Marianne Binder ist enttäuscht: "Das ist eine völlig unklare, nicht brauchbare Handlungsanweisung", sagt die CVP-Aargau-Präsidentin und Grossrätin im "Talk Täglich" auf "Tele M1". 

Mit einem neuen Leitfaden steht der Kanton Aargau seinen Volksschullehrern in heiklen religiösen Fragen zur Seite: Sollen alle Kinder der Lehrerin die Hand schütteln, am Schwimmunterricht teilnehmen und Weihnachtslieder singen? Den Leitfaden gefordert hat die CVP-Grossratsfraktion um Binder. Vom elfseitigen Dokument hat sie mehr erwartet, beispielsweise klare Leitlinien. Sprich: rechtliche Interventionsmöglichkeiten.

Binder sieht die Schweizer Werte in Gefahr. Grund dafür sei die wachsende Zahl Asylsuchender. "Den Migranten sind unsere Freiheitsrechte vollkommen fremd", sagt Binder. Es gelte, die Freiheits- und Gleichheitsrechte nicht aufzugeben. Darum brauche es klare Leitlinien.

"17 Mal reden bringt nichts"

Keine starren Regeln will Kathrin Scholl, SP-Grossrätin und stellvertretende Geschäftsleiterin im Aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverband. Die Schule müsse unsere Werte aufzeigen und erklären. Das sei Teil ihres Integrationsauftrags, sagt Scholl.

Das hält Binder für den falschen Weg: "Das ist falsch verstandene Toleranz. 17 Mal über etwas zu reden bringt nichts." Dem widerspricht Scholl. Der Grossteil der Eltern sei froh um den Dialog. In mehreren Fällen hätten Lehrer so erreicht, dass Mädchen auf das Tragen des Kopftuchs verzichtet hätten.

Sehen Sie hier die Sendung TalkTäglich zum Aargauer Religionsleitfaden in voller Länge.

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Binder und Scholl sind sich indessen einig, dass die Kinder letztlich nach unseren Werten leben sollen. Scholl nennt etwa als Ziel, dass Mädchen im Unterricht keine Kopftücher tragen. Verbieten dürfen die Schulen den Schleier nicht – das hat das Bundesgericht entschieden. Also müssen, gemäss Scholl, die Schulen den Betroffenen erklären, warum Kopftuchtragen nicht angebracht ist. Scholls Argumente lauten: Das Kleidungsstück gehört nicht in unsere Kultur. Und es kann ein Hindernis sein oder – beispielsweise beim Arbeiten im Werkraum – sogar gefährlich.

Probleme machen meist nicht Muslime

Binder attestiert dem Leitfaden einen "verkrampften Umgang mit unseren Werten". Ihr stösst etwa sauer auf, dass es möglich ist, für das Singen von Weihnachtsliedern eine Dispens zu erhalten. "Also bitte sehr", lautet ihr Kommentar. Der Leitfaden zitiert ein Urteil, in dem das Bundesgericht 2012 festhielt, eine Dispens dürfe nicht grundsätzlich verweigert werden. Zu beurteilen hatte es den Fall dreier Kinder der Palmarianisch-katholischen Kirche, die sich von religiösen Gesängen und Besuchen religiöser Stätten dispensieren lassen wollten.

Scholl macht denn auch darauf aufmerksam, dass die meisten Sonderwünsche nicht von Muslimen kommen: "Es gibt eher Probleme mit extremen christlichen Kreisen. Das sind Schweizer." Muslimische Kinder seien hingegen oftmals vorbildlich: Sie erscheinen laut Scholl fein herausgeputzt zum Krippenspiel, stehen in die vorderste Reihe und singen laut mit. Wenn es dennoch zu Diskussionen komme, versuchten die Lehrer, eine für den Einzelfall massgeschneiderte Lösung zu finden. "Wer nicht Josef oder Maria spielen will, für den findet sich immer eine andere Rolle", erklärt Scholl. (mwa)