Kriegsende vor 75 Jahren

Von Bomben und Flugzeugabstürzen: So traf der Zweite Weltkrieg den Aargau

Die Schweiz gilt als vom Kriege verschontes Land. Trotzdem war die Schweizer Armee in Kämpfe involviert – Dutzende Mal musste die Flugabwehr den neutralen Luftraum verteidigen. Bomben und einige Flugzeuge stürzten auf Aargauer Boden.

Der 8. Mai 1945 gilt als das offizielle Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. Heute jährt sich dieser Tag zum 75. Mal. Es war ein Freudentag, denn auch die Schweiz war im Zweiten Weltkrieg aufgrund ihrer geografischen Lage im Kriegsgeschehen involviert. Und das trotz ihrer Neutralität. Das zeigt nur schon die Zahl an Flugzeugen der Alliierten und der deutschen Luftwaffe im Schweizer Luftraum. Ganze 6500 Mal drangen fremde Flugzeuge zwischen 1939 und 1945 illegalerweise in den Schweizer Luftraum ein, schreibt Geschichte Aargau.

Die Schweizer blieben nicht untätig. Jagdflugzeuge und die Fliegerabwehr verteidigten das Territorium und schossen 26 ausländische Maschinen ab, 186 zwangen sie zur Landung. Drei der abgeschossenen Maschinen stürzten auf Aargauer Grund auf

Ein Laufenburger Zeitzeuge über das Ende des Krieges und die Frage, was Frieden ist:

«Ich wollte wissen, was wirklich wichtig ist»: Erwin Rehmann über den Frieden und was er daraus machte

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Auch Bomben bekam der Aargau einige zu spüren. Im Gegensatz zu Schaffhausen, Basel und Zürich, wo die Bahnhöfe Ziel von schweren Bombardierungen waren, blieb der Kanton Aargau zwar weitgehend verschont. Trotzdem kam es zu einigen Zwischenfällen. Wir haben die Geschehnisse zusammengefasst und chronologisch aufgeführt.

Diese Aargauer Orte bekamen den Krieg hautnah zu spüren:

August 1940

Bomben schlagen in nächster Nähe zu den Kraftwerken Rheinfelden und Ryburg-Schwörstadt ein. Besorgt um die Stromversorgung, drängt der Aargauer Regierungsrat den Bundesrat zu einer dringlichen Mitteilung an die britische Regierung. Darin sollte die Wichtigkeit dieser Kraftwerke für die Schweiz betont werden.

Zudem sollte daran erinnert werden, dass bei einem Beschuss die Neutralität verletzt würde. Die Botschaft kommt an: Die Elektrizitätswerke am Rhein werden durch die Alliierten verschont und bleiben während des ganzen Krieges intakt. Gegen Ende des Krieges sind sie nochmals Ziel einer Attacke, aber dann von deutscher Seite. Auch diese überstehen die Kraftwerke unbeschadet.

11. Dezember 1942

Am Abend wirft ein fremdes Flugzeug in der Gegend von Sins zahlreiche Brandbomben ab. Zunächst wird vermutet, dass das Lonzawerk Ziel der Attacke war. Untersuchungen ergeben jedoch, dass ein verirrter britischer Pilot die Bomben irrtümlicherweise über dem Aargau abgeworfen hatte.

7. Dezember 1944

Kurz vor 4 Uhr morgens beschiesst ein tiefkreisendes Flugzeug mit seinen Bordwaffen die Maschinenfabrik Bucher-Guyer im Zürcherischen Niederweningen, deren Gebäude teilweise in der Gemeinde Schneisingen auf Aargauer Gebiet stehen.

Februar 1945

Die weitläufigsten Schäden durch Bombenabwürfe im Aargau entstehen in der zweiten
Februarhälfte 1945, als die Alliierten ihren Feldzug in Süddeutschland durch Bombardierungen vorbereiten.

So wird die Bahnlinie Würenlos-Otelfingen Opfer von Bombenangriffen eines halben Dutzends amerikanischer Jagdflieger.

16. Februar 1945

Die Schweizer Soldaten posieren in Koblenz für ein Gruppenfoto. Im Hintergrund die Mannschaftsbaracke, die durch die Druckwelle einer Bombe beschädigt wurde.

Die Schweizer Soldaten posieren in Koblenz für ein Gruppenfoto. Im Hintergrund die Mannschaftsbaracke, die durch die Druckwelle einer Bombe beschädigt wurde.

Bomben fallen auf Koblenz. Niemand wird verletzt, doch es kommt zu grossen Sachschäden. Insgesamt 14 Gebäude in Koblenz und der Nachbargemeinde Leuggern werden beschädigt.Bei der gleichen Bombardierung wird die Brücke Felsenau-Koblenz stark in Mitleidenschaft gezogen.

19. Februar 1945

Drei Tage später erfolgt ein Bombenabwurf in Full-Reuenthal. 14 Häuser werden in Mitleidenschaft gezogen.

20. Februar 1945

Beim Koblenzer Laufen, in der Nähe der Römerwarte auf der Bahnlinie Zurzach-Koblenz, muss ein Zug auf offener Strecke angehalten werden, damit Reisende und Personal im nahegelegenen Wald Deckung vor Bomben suchen können. Der Angriff ist dem deutschen Waldshut gewidmet.

