Aargauer im Ausland, Teil 2
Von Stetten nach Tokyo: Aus zwei Jahren wurden zwei Jahrzehnte

Warum Rolf Wietlisbach-Kobayashi seinen Lebensabend mit seiner Frau in England verbringen will.

Nicola Imfeld
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Rolf Wietlisbach-Kobayashi nahm den Nachnamen seiner Ehefrau Sako an.

Rolf Wietlisbach-Kobayashi nahm den Nachnamen seiner Ehefrau Sako an.

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Er spricht ausführlich und mit fröhlicher Stimme über seinen Alltag in der japanischen Hauptstadt Tokio. Rolf Wietlisbach-Kobayashi scheint in Asien, knapp 10 000 Kilometer von seiner alten Heimat entfernt, sein Glück gefunden zu haben.

In Stetten ist Wietlisbach aufgewachsen, dort besuchte er die Primar- und Oberstufe. Baden sei ihm in seiner Jugendzeit wie eine Grossstadt vorgekommen, sagt er. Als er im Jahr 1996 nach Japan auswanderte, lernte Wietlisbach das wahre «Big City Life» kennen. Heute arbeitet er mit 48 Jahren in der Logistikbranche und ist als CFO für ein grosses deutsches Unternehmen tätig.

Herr Wietlisbach-Kobayashi, warum sind Sie 1996 aus dem Aargau nach
Japan ausgewandert?

Rolf Wietlisbach-Kobayashi: Die Liebe zu meiner Ehefrau Sako hat mich in die Welt hinausgetrieben. Wir haben uns 1992 bei meinem sechsmonatigen Sprachaufenthalt in England kennen gelernt. Als sie nach Japan zurückkehren musste, brach das mein Herz. Aber wir hielten Kontakt, schrieben uns Briefe, telefonierten einmal pro Monat miteinander. Nur die Zeitdifferenz stellte mich vor Probleme.

Wietlisbach erzählt, wie er die Mutter von Sako einst um 1 Uhr nachts aus dem Schlaf klingelte. Er habe sich in der Zeit geirrt, und gedacht, es sei Abend in Japan, sagt er rückblickend. Erst, als seine heutige Schwiegermutter den Hörer an ihre Tochter weiterreichte und Sako mit schlaftrunkener Stimme antwortete, realisierte Wietlisbach sein Missgeschick.

Trotz allen Hindernissen konnten Sie die Beziehung weiterführen?

Ja, mir war schnell klar: Sako ist meine Traumfrau. Als ich sie 1993 in Japan besuchte, hielt ich bei den Eltern um ihre Hand an. Bevor wir uns dann ein Jahr später auf Hawaii vermählten, lebte sie sechs Monate probehalber in meiner Wohnung.

Sie nahm Deutschunterricht, fand einen Job auf einer japanischen Bank und freundete sich mit meinen Eltern an. Weil sich Sako so gut zurechtfand, blieben wir nach der Hochzeit zuerst in der Schweiz.

Warum sind Sie trotzdem gegangen?

Während unserer Reise durch Japan 1995 gefiel es mir dermassen gut, dass ich von der Schweiz aus eine Arbeitsstelle in Japan suchte, jedoch ohne Erfolg. Als dann im Jahr darauf Sako ein Jobangebot aus ihrer Heimatstadt Nagano erhielt, entschieden wir uns, für ein, zwei Jahre auszuwandern.

Aus ein, zwei Jahren sind inzwischen zwei Jahrzehnte geworden.

Ja, wie schnell doch die Zeit vergeht. Ich arbeitete während der Olympischen Spiele in Nagano 1998 für einen amerikanischen Sponsor als Dolmetscher, obwohl ich zu dieser Zeit kaum japanisch sprach. Nach Olympia übernahm ich eine englische Sprachschule, wo ich Kinder und Erwachsene unterrichtete.

Eine tolle Erfahrung, nur die finanzielle Entschädigung fiel dürftig aus. Deswegen zügelten wir 2001 nach Tokio. Dort hatte ich bessere Aussichten auf einen Job im Finanzbereich. Das hat dann letztlich auch geklappt: Heute arbeite ich beim deutschen Logistikunternehmen DB Schenker.

Was sind denn die grössten Unterschiede zwischen der Schweiz und Japan?

Die positiven oder die negativen?

Beide.

Es gibt enorm viele. Alleine in Tokio leben mehr Menschen als in der ganzen Schweiz, dementsprechend ist alles viel gedrängter. Die Japaner sind zu Fuss zügiger unterwegs als die Schweizer und besonders die Aargauer auf dem Land.

Wenn ich heute in Zürich oder Bern auf Achse bin, ärgere ich mich über die langsamen Passanten. Man kommt einfach nicht vorwärts. Dafür verändert sich in der Schweiz im Vergleich mit Tokio wenig. In Japan schiessen die Hochhäuser förmlich aus dem Boden, das glauben Sie gar nicht. In der Stadt Baden hingegen hat sich seit meiner Schulzeit nicht sehr viel verändert. Wenn ich durch die Gassen schlendere, ist vieles noch wie früher. Das ist schön.

Könnten Sie sich denn vorstellen, eines Tages in die Schweiz zurück- zukehren?

Ich bin zwei- bis dreimal pro Jahr in den Ferien und zu Besuch bei meiner Familie, die immer noch im Aargau lebt. Aber in die Schweiz zurückkehren möchte ich nicht. Wenn wir in ein anderes Land ziehen, dann am ehesten nach England. Dort hat mit mir und Sako alles angefangen, warum sollte dort nicht alles enden?