Katastrophen im Aargau
Vor 20 Jahren brannte es in Stein: «Die Nacht war taghell»

Am 4. Januar 1991 entgleiste in Stein ein Zug mit mehreren Zisternenwagen voller Benzin. Bei der Löschaktion waren 750 Feuerwehrleute im Einsatz. Der ehemalige Gemeindeammann Hanspeter Ackermann erinnert sich an die Katastrophe.

Adrian Hunziker
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Zugunglück in Stein-Säckingen von 1991
8 Bilder
Auf dem Bahnhofperron in Stein-Säckingen
Apokalyptische Stimmung
Die Feuerwehren waren im Dauereinsatz
Das Benzin verbrannte und machte die Nacht zum Tag
Auch am Tag wurde gelöscht und gelöscht
Die Löscharbeiten am Tag

Zugunglück in Stein-Säckingen von 1991

ZVG

Der ehemalige Gemeindeammann von Stein, Hanspeter Ackermann, wird dieses Jahr seinen 80. Geburtstag feiern. «Nein, es wird keine grosse Fete geben», sagt Ackermann. Er lasse sich nicht gerne feiern.

Obwohl er nicht gern im Mittelpunkt steht, war genau dies vor 21 Jahren beim Zugunglück von Stein der Fall. Gegen ein Uhr morgens schaute Ackermann aus dem Fenster, bevor er zu Bett gehen wollte. Er sah sofort, dass etwas passiert sein musste: «Eigentlich war es ja Nacht, aber der Himmel war hell.» Er dachte sich: «Das wird eine lange Nacht.» Da kam auch schon der Anruf der Feuerwehr. Ackermann rüstete sich mit einer Taschenlampe aus und machte sich auf den Weg - ohne genau zu wissen, was da auf ihn zukommt.

Das Benzin brannte immer weiter

Als er am Bahnhof ankam, fragte er die Einsatzleute nach Verletzten oder Toten. «Als sie mir sagten, dass keine Menschen zu Schaden gekommen sind, beruhigte mich das bereits.»
Dann sah Ackermann ein Bild, das ihm heute noch in Erinnerung ist: Es war überall hell. Er und andere Anwesende dachten, dass das Ausmass noch viel gravierender sei, als es letztlich war. «Das Feuer brannte immer weiter. Es war eine apokalyptische Stimmung», erinnert sich der ehemalige Gemeindeammann. Es stank aber nicht gross, denn das Benzin verbrannte, sobald es aus den Wagen lief. Solange es brenne, sei es nicht so schlimm, sagten die Feuerwehrleute zu Ackermann. Die verschiedenen Feuerwehren kamen von überall her, um zu helfen. Die Gruppe aus St. Blasien hatte den weitesten Anfahrtsweg.

