Aargau
Volksschulleiter Aeberli: «Repetitionen bringen meist nichts»

Volksschulleiter Christian Aeberli meint, Klassenwiederholungen gehören abgeschafft. 2004 bestätigte eine Schweizer Studie von Bless, Schüpbach und Bonvin, dass Leistungsrückstände durch Repetitionen langfristig nicht aufgeholt werden können.

Robert Benz
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Bereits mit dem Bildungskleeblatt sollten Klassenwiederholungen in der Volksschule abgeschafft werden. 2004 bestätigte eine Schweizer Studie von Bless, Schüpbach und Bonvin auf Primarstufe, dass Leistungsrückstände durch Repetitionen langfristig nicht aufgeholt werden können. «Für die Umstellung müssten Verordnungen und Gesetze angepasst werden», sagt Christian Aeberli, der Leiter der Aargauer Volksschule.

Christian Aeberli, haben Sie einmal eine Klasse wiederholen müssen?

Christian Aeberli: Nein, auch meine Kinder nicht.

Sämtliche Repetitionen in der Volksschule abzuschaffen, tönt nach einer einschneidenden Massnahme.

Die Gesamtzahl der Repetitionen ist relativ hoch und diese Zahl wollen wir nach unten korrigieren. Hinzu kommen zeitliche Verlängerungen der Schulzeit durch verspätete Einschulung, bei der Durchlässigkeit in der Oberstufe und bei den Einschulungsklassen.

Viele würden doch gegen die Abschaffung protestieren. Schüler, die vom zusätzlichen Schuljahr profitiert haben oder besorgte Eltern.

Wir sprechen von Reduktion. Und als Verantwortliche müssen wir uns auf die Wissenschaft abstützen. Das verstehen viele Leute nicht.

Was bedeutet das?

Repetitionen bringen meist nichts. Aber deren Abschaffung ist nicht zuoberst auf unserer Agenda.

Die meisten Repetitionen finden in der Oberstufe statt.

40 Prozent der deutschsprachigen und 57 Prozent der fremdsprachigen Aargauer Schülerinnen und Schüler waren letztes Jahr beim Schulabschluss älter als vorgesehen. Das heisst: Fast jedes zweite Kind braucht für die Volksschule länger als neun Jahre. In der Oberstufe ist die Quote der Repetenten deutlich höher als in der Primar und lag letztes Jahr in der achten Klasse bei 7,8 Prozent. Hauptursache sind die mobile Repetition, der Stufenwechsel von der Real- in die Sekundarschule oder von der Sekundar- in die Bezirksschule. Mehrere Studien - teils aus den 1980er-Jahren - belegen, dass Leistungsrückstände durch Wiederholungen auf lange Sicht nicht aufgeholt werden können. (ROB)

Wie wichtig ist das Thema?

Das Thema ist wichtig, weil die Kinder häufig darunter leiden und es auch mit Kosten verbunden ist.

Planen Sie die Abschaffung der Repetition in ein anderes Projekt zu integrieren?

Bisher ist die Idee einfach eine Leitlinie in unserer Strategie. Wir müssen schauen, wann es passt, diese umzusetzen.

Wissen Sie schon, wann zum letzten Mal ein Schüler repetieren wird?

Nein, wir haben bereits heute eine gute Regelung. Im Einzelfall können Schüler repetieren. Das soll man auch nicht ganz aufgeben, weil es Sinn machen kann.

Denken Sie, die Abschaffung der Repetitionen wird in der Bevölkerung auf Zustimmung oder auf Ablehnung stossen?

Man muss es einfach gut erklären und begründen. Wir würden nicht in ein totales Verbot gehen. Sonst wären die Reaktionen wahrscheinlich da. Viele Leute haben ein System ohne Repetitionen einfach nicht erlebt. Aber es gibt andere Kantone, die darauf verzichtet haben.

Die Schüler könnten dann ja machen, was sie wollen. Eine Jahreswiederholung brauchen sie dann nicht mehr zu fürchten?

So sehen wir das natürlich nicht. Wir wollen positiv und durch einen interessanten Schulstoff motivieren. Ich glaube nicht, dass es Schüler gibt, die extra blöd tun, nur weil sie wissen, dass sie nicht repetieren müssen.

Will man die Repetitionen abschaffen, weil Kosten gespart werden oder weil es die Qualität der Ausbildung verbessert?

In erster Linie sind es pädagogische Überlegungen, die uns leiten. Zum Zweiten gibt es jahrzehntelange Studien, die besagen, dass es hier eine Massnahme gibt, die nichts nützt und gleichzeitig kostet. Das ist natürlich auch schlecht und muss berücksichtigt werden. Wenn daraus ein volkswirtschaftlicher Nutzen resultiert, ist das gut für die Gesellschaft.

Die Umstellung auf drei Jahre Oberstufe spielt Ihnen hier in die Hände?

Das stimmt, ja. Ein Jahr weniger Oberstufe bedeutet weniger Repetitionen durch einen Stufenwechsel. Abgesehen davon ist es vom Gesetz her bereits jetzt möglich, einen Schüler ohne Verzögerung eines Jahres von der Sek in die Bez und von der Real in die Sek zu schicken.

Lehrer entscheiden über die Promotion. Sind sie der Schwachpunkt im System?

Das sehe ich gar nicht so. Repetitionen sind in den Köpfen der Leute und Lehrer verankert. Wenn jemand den Vierer nicht erreicht, muss er repetieren. Wir müssen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass Repetitionen oft keinen Sinn machen.

Wie gross ist der Einfluss des Lehrers bei einem Wackelkandidaten?

Noten sind immer auch eine Gesamtbeurteilung. Je nachdem ist es möglich, das Kind an sich selbst zu messen und die persönliche Entwicklung einzubeziehen.

Werden Sie den Lehrern nun vorschreiben, nur noch in Ausnahmefällen repetieren zu lassen?

Die Verwaltung kann das nicht, nur die Politik. Der Regierungsrat könnte per Beschluss das Promotionsreglement ändern. Was die Einschulungsklassen betrifft, müsste der Grosse Rat entscheiden.

Gibt es weitere Volksschul-Projekte, an denen zurzeit gearbeitet wird?

Ja, der Lehrplan 21 soll frühestens auf das Schuljahr 2017/18 umgesetzt werden und bei den schulischen Führungsstrukturen wird ebenfalls eine Änderung diskutiert. Die Aufgaben der Schulpflegen könnten auf Gemeinderat und Schulleitung verteilt werden.