Weihnachtsmessen

Voll bereit für die Zeit der vollen Kirchen – drei Seelsorger berichten

Drei Seelsorger berichten von ihrem Umgang mit den hohen Erwartungen an sie und das Fest.

Drei Seelsorger berichten von ihrem Umgang mit den hohen Erwartungen an sie und das Fest.

Weihnachten ist für viele Menschen in diesem Land der einzige Tag, an dem sie noch einen Fuss in die Kirche setzen. Drei Seelsorger berichten von ihren Erfahrungen und ihrem Umgang mit den hohen Erwartungen an sie und das Fest.

Pastoralraumpfarrer Georges Schwickerath steht vor dem Hochaltar der Klosterkirche     Muri. Er freut sich auf die Festtage und das Feiern der Weihnachtsmessen mit möglichst vielen Menschen.

Pastoralraumpfarrer Georges Schwickerath steht vor dem Hochaltar der Klosterkirche Muri. Er freut sich auf die Festtage und das Feiern der Weihnachtsmessen mit möglichst vielen Menschen.

Gestresst wirkt er kein bisschen, der verantwortliche Pfarrer für den Pastoralraum Muri AG und Umgebung, Georges Schwickerath. Im Gegenteil, seelenruhig schlürft er seinen Kaffee, während er dem Mann von der Zeitung das Paradox der Adventszeit erklärt: «Eigentlich sollte diese Zeit eine ruhige, besinnliche Zeit sein, in der man sich still vorbereitet auf das grosse Geschenk der Geburt Jesu. Aber die ganze Geschäftigkeit und der Kommerz, der ja schon lange vor dem Advent beginnt, schlägt uns da quer. Wir versuchen, dagegen anzukämpfen.» Zum Beispiel mit Roratemessen im Advent, die eine gute Möglichkeit bieten, in meditativer Stimmung der Adventshektik zu entfliehen.

Erinnerungen an die Kindheit

«Natürlich gibt es für uns viel zu tun. Nicht nur an den Weihnachtstagen selber, sondern schon im Vorfeld», bestätigt Schwickerath, «aber es ist alles eine Frage der Planung. Ausserdem bin ich ja nicht alleine zuständig hier. Ich kann mich auf ein sehr gutes Team verlassen, angefangen bei den Sekretärinnen über die Sigriste, die Pastoralassistenten und Diakone, die Katechetinnen und alle freiwilligen Helferinnen und Helfer, die im Pastoralraum zusammenarbeiten.» Nervös würde er erst, wenn jemand aus diesem Kreis überraschend krank würde, sagt der Pfarrer und rollt die Augen ’gen Himmel.

Auf die Weihnachtsgottesdienste freut sich Schwickerath ganz besonders. Er weiss, dass diese Messen erfahrungsgemäss viel besser besucht sind als an gewöhnlichen Sonntagen. «Aber ich mache da keinen Unterschied. Ob es nun 5 oder 500 Leute in der Kirche hat, ich feiere einfach mit denen, die da sind.» Nur was die Liturgie und die Predigt anbelangt, da will er versuchen, möglichst traditionell zu sein: «Es ist wie auf dem Weihnachtsmarkt. Diese Düfte und Klänge erinnern einen an die Kindheit. So soll es auch in der Messe sein. Die Menschen sollen etwas wiedererkennen, was sie von früher her schon kennen. Weihnachten ist ein Fest, das die Gefühle anspricht. Die Leute, die in die Messe kommen, wollen berührt sein. Genau das will ich erreichen. Sie sollen mit dem Gefühl nach Hause gehen, etwas in der Kirche erhalten zu haben.» Dabei helfe ihm die katholische Liturgie sehr, die mit Musik und Gesängen, mit Gerüchen, Schmuck und Bildern alle Sinne des Menschen anspreche. Worüber er predigen werde, das weiss Schwickerath noch nicht. «Sicher wird wieder ein aktuelles Thema in meine Predigt mit einfliessen», sagt er, «denn das bin ich den Gläubigen schuldig.»

Geben und Nehmen

Aufschreiben tut er seine Predigten nie. «Ich überlege mir die Thematik und eine Art roten Faden. Wenn ich das habe, dann kann ich frei formulieren und meine Predigt, auch während ich sie halte, noch anpassen.» Vor allem an Weihnachten müsse er da sehr flexibel sein, denn tendenziell kämen in Muri viele Jugendliche in den Gottesdienst. «Da muss ich mit meinen Formulierungen eine rechte Bandbreite abdecken. Also erst, wenn ich Amen sage, ist meine Predigt fertig», lächelt der begnadete Homiletiker.

