Auf ein Wort
Vom Fräss- zum Suufzedel

Niklaus Bigler war Redaktor beim Schweizerdeutschen Wörterbuch. Er schreibt über Mundartausdrücke, deren Geschichte auch in den Aargau führt.

Niklaus Bigler
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Niklaus Bigler

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Im Schweizerdeutschen Wörterbuch findet man 168 Zusammensetzungen mit -Zedel, darunter auch den Frässzedel. Woher kommt dieses Wort? Jemand im Internet vermutet einen Zusammenhang mit dem Spickzedel, dem Papierchen mit heimlichen, für eine Schulprüfung angelegten Notizen. Bei Gefahr, entdeckt zu werden, könne man das Corpus delicti rasch verschlucken, und der Spickzedel werde zum Frässzedel.

Fresszettel gehen aber mindestens ins 18. Jahrhundert zurück: Geschäftstüchtige Klöster verkauften bogenweise briefmarkengrosse Heiligenbildchen, die bei Mensch und Vieh gegen Krankheiten wirken sollten, wenn sie eingenommen wurden. Wahrscheinlich waren unsere Frässzedel ursprünglich solche Schluckbildchen. Es gab auch die Praxis, selbst einen Segens- oder Zauberspruch aufzuschreiben und
das Papierchen zu schlucken.

Der Agatezedel musste nicht eingenommen werden; es genügte, ihn im Stall an die Wand zu heften, um vom lateinischen Segen gegen Feuer und Krankheiten zu profitieren. In der Schule gab es noch vor wenigen Jahrzehnten als Ansporn die Fliisszedeli. Wer eine bestimmte Zahl davon gesammelt hatte, bekam dafür eine Schokolade. Die weniger erfolgreichen Schüler mussten ihre Zedeli zusammenlegen, damit es reichte.

Heute braucht man Zettel noch beim Einkaufen als Komissioone- oder Poschtizedel, und als Quittung erhält man dann ein Kassezedeli. Die Zettel früherer Jahrhunderte waren in der Regel grösser und hatten oft die Funktion einer Urkunde. Da gab es Tauffzedel, Passzedel und Geleitszedel (für den Warentransit). Ein amtliches Dokument war auch der Trinkzedel, im Volksmund Suiffzedel genannt; das war eine von der Obwaldner Polizei ausgestellte Liste der mit Wirtshausverbot belegten Einwohner.