Der Aargau ist reich an Denkmälern. Sie erinnern an bedeutende Persönlichkeiten, kriegerische Auseinandersetzungen oder aussergewöhnliche Ereignisse. Meistens stehen sie unspektakulär und geben kaum zu Diskussionen Anlass. Sie sind uns kaum vertraut, viele stehen im Verborgenen. Die Aargauer Denkmäler provozieren nicht. Niemand stellt sie infrage, will sie gar stürzen. Dennoch verkörpert jedes Denkmal Geschichte und Geschichten, wie der kleine Streifzug durch die Aargauer Denkmallandschaft zeigt.

Beginnen wir in Aarau. Hier haben Denkmäler Tradition. Die Stadt war zentraler Ort der Helvetik; hier bauten kluge Köpfe die neue Schweiz. Entsprechend verfügt Aarau wohl über die grösste Dichte an Denkmälern im Kanton. Das hat auch schon zu Auseinandersetzungen geführt. So steht Heinrich Zschokke (1771–1848), liberaler Schriftsteller, Politiker und Pädagoge, seit 1894 als überlebensgrosse Statue auf einem Marmorsockel im Kasinopark.

Doch als im Sommer 2016 private Initianten ebenfalls im Kasinopark ein Menschenrechtsdenkmal errichten wollten, scheiterte das Vorhaben am Widerstand der Bevölkerung. Die Aarauer waren nicht gegen ein Menschrechtsdenkmal an sich, aber sie hielten den Standort für falsch. Ein Einsprecher argumentierte, das neue Denkmal käme nur 13 Meter hinter den Rücken der Zschokke-Statue zu stehen. Und das würde Zschokkes Wirkung auf den Betrachter doch erheblich beeinträchtigen.

Polizeilich gesucht

Diskutiert wurde in Aarau auch über das Schützendenkmal aus dem Jahre 1924. Es stellt den Handschlag zweier Schützen mit Karabiner und Büchse über dem Schweizer Wappen dar und symbolisiert die Einheit der Nation sowie die Wehrbereitschaft von Volk und Armee. Zunächst stand das wuchtige Denkmal auf einem hohen Sockel inmitten einer Brunnenanlage auf dem Bahnhofplatz. Als der Bahnhofplatz 1972 umgestaltet wurde, reduzierte man das Denkmal aus Platzgründen um Sockel und Brunnen. 2009 wurde Platz erneut umgestaltet, das amputierte Denkmal musste nun noch ganz weichen; viele hätten es gerne ganz entsorgt. Doch die Stadt Aarau hatte sich 1924 zum dauerhaften Erhalt verpflichtet. Nach langem Suchen fand sich ein neuer Standort in der Kaserne vor der Westfassade des Trompeterhauses.

Sogar polizeilich gesucht wurde 2012 die Büste von Augustin Keller (1805–1883), die aus dem Rathauspark verschwunden war. Der streitbare Politiker und spätere Regierungsrat hatte 1841 dafür gesorgt, dass im Aargau die Klöster aufgehoben wurden. Nach einigen Wirren wurde dann klar, was es mit dem verschwundenen Keller auf sich hatte: Die 1888 aufgestellte Büste war nicht von einem nostalgischen Katholiken vom Sockel geholt worden, sondern vom Restaurator, der den von Wind, Wetter und Vandalen havarierten Keller zur Kur zu sich in die Werkstatt genommen hatte.

Helden sind selten

Helden-Denkmäler sind selten im Aargau. Noch seltener sind nur Denkmäler von Frauen. Das wohl bekannteste Heldendenkmal im Kanton steht in Zofingen. Schultheiss Niklaus Thut soll der Legende nach im Jahre 1386 in der Schlacht von Sempach kurz vor seinem Tod das Zofinger Banner geschluckt und es so dem Zugriff der Eidgenossen entzogen haben. Thuts nicht schriftlich überlieferter Heldenmut wurde zum Stadtmythos. 1894 stiftete die Studentenverbindung Zofingia aus Anlass ihres 75-jährigen Bestehens den berühmten Thut-Brunnen mit der Statue des tapferen Schultheissen.

Heldenstatus ganz anderer Art für den Wohler Andy Hug: Der 2000 im Alter von 36 Jahren an Leukämie verstorbene Kampfsportler war mehrfacher Weltmeister und wird bis heute vor allem in Japan verehrt und gefeiert. In Wohlen hat Andy Hug beim Bünzmattschulhaus 2004 eine Gedenkstätte erhalten; was die von Hugs Gattin Ilona geschaffene Plastik genau bedeutet, erschliesst sich nicht auf Anhieb. Aber falls doch ab und zu japanische Fans den Spuren Hugs folgen und bis nach Wohlen kommen, finden sie neben der Plastik und einer Marmorbüste auch einen erklärenden japanischen Text.

Der Pädagoge Heinrich Pestalozzi (1746–1827) hat eine eigene Gedenkstätte in Birr. Obschon Pestalozzi bloss einen Rosenstrauch auf seinem Grab wollte. Das Grabdenkmal wurde vom Kanton 1846 anlässlich des hundertsten Geburtstages von Pestalozzi erbaut und mit Fresken ausgestaltet. Die Inschrift hat Augustin Keller verfasst, damals erster Seminardirektor des Kantons. Was Pestalozzi mit Andy Hug verbindet: Auch Pestalozzi wurde ihn Japan verehrt. Davon zeugt die Grabplatte an der Aussenfassade der nahen Kirche: Sie erinnert an den japanischen Professor Arata Osada, der als Begründer der Pestalozzi-Bewegung in Japan gilt und dessen Asche neben Pestalozzis Grabstätte beigesetzt wurde.

