Lenzburg

Villa nach Internet-Panne in Gefahr – Credit Suisse denkt an Abbruch

Die «Villa Fischer» soll nicht abgebrochen werden, findet Claude Müller.

Die «Villa Fischer» soll nicht abgebrochen werden, findet Claude Müller.

In Lenzburg steigt der Druck auf den Stadtrat. Er soll verhindern, dass die CS das stattliche Gebäude abbrechen darf.

Wer in Lenzburg mit dem Zug Richtung Zürich fährt, kennt das markante, 140 Meter lange Wohngebäude, das unmittelbar neben den Gleisen steht. Wer zu Fuss vom Bahnhof in die Altstadt läuft, freut sich über den kleinen Park zwischen dem Langbau und der Bahnhofstrasse. Mitten drin die «Villa Fischer», ein Gebäude aus der Zeit um 1900. Wie die az berichtete, soll sie abgebrochen und durch einen vier Mal grösseren Neubau mit einer Etage Läden und 18 Mietwohnungen ersetzt werden. Den Plänen eines Fonds der Credit Suisse schien nichts im Wege zu stehen. Anfang Februar erklärte Christoph Schnegg, Abteilungsleiter Hochbau, der az: «Die Villa steht weder unter kantonalem Denkmalschutz noch ist sie auf der gemäss rechtskräftiger Bauordnung aktuellen Liste kommunal schutzwürdiger Bauten verzeichnet.»

«Die Strasse nicht verhunzen»

Wirklich? Laut dem Juristen Claude Müller ist die Villa sehr wohl geschützt. Sie steht unter Ensembleschutz. «Das hat das Stadtbauamt aufgrund meines Einschreitens mittlerweile erkannt», schreibt Müller. Als Anwohner ist ihm die Bahnhofstrasse und ihre Aufwertung ein grosses Anliegen. Er hat sich darum auch im Rahmen des Verfahrens Räumliche Entwicklungsstrategie (RES) stark engagiert. Müller sagt: «Man muss langfristig denken und dafür sorgen, dass die Strasse nicht verhunzt wird.» Mit der Überbauung des Schlüsselgrundstückes «Villa Fischer» würde ein Präjudiz geschaffen. Noch vor ein paar wenigen Jahren haben die Behörden die neue Grünfläche in höchsten Tönen gelobt. Jetzt wolle die CS da einen knapp 50 Meter langen, 6,8 Millionen Franken teuren Bau hineinzwängen.

Irrtümlich nicht schraffiert

Für den Juristen ist klar: «Eine Abrissbewilligung wäre wegen des Ensembleschutzes ungesetzlich.» Wie hatte es überhaupt dazu kommen können, dass auf der Verwaltung der Schutz vergessen ging? «Wo gearbeitet wird, passieren auch Fehler», sagt Müller. Der Fehler ist offensichtlich darauf zurückzuführen, dass auf einem neueren, im Internet publizierten Zonenplan die «Villa Fischer» irrtümlich nicht schraffiert war. Und diesen Plan scheinen die Beamten und die Bauherren für ihre Entscheidungsfindung verwendet zu haben. Im Originalplan gibt es die Schraffierung und – noch viel wichtiger – in der Bauordnung ist der Ensembleschutz auch für die «Villa Fischer» explizit aufgeführt.

Die Internet-Panne ist auch darum von Bedeutung, weil die CS viel Geld in die Planung des Neubaus investiert hat und allenfalls Schadenersatzansprüche an die Stadt stellen könnte. Doch Jurist Müller glaubt, die Stadt sei gegenüber solchen Forderungen geschützt, weil in einem Stadtratsprotokoll von Mitte letzten Jahres zu einer Voranfrage die grundsätzliche Zustimmung zum Vorhaben als «unverbindlich» erklärt wurde. Dies aufgrund allfälliger besserer Erkenntnisse und begründeter Einwendungen.

«Die Leute sind entrüstet»

Müller ist einer von zwei Einsprechern. Er ist überzeugt, dass «aufgrund der heutigen Rechtslage die Villa nicht abgerissen werden darf». Und er fühlt sich getragen durch viele Reaktionen aus der Bevölkerung: «Die Leute sind entrüstet. Ich werde häufig angesprochen.» Müller stellt fest: «Ein überwiegender Teil der Lenzburger Bevölkerung nimmt eine sehr wachstumskritische Haltung ein.»

Im Fall der Villa hofft Müller, «dass Stadtrat und Stadtbauamt aufgrund der neuen Erkenntnisse beziehungsweise der eindeutigen Rechtslage über die Bücher gehen und auf eine Erteilung der Baubewilligung verzichten». Er empfiehlt, dass man sich nicht auf einen jahrelangen Prozess einlässt, sondern die Energie auf konstruktive Art und Weise im politischen Prozess zur Erneuerung der Bau und Nutzungsordnung (BNO) einsetzt.

Müllers Ziel ist einfach: die Aufwertung der Bahnhofstrasse ohne Abbruch der «Villa Fischer». «Und nicht eine Abwertung durch das Hineinpferchen eines Neubaus», so Müller. Die Fragen der Aufwertung müssten durch den hierfür zuständigen Einwohnerrat behandelt und entschieden werden. «Ein Ersatz der ‹Villa Fischer› im vorgesehen Umfang wäre eine unzulässige Vorwegnahme dieses Prozesses», betont Müller.

Das historische Gebäude ist bereits Thema im Lenzburger Einwohnerrat. Wie die az gestern berichtete, haben die Grünliberalen ein entsprechendes Postulat eingereicht.

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