200-Jahr-Jubiläum
Von wegen konservativ! – So ticken die Ruedertaler

Schlossrued und Schmiedrued-Walde feiern dieses Jahr ihr 200-Jahr-Jubiläum. Die Ruedertaler sind ein eigenwilliges, aber friedfertiges Völkchen. Ein Versuch, sie kennen zu lernen.

Barbara Vogt
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Ruedertal
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Erika Aerni lebt mit ihrer Familie auf der Pfiffrüti: Langweilig wirds ihr mit den Enkelkindern und Bekannten nie.
Paul Rohr ist im Hasel aufgewachsen. Das Anwesen seines Grossvaters hegt und pflegt er wie ein Schmuckkästchen.
Viktor Würgler (links) und Ruedi Schlatter diskutieren in der alten Küche in der Mühle über das Ruedertal.
Bernhard Imboden ist pädagogischer Leiter der Stiftung Sonderschule Walde: Bernhardiner Artus ist mit dabei.

Ruedertal

Mario Heller

Beinahe wäre das Dorfzentrum von Schlossrued gestorben, als vor Jahren die Metzgerei und die Schmitte, ein Lebensmittelladen und der «Storchen» zumachten. Die Stimmung war gedrückt, sogar düster. Nachts hätte man die Trottoirs auch gleich einklappen können, so tot sei es auf den Strassen gewesen», erzählt Ruedi Schlatter von der Schlossmühle.

An diesem frühlingshaften Tag erstrahlt Schlossrued jedoch: Die Läden sind geöffnet, im Gasthofhof Schlossrued trinken die Gäste selbst gebrautes Bier an der Sonne und Schlatter sitzt zusammen mit Alt-Gemeindeschreiber Viktor Würgler in seiner gemütlichen Küche. Beide trinken Kaffee – Ruedi Schlatter als Ur-Ruedertaler, Viktor Würgler als Zugezogener: Vor über 50 Jahren kam er als Gemeindeschreiber ins Tal. Er sagt: «Damals war Schlossrued ein richtiges Bauerndorf. Ich wurde jedoch sofort aufgenommen und hatte nie Probleme mit den Leuten.» Würgler erlebte nicht nur, wie sich Schlossrued von der anfangs erwähnten Krise erholte, sondern auch, wie die Bevölkerung offener, liberaler wurde, die Leute sich getrauten, hinter den Miststöcken hervorzulugen und von ihren «Chrachen» herunterzukommen. Neue Wohnquartiere entstanden und die Bewohner brachten frischen Wind, neue Ansichten ins Dorf und Tal. Sind nun die Hinterwälder, wie die Ruedertaler von Aussenstehenden gern und oft bezeichnet werden, ausgestorben? «So hinterwäldlerisch sind wir gar nicht», sagt Ruedi Schlatter. Er erlebe die Talbewohner zugänglich, interessiert. «Hintennach sind wir aber schon noch», witzelt er. «Bei einem Weltuntergang kommen alle zu uns, weil wir 30 Jahre hinterherkommen.»

Die Kunden, die in Trudi Tanners Dorf-Chäsi in Schlossrued kommen, sind nett und für einen Schwatz zu haben. Sie hielten dem Dorfladen die Treue, bevorzugten heimische Produkte, guten Käse, frisches Gemüse, sagt sie. Vielleicht ist das so, weil sich die Bewohner so sehr mit der Region verbunden fühlen und die Wohnqualität im Tal schätzen. «Das Ruedertal ist meine Heimat, hier bin ich verwurzelt», sagt eine junge Ruedertalerin. Um kein Geld möchte sie ausserhalb des Tals, gar in der Stadt, wohnen. «Viele Leute, die im Ruedertal aufgewachsen sind, kommen zurück», sagt auch Trudi Tanner. Sie wuchs ebenfalls hier auf, ging dann aber als junge Frau nach Bern. Später kam sie zurück, um für fünf Monate die Dorf-Chäsi zu führen. Sie blieb, und aus den fünf Monaten wurden 20 Jahre. Wird es ihr zu eng im Tal, geht sie für kurze Zeit nach Bern, «um Stadtluft zu schnuppern und den Kopf auszulüften».

