Einen Latte macchiato und einen Orangensaft bestellt sich der junge Mann im dicken grauen Strickpullover. Dann setzt er sich an einen Tisch im Restaurant Müli in Niederlenz. «Hier war ich lange nicht», sagt er und legt Handy und Kopfhörer auf den Tisch.

Nichts unterscheidet ihn von anderen Jugendlichen. Schon gar nicht würde man hinter dem noch müden Lächeln und dem kurzen Bart einen Musiker von Weltformat vermuten. Doch von Boccherini und Brahms bis Prokofieff gibt es kein Stück der grossen Meister, das der 22-jährige Niederlenzer Christoph Croisé nicht auf seinem Cello spielen könnte.

Viele kann er auswendig. Er hat zuletzt den renommierten Brahms-Wettbewerb in Österreich gewonnen und von New York über Moskau bis Baku die bekanntesten Musikhallen bespielt. Und er besuchte die Sportkanti in Aarau, bevor er an der Universität der Künste in Berlin aufgenommen wurde.

Sportkanti für den Musiker

Doch sportlich ist Croisé nicht, dafür hat er keine Zeit. Die Sportkanti durfte er besuchen, weil es noch keine Musikkanti gab und ihm so ermöglicht werden konnte, aufgrund von Konzerten und Übungsstunden zu fehlen.

Und das war auch nötig, denn er liebt das Cellospielen: «Das Erarbeiten eines Stückes oder eines Konzerts bedeutet nicht nur das Spielen der richtigen Noten. Es geht mir um das Herausfinden, was in einer Komposition an Tiefe und Erlebnissen steckt, an Freude, Unmut, Verzweiflung, zarten Gefühlen und Glücksmomenten, Hoffnung oder Sehnsucht.

Ich erlebe das oft sehr intensiv. Aber dem Zuhörer dieses Erlebnis zu vermitteln, ist nur durch die intensive Arbeit des Übens zu erreichen. Dafür brauche ich unbedingt auch den Unterricht bei meinen Lehrern.»

Die Stunden bei seinem Professor in Berlin seien immer sehr spannend, weil er da die kompetente Kritik eines bühnenerfahrenen Meisters habe. «Wichtig sind mir auch Weiterbildungen in Meisterkursen bei grossen, erfahrenen Musikern.»

Mit dem Cello im Flugzeug

Dazwischen spielt er 20 bis 40 Konzerte pro Jahr überall auf der Welt. Viele Stunden verbringt der Musiker im Flugzeug. Auf dem Sitz neben ihm liegt sein Goffriller Violoncello, das im Jahr 1712 in Venedig gebaut wurde.

«Vor jedem Flug muss ich die Fluggesellschaft anrufen, um einen zweiten Sitz dafür zu buchen», denn für den Frachtraum ist es zu wertvoll. Das Cello gehöre nicht ihm, stellt Croisé klar, so viel Geld könnte er nie aufbringen.

«Es ist ein unglaubliches Glück, solch ein altes Instrument spielen zu dürfen. Ich bin dem Inhaber unglaublich dankbar, dass er es mir zur Verfügung stellt.» Er liebe den dunklen, schönen Klang und die Qualität der Klangfarben.

In nächster Zukunft möchte er sein Studium abschliessen, aber auch weiter als Solist und Kammermusiker tätig sein. «Dabei wollten meine Eltern nie, dass ich die Musik zum Beruf mache. Sie hätten es lieber gehabt, wenn ich einen anständigen Beruf lerne», sagt er lachend. «Aber sie unterstützen mich in allem, was ich mache.» So waren es auch nicht die Eltern, die ihren Sohn zur Musik brachten. Das hat er sich selbst zu verdanken.

Dreijähriger will Musik machen

«Wir hatten daheim eine sibirische Keramikkuh, eine Art kleine Flöte, auf der ich als Dreijähriger stundenlang gespielt habe.» Das ging so weit, dass ihm seine Mutter eine Blockflöte schenkte und ihm ein paar Grundlagen beibrachte.

Weil sowohl Mutter und Vater, beide Wissenschafter, als auch seine Schwester Geige spielten, probierte er auch dieses Instrument aus. «Doch dass man beim Üben immer stehen muss, war mir zu anstrengend.»

Also suchte sich der damals 6-Jährige selber ein Instrument. «Ich wusste, dass man Klavier nicht im Orchester spielen kann. Also entschied ich mich für das Cello.» Es gab seither kaum einen Tag, an dem er nicht geübt hätte. Und das sei auch das Geheimnis seines Erfolges: «Ohne viel Arbeit wäre das nie möglich gewesen.»

Ziele hat er – abgesehen vom Cellospielen – eigentlich keine. «Ich habe bereits dreimal in der Carnegie Hall in New York gespielt, das ist eine der renommiertesten Hallen für klassische Musik.

Aber ich freue mich auch darüber, dass ich immer wieder hier in der Schweiz zu Konzerten eingeladen werde. Da gibt es oft nach den Konzerten Begegnungen und Gespräche, in denen ich merke, was künstlerisch herüber gekommen ist und berührt hat.»

Christoph Croisé spielt heute Samstag, 20 Uhr, in der reformierten Kirche Reinach und morgen Sonntag, 17 Uhr, in der Stadtkirche Bremgarten.