50-Jahr-Jubiläum

Von der «Landplage» zur geschätzten Institution: Wie das Verwaltungsgericht rasch Akzeptanz fand

Aktenberge auf dem Fussballstadion Aarau: Anfang Mai hat das Verwaltungsgericht drei Stimmrechtbeschwerden abgewiesen. Nur eines der Beispiele, wie das Verwaltungsgericht in Erscheinung tritt.

Das Verwaltungsgericht wurde zu Anfangszeiten als Landplage bezeichnet. Dank einer bürgernahen Tradition wuchs das Vertrauen in die neue Institution bald.

Das 1969 eingesetzte neue Verwaltungsgericht wurde durch ein juristisches Dreigestirn geprägt: durch die beiden ersten Vorsitzenden der drei Kammern, die Oberrichter Kurt Eichenberger, Beinwil am See, und Carl Hans Brunschwiler, Aarau, sowie den Gerichtsschreiber Thomas Pfisterer, Aarau, späterer Nachfolger Eichenbergers.

Alle drei wurden an das Bundesgericht in Lausanne berufen, Brunschwiler und Pfisterer als hauptamtliche Mitglieder, Eichenberger als Ersatzrichter. Kurt Eichenberger hätte ebenfalls das Zeug zum Bundesrichter gehabt, er weigerte sich jedoch, vom Hallwilersee an den Genfersee zu zügeln.

Auch Carl Hans Brunschwiler erbat sich eine Bedenkzeit, bevor er sich 1979 von der CVP zum «Lausanne-Kandidaten» nominieren liess. Er und seine kürzlich verstorbene Frau Olga Brunschwiler-Koch, die beide in Wohlen aufwuchsen, waren mit dem Aargau eng verbunden. Aber zugleich tat es ihm die welsche Leichtigkeit an. Er wurde in Lausanne zum Wochenaufenthalter und kehrte an den Wochenenden zu Gattin und Sohn nach Aarau zurück.

Fast durch Formalie gestoppt

Brunschwilers Start zur 24-jährigen Karriere als Ober- respektive Verwaltungs- und dann Bundesrichter wurde 1969 beinahe durch eine formalrechtliche Hürde gestoppt. Es waren höchstens zwei im gleichen Bezirk gebürtige Oberrichter wählbar – und Brunschwiler war der dritte Bewerber aus dem Bezirk Bremgarten. Er umschiffte die Barriere, indem er neben dem Bürgerrecht von Sirnach TG und Wohlen noch dasjenige von Aarau erwarb.

Im jungen Juristen Thomas Pfisterer bekamen Eichenberger und Brunschwiler den ersten Gerichtsschreiber. Dieser wurde dann Chef des Rechtsdienstes des Delegierten für Raumplanung und nebenamtlicher Verwaltungsrichter. 1974 ernannte ihn der Grosse Rat zum Oberrichter und 1978 wählte ihn die Vereinigte Bundesversammlung ans Bundesgericht – gleichentags wurde Carl Hans Brunschwiler zum ordentlichen Bundesrichter gewählt.

Brunschwiler, Pfisterer und der inzwischen dritte hauptamtliche Verwaltungsrichter Gottlieb Iberg verhalfen dem neuen aargauischen Verwaltungsgericht rasch zu breiter Akzeptanz in der Bevölkerung. Ihre Devise war: «Die Verwaltungsrichter sind nicht gescheiter als die Vertreter von Regierung und Verwaltung. Aber sie können die ihnen vorgelegten Fälle durch intensive Auseinandersetzung mit den Rechtsuchenden mit besonderer Qualität bearbeiten.»

Eine Reihe von kniffligen Fällen machte Schlagzeilen. Zu ihnen gehörte der Fall Wannental in Gontenschwil – eine Landhausvilla in zonenfremder Umgebung –, der schliesslich ein gutes Ende fand.

Als Pfisterer 1986 ans Bundesgericht wechselte, übernahm der Baurechtsspezialist Ruedi Weber seine Nachfolge am Verwaltungsgericht und setzte dessen bürgernahe Tradition fort. «Vor allem bei Planungs- und Baurechtsfragen bewährten sich Augenscheine vor Ort», sagt alt Oberrichter Weber. Am Anfang seien die Gemeinden dem Verwaltungsgericht zurückhaltend gegenübergestanden.

Doch das habe sich gebessert. Und wie war das Verhältnis zur Verwaltung und Regierung? Weber erinnert sich an einige wenige persönliche Empfindlichkeiten und natürlich an den viel zitierten Lästerspruch des ehemaligen Baudirektors Jörg Ursprung: Jede Zeit habe ihre Landplage, die gegenwärtige sei das Verwaltungsgericht.

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