Die Mitarbeiterin der Chäsi, Corinne Hunziker, wohnt in Staffelbach. Sie wuchs aber im Ruedertal auf, auf der Nütziweid. In langen Fussmärschen seien sie und ihre Geschwister früher zur Schule gegangen. Manchmal seien sie auch auf dem Traktor gefahren, «so was war nur im Ruedertal möglich», sagt sie und lacht. «In Staffelbach musste ich mich zuerst an die vielen Nachbarn gewöhnen. Mir fehlten die Abgeschiedenheit und die Weite.» Die Weite sei es, die sie so sehr liebe im Ruedertal.

Bernhard Imboden ist der pädagogische Leiter der Stiftung Sonderschule Walde. Als seine heutige Partnerin Liliane Brunner aus Schmiedrued-Walde dem Städter vor Jahren die versteckten Nester im Ruedertal zum ersten Mal zeigte, fragte er sie: «Wo entführst du mich denn hin?» Längst ist Imboden heimisch geworden im Ruedertal und half beim Aufbau des Jugendtreffs mit. Er sagt über die Bewohner: «Sie stellen gerne etwas auf die Beine. Die Vereine haben einen hohen Stellenwert im Tal.»

Verschwiegener Ruedertaler

Das Ruedertal. Ein Tal mit Ecken und Kanten. Mit Furchen, Kurven und Weiten. Mit Schatten- und Sonnenseiten. Mit der fröhlich sprudelnden Ruederche. Mit Menschen, Bauern, Handwerkern, Beizern, Musikerinnen, Freikirchlern, Motocrösslern, Bärtigen und Lebenskünstlern, die dem Tal sein buntes Aussehen verleihen. Selten gibt es ein Tal, das so gegensätzlich, so vielseitig ist wie das Ruedertal. Deswegen mögen die Leute im tiefsten Inneren eigenwillig, aber auch gelassen sein. Oder verschlossen. Wie dieser Einheimische: «Ich sage nichts. Nichts über mein Leben, nichts über das Ruedertal. Es gibt nichts zu sagen.»

Das Ruedertal ist nicht einfach ein Tal, das eine Sternwarte oder eine Klinik für Suchtkranke oder einen Märliweg hat. Das Tal hat eine Geschichte, die sich in den dicken Wänden des Schlosses der Adelsfamilie von May widerspiegelt. Es hat Geheimnisse, die so gut behütet sind, wie die Ruine Alt Rued mitten im Wald liegt. Es gibt dunkle Kapitel im Ruedertal Geschichtsbuch: Bauern hielten auf ihren Höfen Verdingkinder, Frauen, wohl auch Mädchen, arbeiteten in der Bandweberei, woben zu Hause bis spät in die Nacht hinein an ihren Webstühlen. Obwohl viele Kleinbauern froh über diesen finanziellen Zustupf waren.

Augenzwinkernde Ruedertaler

Zuoberst im Tal, da wo es sich endlich weitet und der Friedhof wie auch die Stiftung Sonderschule Walde liegen, schrieb Hermann Burger 1976 den Roman «Schilten». Viele Einwohner fanden das Buch überhaupt nicht toll. Sie fanden, es stelle das Tal in ein falsches Licht, sagt Liliane Brunner, nicht nur Gemeinderätin, sondern auch Leiterin der Sonderschule. «Längst haben die Bewohner aber ihre konservative Haltung abgelegt.»

