die Reihe. Gewisse Waldstrassen hätten die Förster absichtlich nicht freigeräumt, damit die Leute gar nicht erst auf die Idee kamen, in den Wald zu gehen. «Es war einfach viel zu gefährlich», sagt Erwin Städler.

Viele Förster waren nach dem Orkan am Boden zerstört. «Sie identifizieren sich natürlich sehr mit ihrem Wald», sagt er. Nach dem Sturm gab es das Werk, an dem sie über Jahre gearbeitet hatten, nicht mehr. In finanzieller Hinsicht sei der Orkan für die Waldeigentümer eine Katastrophe gewesen, sagt Erwin Städler. «Aber für die Natur war ‹Lothar› keine Katastrophe. Die Natur kann mit solchen Ereignissen umgehen.» Häufig seien sie sogar eine Chance. So habe die Artenvielfalt im Wald in den letzten 20 Jahren nicht abgenommen, sondern eher zugenommen. «Dank ‹Lothar› gelangten viel Licht und Wärme in den Wald und davon haben verschiedene Arten profitiert», sagt Erwin Städler. Das Weidenröschen zum Beispiel wachse sofort auf kahlen Flächen und vom Holz, das nach dem Sturm liegenblieb, hätten sehr viele Käfer- und Pilzarten profitiert.

Förster gingen unterschiedlich mit den Sturmschäden um

Die Philosophie gegenüber dem Wald habe sich durch «Lothar» nicht verändert. Schon vor dem Sturm wollte man den Wald wieder naturnaher gestalten. Aber anders als nach dem Orkan Vivian im Februar 1990, wo Waldeigentümer Bundesbeiträge für den entstandenen Schaden erhielten, investierte man nach «Lothar» bewusst in die Wiederbewaldung. «Man hat gemerkt, dass das Geld nach ‹Vivian› direkt in die Sägewerke floss, ohne im geschädigten Wald etwas zu bewirken», sagt Erwin Städler.

Mit den Sturmschäden nach «Lothar» sind die Förster im Aargau unterschiedlich umgegangen. Das zeigt sich beispielsweise an der Grenze zwischen Staffelbach und Uerkheim. Während der Förster aus Uerkheim möglichst schnell wieder auf der ganzen Fläche junge Bäume wollte und aktiv nachhalf mit Pflanzungen, wartete jener in Staffelbach ab, um die natürliche Wiederbewaldung zuzulassen. Auf einer Fläche von zirka fünf Hektaren liess er gar alle Bäume liegen. Bis heute sind sie da und erinnern an den schwersten Sturm seit Menschengedenken.

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