Drei Flugzeuge zerschellen im Aargau

Neben Bombenabwürfen kämpft die Schweiz auch mit fremden Flugzeugen im eigenen Luftraum. Drei alliierte Bombenflugzeuge stürzen im Laufe des Krieges über dem Kanton Aargau. Glücklicherweise trifft keines davon Wohngebiete. So sterben zwar einige Besatzungsmitglieder, aber keine Zivilisten. In zwei Fällen schiesst die Schweizer Fliegerabwehr (Flab) auf die bereits havarierten Maschinen, als diese einen Landeplatz suchen. 

15. April 1943

Eine halbe Stunde nach Mitternacht zerschellt eine fremde Maschine «im Grund» bei Birmenstorf.

25. Dezember 1944

Am Weihnachtstag stürzt ein viermotoriger amerikanischer «Liberator»-Bomber, die «Maiden America», beim Boll auf dem Ruckfeld bei Würenlingen ab. Die amerikanischen Piloten versuchen notzulanden, werden von der Flab beschossen und mehrere Mal getroffen. Das Flugzeug stürzt ab, nur knapp verfehlt es das Dorf Würenlingen – dank des Piloten. Er hatte vor dem Ausstieg noch aufs Gas gedrückt. Drei Männer der Besatzung finden den Tod, sechs können sich mit einem Fallschirmsprung retten. Sie werden interniert. 

Die Bilder vom Flugzeugabschuss über Würenlingen

16. April 1945

Drei Wochen vor Kriegsende stürzt ein weiteres amerikanisches Bombardierungsflugzeug ab. Dieses Mal am Chriesiberg bei Zuzgen. Das Flugzeug ist bereits angeschossen und setzt zur Notlandung an. Laut Bericht des Hilfspolizei-Meldedienstes schoss das Flab auf das bereits versehrte Flugzeug, obwohl dieses ein Landezeichen erhalten hatte. Diese Aktion stösst bei der Bevölkerung auf Unverständnis. Es kommt zu Solidaritätsbekundungen.

Gefahr vor Kriegsende

Das Vorrücken der alliierten Streitkräfte an die Schweizer Landesgrenzen brachte für die Schweiz einige Schwierigkeiten mit sich. Die Kämpfe waren noch in vollem Gange. Dabei bestand die Gefahr, dass es vom zurückgedrängten deutschen Heer, aber auch von den Alliierten zu Verletzungen der Neutralität kommen könnte. Für die Schweiz ging es darum, sich vor Übergriffen beider Kriegsparteien zu verteidigen, ohne sich dabei dabei auf eine Seite schlagen zu müssen und so den Groll der anderen zu riskieren. 

Entlang der Rheingrenze kommt das Ende des Krieges glücklicherweise rasch. Um die Mittagszeit des 5. April 1945 finden sich französische Truppen bereits in Waldshut ein. Zehntausende Flüchtlinge drängen über die Grenzen in die Schweiz. Für sie wird in den stillgelegten Gebäuden der alten Saline Rheinfelden ein Auffanglager eingerichtet. 3950 Flüchtlinge, Angehörige aus zwanzig Nationen, finden dort Unterschlupf.

In der Bernau bei Leibstadt verlangen in den ersten Maitagen von 1945 etwa 100 deutsche Frauen, in die Schweiz übertreten zu dürfen, da sie von den einmarschierten Marokkanern belästigt und vergewaltigt würden. Ihrer Bitte kommt Bern nicht nach, denn man hat Angst, zu vielen weiteren Frauen  aus der Region ebenfalls Einlass gewähren zu müssen.

30. April 1945

Ein Extrazug bringt 500 deutsche Internierte nach Baden, wo sie zur Quarantäne in der Stadthalle Aue untergebracht werden. Darunter befinden sich auffallend viele jugendliche Soldaten im Alter von 15 und 16 Jahren. Gleichzeitig finden rund 1000 Personen aus Osteuropa im Pestalozzischulhaus in Aarau Obdach.

Im Pestalozzischulhaus in Aarau (aktuelles Bild) wurden im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aufgenommen und Soldaten interniert.

Im Pestalozzischulhaus in Aarau (aktuelles Bild) wurden im Zweiten Weltkrieg Flüchtlinge aufgenommen und Soldaten interniert.

Das Volk tanzt

Noch einmal geraten die Kraftwerke am Rhein in den Fokus. Es wird brenzlig, denn die zurückweichenden deutschen Truppen haben den Auftrag, das Kraftwerk auf dem Rückweg zu sprengen. Nur ganz knapp gelingt Schweizer Offizieren, die bereits angebrachten Sprengsätze zu entfernen.

Anfang Mai 1945 geht der Krieg in Europa zu Ende. Am 7. Mai kapitulieren alle deutschen Truppen. Die Schweiz feiert. Die Kapitulation tritt offiziell am 9. Mai in Kraft. Bereits am Vorabend des 6. Mai läuten in der ganzen Schweiz die Kirchenglocken. Die Erleichterung und Freude ist riesig. Mancherorts tanzt das Volk auf den Strassen bis in die Nacht hinein.

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