Manch einer mag das Ruedertal verwechseln mit dem Emmental, so weich und hügelig schmiegen sich die Weiden in die Landschaft. Ein Museum, ein Ballenberg, ist das Tal aber keineswegs. Dafür ist es viel zu lebendig. Wo der schönste Punkt im Ruedertal liegt? Damit mag niemand so recht herausrücken. «Es ist überall schön», sagen sie Bewohner und zwinkern mit den Augen. Vielleicht liegt dieser schönste Punkt in der «hohen Liebe», «auf der Mügeri» oder «im Brünnelichrüz». Vielleicht aber auch in der Besenbeiz in Schmiedrued-Walde oder am Fusse des Schlosses, wo im Frühling wie im Herbst ein buntes Markttreiben herrscht.

DAs Ruedertal auf einen Blick

Das Ruedertal ist ein neun Kilometer langes Tal und wird von der Ruederche durchflossen. Die beiden politisch unabhängigen Gemeinden Schlossrued am Taleingang und Schmiedrued-Walde am Talausgang werden von mächtigen Hügelzügen zum benachbarten Wynen- und Suhrental abgegrenzt. Schlossrued zählt 820, Schmiedrued 1170 Einwohner. Der Name des Tales geht einerseits auf die Rodungen durch die Alemannen während des 5. und 6. Jahrhunderts zurück, andererseits auf die Herren von Rued, die während des Mittelalters das Schloss Rued bewohnten. Mit dem gemeinsamen Weberei- und Heimatmuseum in Schmiedrued-Walde werden altes Handwerk und kulturelle Werte im Tal erhalten. Das kirchliche Zentrum der beiden Ruedertaler Gemeinden befindet sich im Schlossrueder Dorfteil Kirchrued.

Reiselustiger Ruedertaler

Für den Ureinwohner Paul Rohr liegt der schönste Punkt des Tals auf dem Hasel, da wo das über 100-jährige Haus seines Grossvaters steht und das er hegt und pflegt wie ein Schmuckkästchen. «Im Hasel helfen sich die Bewohner noch gegenseitig auf», sagt Rohr. Reiselustig sei er und interessiert an anderen Menschen. «Aber ich komme immer gerne ins Ruedertal zurück.»

Das sagt sich auch Verena Dambach: Sie und ihr Mann leben eigentlich in Oberentfelden. Wann immer sie Zeit hat, kommt sie aber ins Ruedertal. Nicht nur wegen des Tals willen, sondern auch wegen des Holzbungalows, das sie und ihr Mann im Schmiedrueder Feriendorf besitzen. Ein eigenes Völkchen lebt da, abgeschottet vom Rest des Tals und der Welt. Rund 50 Häuser mit den Namen wie «Paradiesli», «Grandioso», «Tessin» oder «Rueda» klammern sich aneinander, just daneben steht die kleine aber begehrte Talbadi. Verena Dambach schwärmt vom Feriendorf. «Einfach herrlich, ein wahres Ferienparadies.»

Herzige Ruedertalerin

Charakteristisch, voller Überraschungen und lustiger Begebenheiten ist das Ruedertal also. Schätze, die sich in den verschlungenen Wegen, abseits gelegenen Weilern, alten Bauernhöfen und Waldzügen verbergen. Ein letzter Schatz sei hier preisgegeben: Schafft man die stutzige Strasse hoch auf die Pfiffrüti, trifft man auf Erika Aerni. Vor ihrem Haus, umgeben von steilen Wiesen, plätschert ein Brunnen.

Es ist Mittag, sie kocht Bohnen, Rollschinkli und Kartoffeln. Ob die 82-jährige Frau über die vergangene Zeit erzählen wird? Sie tut es. Lächelnd erinnert sie sich, dass es in Walde noch eine Bäckerei, eine Schleiferei und andere Betriebe gab. Wie sie gerne in die Stadt gegangen wäre, aber nicht konnte, weil sie als Näherin früh Geld verdienen musste. Wie sie als junge Frau ins Haus ihres Ehemanns kam und bis heute blieb. Ihre Augen sind klar und leuchten. Sie sagt: «Seit mein Mann tot ist, habe ich schon viele Heiratsanträge erhalten. Aber ich bleibe lieber allein.» Allein mit ihren Erinnerungen und dem Blick ins Ruedertal.

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