Messen zu halten, ist für Pfarrer Schwickerath keine Anstrengung, sondern eine Kraftquelle, wie er sagt. «Mit all diesen Menschen zusammen Liturgie zu feiern, ist für mich nicht nur ein Geben, sondern auch ein Nehmen.» (Christian Breitschmid)

Nadine Hassler Bütschi gesteht: «Ich mache gerne Geschenke.»

Nadine Hassler Bütschi gesteht: «Ich mache gerne Geschenke.»

Vor der Predigt die Mayo

Für die Rueder Pfarrerin Nadine Hassler Bütschi beginnt Weihnachten nach den Sommerferien.

Die erste Kindheitserinnerung von Nadine Hassler Bütschi ist Weihnachten auf dem Zócalo, dem zentralen Platz von Mexiko-Stadt, wo ihre Familie damals lebte. Weil es Abend war, hatte ihre Mutter ihr die Kleider über den Pyjama gezogen. Nun stand das Mädchen da. Inmitten eines rot leuchtenden Meeres aus Weihnachtssternen. Vor ihr eine riesige Krippe.

Vermutlich hat diese Erinnerung dazu beigetragen, dass die Pfarrerin heute Weihnachtssterne und Krippen sammelt, und vermutlich auch, dass sich die 51-Jährige schon Monate vorher auf Heiligabend freut. «Weihnachten beginnt bei mir nach den Sommerferien», sagt Nadine Hassler Bütschi. Dann überlegt sie sich erste Beiträge für das «Chilefänschter» (das Mitteilungsblatt der Reformierten Kirche Rued) und schreibt das Krippenspiel aus.

Den Text für das Spiel schreibt die erste Pfarrerin der Gemeinde selbst. «Dieses Jahr haben sich 30 Kinder angemeldet.» Besinnlichkeit komme aber erst im November auf. «Im Totenmonat können wir still werden für den Advent», sagt Nadine Hassler Bütschi. Denn der Dezember ist durchgeplant: Weihnachtsbasar, Proben für das Krippenspiel, Guetzli backen, Abendessen mit den Konfirmanden. «Klar habe ich viel zu tun. Aber ich finde es so traurig, wenn man Weihnachten nur mit Stress verbindet», sagt die Pfarrerin. Ihr gehe es darum, die Liebe Gottes zu leben, besonders im Advent. Etwa damit, dass ihre Familie das Pfarrhaus öffnet und zu Kaffee und Kuchen einlädt – und natürlich in den Gottesdiensten.

Pfarrerin und Hausfrau

Dieses Weihnachten ist bereits das vierte, das Nadine Hassler Bütschi in Rued verbringt. Davor lebte sie 21 Jahre mit ihrer Familie in Möhlin. «Rued ist eine ganz andere Gemeinde, aber wir fühlen uns sehr wohl.» Sie habe keine Sekunde bereut, das Einzelpfarramt im Tal angenommen zu haben.

Dieses Jahr wurde der Familiengottesdienst auf den 23. Dezember vorverlegt. An Heiligabend findet nur der Abendgottesdienst um 22 Uhr statt. «Das finde ich gut. Ich bin nämlich auch Hausfrau», sagt die Pfarrerin. Sind am Morgen des 24. die letzten Vorbereitungen für den abendlichen Gottesdienst erledigt, geht’s an die selbst gemachte Mayonnaise und die Saucen für das Fondue chinoise, die Tischdekoration und das Dessert.

Nach dem Hauptgang ist es dann so weit. Die Familie begibt sich mitsamt Besuch in die Kirche. Ehemann Gerhard Bütschi entschuldigt sich zuerst. Er singt im Kirchenchor. Kurz darauf macht sich auch die Pfarrerin auf den Weg in die Kirche. Der Gottesdienst ist gestaltet mit viel Musik, kurzen Texten und einer thematischen Predigt von Nadine Hassler Bütschi. «Die Leute sollen erfüllt werden von der Wärme von Weihnachten und diese nach Hause nehmen», sagt sie. Nach dem Gottesdienst feiert die Familie weiter. Auch Geschenke fehlen nicht. «Ich mache furchtbar gerne Geschenke», gibt die Seelsorgerin schmunzelnd zu. Verwerflich sei es dann, wenn es nur noch um die Geschenke gehe.

