Selbstdispensation

Volk vor Grundsatzentscheid: 6 Fragen und Antworten zu Medikamenten-Initiativen

Dürfen künftig auch Ärzte Medikamente verkaufen?

Dürfen künftig auch Ärzte Medikamente verkaufen?

Am 22. September stimmt der Aargau ab, wer zukünftig Medikamente abgeben darf. Sollen die Ärzte künftig selbst auch Medikamente verkaufen dürfen? Sechs Fragen und Antworten zu den Initiativen der Ärzte und Apotheker.

1. Worum geht es in der Abstimmung vom 22. September?

Im Aargau gilt der Grundsatz, dass vom Arzt verschriebene Medikamente in der Apotheke zu beziehen sind. In Regionen, in denen die nächste Apotheke zu weit entfernt ist, können Ärzte mit Bewilligung des Kantons (Selbstdispensationsbewilligung) eine Privatapotheke führen. Mithilfe ihrer Initiative wollen die Ärzte künftig selbst auch Medikamente verkaufen dürfen. Die Apotheker verteidigen mit ihrer Gegeninitiative das heutige System und wollen ihm Verfassungsrang geben.

2. Werden in Zukunft alle Ärzte auch Medikamente verkaufen, wenn sie dies dürfen?

Viele selbstständig tätige Ärzte dürften diese Möglichkeit nutzen, wie das Beispiel des Kantons Luzern zeigt, in dem die Selbstdispensation erlaubt ist. Dort haben 567 von 1127 Ärzten eine Bewilligung zum Medikamentenverkauf. Zieht man Ärzte ohne Betriebsadresse im Kanton, Spitalärzte etc. ab, sind laut dem Luzerner Kantonsapotheker Stephan Luterbacher «97 Prozent der selbstständig tätigen Ärzte im Kanton Luzern im Besitz einer solchen Bewilligung».

3. Wie wichtig wäre der Medikamentenverkauf für Ärzte?

Es gibt einen Zusammenhang zwischen Medikamentenverkauf und Ärzteeinkommen. In Luzern macht der Anteil am Gesamtumsatz eines Arztes oder einer Ärztin in freier Praxis über das Krankenversicherungsgesetz KVG laut einer Santésuisse-Publikation etwas über 40, im Aargau nur etwas über 10 Prozent aus. In Franken heisst das am Beispiel des Thurgaus (einem Kanton mit Selbstdispensation): hier betragen die Gesamteinnahmen eines Arztes pro Versicherten (wiederum laut Santésuisseberechnung) jährlich 800 Franken, davon 300 Franken via Medikamentenabgabe. Daraus ergibt sich: Ärzteeinkommen sind in Kantonen mit Selbstdispensation tendenziell höher.

4. Wird es für die Patienten günstiger, wenn beim Arzt der Apotheker-Beraterzuschlag wegfällt?

Darüber streitet die Wissenschaft. Die Apotheker erhalten eine Leistungsorientierte Abgeltung (LOA). Was macht diese aus? Anbei das Beispiel der Apotheke von Apothekerpräsident Fabian Vaucher. Bei ihm bringt dieser Zuschlag sechs Prozent des Gesamtumsatzes. Verkauft der Arzt ein Medikament, fällt dieser Zuschlag weg, er kann das Medikament also günstiger abgeben. Die Aargauer Ärzte machen denn auch geltend, dass dies die Gesundheitskosten senke. Apotheker argumentieren, die Ärzte müssten den Patienten das Medikament auch erklären und könnten dies via Tarmed abrechnen. Eine Erhebung des Bundesamtes für Gesundheit zeigt: Die Brutto-Medikamentenkosten via Obligatorische Krankenpflegeversicherung sind im Aargau leicht unterdurchschnittlich, in Luzern klar unter-, in Baselland überdurchschnittlich (LU und BL sind Selbstdispensationskantone). Welches System ist also günstiger? Studien kommen zu unterschiedlichen Schlüssen, zumal die Kosten durch weitere Faktoren beeinflusst werden wie Ärztedichte, Alter der Bevölkerung, Urbanität etc.

5. Gibt es auf dem Land bald keine Hausärzte mehr, wenn sie keine Medika mente verkaufen dürfen?

Die Ärzte machen geltend, dass die Möglichkeit, Medikamente zu verkaufen, gerade die Situation von Landpraxen verbessern kann. Hier Ärzte zu finden, ist tatsächlich enorm schwierig. Die Ärztedichte ist aber ausgerechnet in Genf, Waadt, Neuenburg und Basel-Stadt, wo Ärzte grundsätzlich keine Privatapotheke führen können, am höchsten. Im Aargau ist sie etwas tiefer als in Luzern und etwas höher als im Thurgau – in Luzern und Thurgau ist Selbstdispensation erlaubt. Diese widersprüchlichen Zahlen zeigen: Offenkundig spielen auch andere Argumente für einen Niederlassungsentscheid eine wichtige Rolle.

6. Schliessen reihenweise Apotheken, wenn die Ärzteinitiative angenommen wird?

Im Aargau machen die rezeptpflichtigen Medikamente laut Apothekerverband in den Apotheken rund 80 Prozent des Umsatzes aus, in Luzern sind es etwa 10 Prozent. Im Aargau gibt es 115 Apotheken, also eine auf rund 5300 Einwohner. Luzern hat aktuell 38 Apotheken, eine auf etwas über 10  000 Einwohner. Die Aargauer Apotheker befürchten, dass bei einem Systemwechsel 40 bis 50 vorab ländliche Apotheken schliessen müssten. Die Ärzte weisen diese Befürchtung aber zurück.

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