Was damals geschah: Der Grossbrand

Am 4. Januar 1991 fuhr um 0.12 Uhr ein Güterzug durch den Bahnhof Stein-Säckingen. Insgesamt 14 Zisternenwagen hatten je 85 000 Liter Superbenzin geladen. Wegen eines Radbruchs entgleisten acht Wagen, während die Lokomotive mit sechs Zisternenwagen weiter durch den Bahnhof fuhr. Plötzlich gab es mehrere Explosionen und drei der acht entgleisten Benzinwagen brannten lichterloh. Insgesamt standen bei diesem Unglück 750 Feuerwehrleute mit über 100 Fahrzeugen, 2 SBB-Löschzüge, 2 Löschboote auf dem Rhein und 160 Polizisten im Einsatz. Die 27 verschiedenen Feuerwehren stiessen unter anderem aus Brugg, Wettingen, Aarau und von Deutschland aus St. Blasien hinzu. Ein Grossteil der anwesenden Hilfskräfte war vorwiegend zur permanenten Kühlung der drei leckgeschlagenen und der fünf dicht gebliebenen Tankwagen zuständig. Das Superbenzin liess man absichtlich brennen, da es so den geringsten Schaden anrichtete. Durch Benzin, das in die Kanalisation floss und dort verdampfte, entstand dennoch Explosionsgefahr am Bahnhof und in der näheren Umgebung. So wurde um zwei Uhr morgens die gefährdete Bevölkerung in Stein evakuiert. Insgesamt 200 Personen wurden in den zentral gelegenen Saalbau gebracht. 100 000 Liter Benzin liefen insgesamt aus oder verbrannten. Die Lage entspannte sich im Lauf des Morgens aber, sodass die Evakuierten in ihre Häuser zurückkehren konnten. Der Bahnverkehr zwischen Mumpf und Frick war für sechs Tage unterbrochen. Die direkt unterhalb der Bahn vorbeiführende Autobahn N3 blieb zwei Tage gesperrt. Nach der Löschaktion, die rund 14 Stunden dauerte, konnte mit dem Abpumpen des Benzins der zwar beschädigten, aber nicht lecken Zisternenwagen begonnen werden. Während des Unfalls, der Lösch- und Aufräumarbeiten wurden keine Personen verletzt. Das Unglück führte zum grössten Katastrophenalarm in der Schweiz seit dem Grossbrand in Schweizerhalle am 1. November 1986. (Ahu)

Als sich Ackermann am Unglücksort umsah, kam ihm in den Sinn, dass unter dem Bahnhof auch noch Erdgasleitungen verlaufen. Ackermann machte sich im ersten Moment Sorgen, ob diese explodieren könnten. «Doch der Chef des Gaswerks aus Säckingen beruhigte mich, als ich ihn darauf ansprach.» Er habe die Leitung bereits abgestellt, sagte er Ackermann. «Da war ich schwer erleichtert.»

Der Chef am Unglücksort war der damalige Polizeikommandant Léon Borer. Er ernannte Ackermann sogleich zum Sprecher. Zweimal sprach der Gemeindeammann vor der Steiner Bevölkerung und auch am Radio. «Ich musste informieren, auch wenn ich nicht so gern in der Öffentlichkeit präsent bin. Ich sprang also über meinen Schatten», sagt Ackermann heute. Er habe einfach funktioniert und sich erst danach Gedanken darüber gemacht.

Borer hatte ihm gesagt, es wäre gut, wenn er mit der Bevölkerung spräche und sie beruhige. «So redete ich auch mit den evakuierten Personen. Aber ich durfte nicht zu fest dramatisieren, sondern musste vor allem beruhigen.»

Die ersten Einsatzbesprechungen fanden vor Ort am Bahnhof statt. Später verschoben sich die Verantwortlichen zur Lagebeurteilung ins Zivilschutzzentrum. «Wir merkten, dass das Löschen des Brandherdes länger dauert. Insgesamt ging es zwei Tage», so Ackermann. Er war in der Nacht und den ganzen nächsten Tag vor Ort. «Ich rief ins Geschäft an und sagte, dass ich nicht arbeiten komme. Sie antworteten, sie wüssten bereits Bescheid, denn sie hätten mich am Radio gehört.»

Danach schlief Ackermann gut

Selber anpacken konnte Ackermann bei den Löscharbeiten nicht. Er war für die Kommunikation zuständig. Die Arbeiten übernahmen Feuerwehr, Zivilschutz und der Kanton. «Ich kam mir aber nicht hilflos vor, denn ich sah, dass alles gut organisiert war. Borer hatte die Situation im Griff, er war der Chef auf dem Platz.» Und wenn man wisse, dass es keine Verletzten und Toten gebe, könne man getrost das tun, was einem aufgetragen wurde.

Als Ackermann Stunden später endlich ins Bett kam, war er zwar ein wenig aufgewühlt, aber er konnte gut schlafen. «Schlimm wäre es gewesen, wenn es Menschenleben gekostet hätte. Aber es gab nur grossen Materialschaden. Und die Gemeinde musste diesen Schaden nicht tragen - das übernahmen die SBB.»

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