Villmergerkrieg
Villmergerkrieg: Eine Schlacht, die das Land veränderte

Gegen 4000 Todesopfer forderte vor 300 Jahren die Entscheidungsschlacht um die Neuordnung der Machtverhältnisse in der alten Eidgenossenschaft bei Villmergen. Ihnen und dem Friedensschluss von Aarau wird am Samstag mit einer grossen Feier gedacht.

Urs Moser
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Gemeindeammann Ueli Lütolf, Staatsarchivarin Andrea Voellmin und Projektkoordinator Michael Achermann auf der Freilichtbühne in Villmergen.Emanuel Freudiger

Gemeindeammann Ueli Lütolf, Staatsarchivarin Andrea Voellmin und Projektkoordinator Michael Achermann auf der Freilichtbühne in Villmergen.Emanuel Freudiger

«Unheimlich stolz» sei er, dass der grosse Gedenkanlass in seinem Dorf möglich wurde, meint Gemeindeammann Ueli Lütolf. Das 1960 eingeweihte Schlachtdenkmal wurde zum Jubiläumsjahr frisch herausgeputzt, das Kopfsteinpflaster auf dem Platz sandgestrahlt.

Delegationen aus 10 Kantonen

Ausgerichtet wird die Gedenkfeier vom Kanton. Projektkoordinator Michael Achermann und Staatsarchivarin Andrea Voellmin informierten gestern bei einem Augenschein auf dem Festgelände über die letzten Vorbereitungen. Über 300 geladene Gäste werden am Samstag nach Villmergen kommen. Regierungsräte und Parlamentarier aus 10 Kantonen, hohe Militärs, Gelehrte und weitere Prominenz.

Eingeladen wurden alle damals in den Villmergerkrieg involvierten Kantone. Hochrangige Delegationen aus Zürich, Bern, den Innerschweizer Kantonen, St. Gallen und dem Wallis (unterstützte damals die katholischen Innerschweizer) werden mit einem «verre d’amitié» auf die freund-eidgenössische Koexistenz anstossen, bis zu der es nach dem vierten Aarauer Landfrieden vom 11. August 1712 noch ein Weilchen dauerte. Der gastgebende Aargauer Regierungsrat nimmt in corpore am Gedenkanlass teil. Nur die Regierungen von Genf und Neuenburg (zogen damals mit den reformierten Bernern in die Schlacht) liessen sich entschuldigen: alle noch in den Ferien.

Das passiert im Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne»
13 Bilder
Im Keller vom Schloss Hilfikon beraten sechs Frauen, wie sie mit Liebesentzug ihre Männer von der Schlacht abhalten können
Eine bunte Gaukler-Truppe unterhält vor dem Schloss Hilfikon das Volk aus nah und fern
In der «Tagesschau» am Vorabend vom Mittwoch, 25. Juli 1712, wird die erwartete Schlacht mit allen Regeln der Medienkunst zum Ereignis gemacht
Die Waffenhändler-Familie Kubli präsentiert mit zwei Models vor dem Schloss Hilfikon die neusten Gewehre und Hellebarden
Das Lied «Im Aargäu sind zwöi Liebi» wird als Singspiel aufgeführt, in dem ein Soldat seine Liebste verlässt, in den Krieg zieht und wieder heimkehrt
Auftritt der Hochzeitsgesellschaft
Der Bräutigam begrüsst die Hochzeitsgäste
Die Hochzeitsgesellschaft schwingt gut gelaunt das Tanzbein
Während die Hochzeitsgäste speisen...
...ergiessen sich im Hintergrund Kriegsszenen aus der Vergangenheit in die Gegenwart
Ein verletzter Soldat aus der Vergangenheit stürzt in die Hochzeitsfeier und lässt diese platzen
Die Vergangenheit holt die Gegenwart ein: Trauerzug zum Abschied der Gefallenen

Das passiert im Landschaftstheater «Mit Chrüüz und Fahne»

Felix Wey

Zwei Zusatzvorstellungen

Für das Fussvolk wurden 155 Plätze reserviert, aber die waren schnell vergeben. Wer kein Ticket hat, braucht am Samstag nicht nach Villmergen zu fahren. Mehr als 480 Personen fasst die Tribüne des Freilichttheaters «Mit Chrüüz und Fahne» nicht, das sich die Gäste am Abend ansehen werden. Die Urheber eines parlamentarischen Vorstosses erachteten es zwar «als eine Pflicht des Kantons Aargau», neben einer offiziellen Feier mit Kantonsvertretern «auch der heutigen Generation die historischen Zusammenhänge zu vermitteln».

Das geschieht im Stück «Mit Chrüüz und Fahne» aber sicher mindestens so anschaulich wie in den Festansprachen am Samstag. Und das Theater kommt beim Publikum so gut an, dass die 16 Aufführungen schnell ausverkauft waren und zwei Zusatzvorstellungen am 16. und 21. August gespielt werden.

Vormachtstellung der katholischen Orte beendet

Der Villmergerkrieg beendete die Vormachtstellung der katholischen Orte in der alten Eidgenossenschaft. Im vierten Landfrieden von Aarau (auf dessen Jahrestag, nicht auf den der grossen Schlacht am 25. Juli die Gedenkfeier bewusst gelegt wurde) diktierten die reformierten Stadtstaaten die Neuordnung der Machtverhältnisse. Vielleicht deshalb haben sich die Landeskirchen darauf geeinigt, dass in ihrer aller Namen am Samstag Luc Humbel sprechen wird, Kirchenratspräsident der römisch-katholischen Landeskirche.

Weitere Ansprachen halten Landammann Susanne Hochuli, der Politikwissenschafter Wolf Linder und als «höchster» Gast Bundesrätin Doris Leuthard: sie über damalige und heutige Konfliktbewältigungsstrategien. Bevor es dann zum «Verre d’amitié» geht, soll aus 500 Kehlen die Landeshymne über die Freilichtbühne beim Schloss Hilfikon hallen, wo sonst die Motocross-Maschinen knattern.