Allzu lange dauert die Feier nicht. Am Weihnachtsmorgen steht um 10 Uhr bereits der nächste Gottesdienst an. «Der wird theologisch etwas anspruchsvoller», sagt Nadine Hassler Bütschi. Und am Stephanstag? Die Pfarrerin gesteht lachend: «Da bleibe ich möglichst lang im Pyjama.» (Marina Bertoldi)

Für Pfarrer Philipp Nanz ist der Advent eine sehr intensive Zeit.

Für Pfarrer Philipp Nanz ist der Advent eine sehr intensive Zeit.

Nicht einfach bloss Routine

Für Pfarrer Philipp Nanz aus Meisterschwanden bleibt der Gottesdienst an Heiligabend – trotz jahrelanger Erfahrung – etwas ganz Besonderes.

Gerade wurde der Christbaum angeliefert. Wie ein Pfau sein Rad fächert die mächtige Tanne ihre Äste unter der Kanzel aus, als zwei Kirchenmitarbeiter sie mit einer Schere aus dem Netz befreien. Noch vor wenigen Stunden fand in der Kirche in Meisterschwanden eine Abdankung statt. Jetzt wird das reformierte Gotteshaus für einen der grössten Gottesdienste im Jahr dekoriert: den Heiligabendgottesdienst. Gehalten wird er von Philipp Nanz. Seit 27 Jahren ist er in Meisterschwanden Pfarrer. Nach all der Zeit bleibt der Gottesdienst in zwei Tagen für ihn etwas ganz Besonderes.

Erstmals mit Gospelchor

«Joy to the world, the Lord is come» («Freue dich, Welt, dein König naht»), stimmt Philipp Nanz das bekannte Weihnachtslied an. «Ach, fantastisch!», sagt der Pfarrer strahlend. Genau darum gehe es an Heiligabend. Um Freude, Feiern und darum, dass Gott Mensch geworden sei. Auf die Musik im Heiligabendgottesdienst freut sich der 62-Jährige besonders. «Dieses Jahr singt zum ersten Mal unser Gospelchor», verrät er voller Freude.

Die Feier wird für den Pfarrer zum Höhepunkt einer Adventszeit mit einer Andacht im Altersheim, Besuchen bei Betagten, zusammen mit Jugendlichen, und der Eröffnung der interaktiven Ausstellung «Auf nach Bethlehem». Im Dachstock des Gebäudes «Wisawi» in Meisterschwanden können sich die Besucher dabei auf eine Entdeckungsreise durch die ganze Weihnachtsgeschichte machen (www.aufnachbethlehem.ch). Hinzu kam der normale Tagesbetrieb. «Es ist eine sehr intensive Zeit», sagt Philipp Nanz. Eine Zeit, in der er Augen und Ohren besonders offenhält und sich immer wieder bewusst Zeit für ein Gebet nimmt. Auch nach über 20 Jahren gilt es, einen neuen Ansatz für die Heiligabendpredigt zu finden. Von Routine will der Seelsorger nicht sprechen. Die Feier bedeute jedes Jahr aufs Neue harte Arbeit. «Der Gottesdienst soll nicht nur ein Ritual sein. Die Menschen sollen spüren, dass Gott nah ist und Hoffnung weckt.»

Was genau er der Weihnachtsgemeinde sagen will, entscheidet der Pfarrer relativ kurzfristig. «Ich habe schon eine Idee, weiss aber noch nicht, ob ich sie genau so umsetzen werde», sagt er. Improvisieren will er aber nicht. «Ich sehe in mir nicht den Entertainer», sagt Nanz. Eine Predigt bereite er sorgfältig vor und formuliere sie schriftlich aus.

Schlichte Familienfeier

Die Aufregung vor dem Gottesdienst, um 22.15 Uhr, ist jeweils gross. Deshalb wird bei Familie Nanz auch nicht gross getafelt. «Ich feiere schlicht mit meiner Frau und meiner Tochter», sagt Nanz. Auf Geschenke verzichtet die Familie. «Es ist schön, sich diesem ‹Run› entziehen zu können, für jeden das passende Geschenk finden zu müssen», erklärt der Familienvater.

Zu essen gibt es keine Gans, sondern Pizzen aus dem Raclette-Ofen. Mit zu vollem Magen lässt es sich schlecht vor Hunderten Menschen predigen. Erfahrungsgemäss wird die Kirche an Heiligabend rappelvoll sein. Auch mit Menschen, die sonst nie in die Kirche kommen. Philipp Nanz sagt: «Ich freue mich über alle, die kommen und an diesem besonderen Tag in einer grossen Gruppe feiern wollen.» (Marina Bertoldi)

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