Dann die Überraschung: Bei der Pestalozzi-Gedenkstätte stossen wir doch tatsächlich auf eine Gedenktafel für eine Frau. Sie ist Anna Schulthess gewidmet, der Ehefrau Pestalozzis. Es ist eine schlichte Bodenplatte, gestaltet von der Künstlerin Gillian White im Jahre 1996. Immerhin.

Die nächste Überraschung wartet nördlich der Kirche Birr. Dort steht das Bourbaki-Denkmal aus dem Jahre 1899. Es zeigt eine geflügelte Viktoria und erinnert an die 22 Soldaten der «Bourbaki-Armee», die 1871 in Schinznach-Bad interniert waren und dort erschöpft, krank und verletzt verstarben. Das Besondere an dieser Figur: Geschaffen hat sie der französische Bildhauer Frédéric-Auguste Bartholdi, dessen berühmtestes Werk die Freiheitsstatue in New York ist.

Einweihung am Bettag

Das 1940 errichtete Soldatendenkmal im Villigerfeld unterhalb der Kirche Rein erinnert an den Einsatz und die Entbehrungen der Aktivdienstgeneration von 1939–1945. Das 11 mal 3 Meter grosse Wandbild, das damals vom Artillerie-Gefreiten und Kunstmaler Ernst Leu aus Kölliken angefertigt wurde. Am Bettag wird das Denkmal wieder eingeweiht, exakt 77 Jahre nach der ersten Weihung, an der rund 3000 Gäste teilnahmen, darunter auch General Guisan. Das Wandbild zeigt Soldaten, die Stellungen bauen, dazu, eher im Hintergrund, sieht man, dass auch die Zivilbevölkerung arbeitet: Der Bauer auf dem Feld, die Mutter beim Kind.

Das Besondere an diesem Denkmal ist, dass Ereignis und Entstehung zur gleichen Zeit passieren und damit wird das Dargestellte besonders authentisch. Häufig entstehen Denkmäler erst in grossem zeitlichem Abstand zum Geschehen, an das sie erinnern. Dies gilt etwa für das Denkmal, das die Schlacht von Villmergen im Jahre 1712 thematisiert.

Katholiken und Protestanten kämpften gegeneinander; es war die schlimmste innerschweizerische Auseinandersetzung in der Geschichte, über 3000 Menschen sollen ihr Leben bei Villmergen verloren haben. Es dauerte bis ins Jahr 1960, bis in Villmergen ein schlichter Brunnen mit Gedenktafel errichtet wurde. Die Tafel mahnt zu Versöhnung und Toleranz; heftig diskutiert wurden die letzten Worte der Inschrift «Das walte Gott». Denn die hatte der Verfasser der Inschrift, der Freiämter Dichter Robert Stäger, nicht vorgesehen. Sondern sie wurden nachträglich eingefügt.

Bleiben die Mahnmale, die an unerhörte Ereignisse und Katastrophen erinnern. Zum Beispiel die Gedenkstätte in Dürrenäsch. Das schlicht gehaltene Denkmal liegt nur wenige Meter neben der Stelle, wo beim Flugzeugabsturz einer Caravelle der Swissair am 4. September 1963 80 Menschen ums Leben kamen. Geschaffen hat das Denkmal der Aargauer Bildhauer Eduard Spörri.

Gespeicherte Erinnerung

Nach dem Streifzug bleiben Fragen – auch im Nachgang der Kontroverse von Charlottesville, wo die Auseinandersetzung um ein Reiterstandbild eskalierte und Tote und viele Verletzte forderte.

Da haben wir im Aargau wenig zu befürchten. Auf unserer kleinen Denkmal-Tour haben wir keine polarisierenden Monumente gefunden. Heute mag man fast darüber lächeln, dass man einst glaubte, mit Statuen könne man besonderen Menschen ein bisschen Unsterblichkeit ermöglichen. Wer bleibt schon ergriffen vor der Büste des Augustin Keller im Rathauspark in Aarau stehen, falls er sie überhaupt wahrnimmt? Es hat ja lange gedauert, bis man damals überhaupt bemerkt hat, dass sie fehlt.

Wozu also noch Denkmäler? Die Antwort scheint einfach: Der Betrachter wird an historische Ereignisse oder Figuren erinnert, die Präsenz des Denkmals erzeugt eine Betroffenheit, vielleicht gar Dankbarkeit. So wird über Generationen hinweg das öffentliche Gedächtnis am Leben erhalten.

Der Streifzug aber hat ergeben: Wenn wir schon mal Halt vor einem Denkmal machen, stehen wir meist ratlos oder gleichgültig vor den Objekten.

Andrerseits: Denkmäler nehmen uns die Bürde des Erinnerns ab. Wir müssen uns nicht mehr selber mit der Vergangenheit beschäftigen. Zschokke, Pestalozzi und all die andern auf den vielen Sockeln tun das für uns. Denkmäler übernehmen die Gedenkarbeit. Das Soldatendenkmal im Villigerfeld zum Beispiel steht für den Aktivdienst. Ich muss auch nicht selber trauern, das Mahnmal in Dürrenäsch trauert für mich. Wir müssen nicht wissen, wir dürfen vergessen. Die Erinnerung ist in Form der vielen Denkmäler aller Art gespeichert; Denkmäler sind unsere kollektiven Memory-Sticks des vergangenen Lebens im Aargau.