Zwei Sozialhilfebezüger aus Küttigen leben seit Anfang August im Dreistern-Hotel "Herberge Teufenthal". Zwar gäbe es in Küttigen zwei Notwohnungen für ebensolche Notfälle. Dort wohnen aber seit Anfang Jahr Asylsuchende.

Im Kanton Aargau müssen die Gemeinden selber oder gemeinsam mit anderen Gemeinden Notunterkünfte für Obdachlose erstellen und betreiben oder diese Aufgabe Dritten übertragen. So steht es im Sozialhilfe- und Präventionsgesetz. Im Aargau hat eine grosse Mehrheit der Gemeinden keine eigenen Notwohnungen. Das zeigt eine Umfrage der az, an der 129 der 213 Gemeinden teilgenommen haben.

Von den 129 Gemeinden verfügen 24 über eine oder mehrere Notwohnungen. Das ist knapp jede Fünfte. Es gebe keine Nachfrage, ist die häufigste Begründung für das Fehlen. In Ennetbaden etwa muss alle zwei Jahre für eine Person notfallmässig eine Wohnung gefunden werden. In Widen waren es in den letzten 15 Jahren zwei bis drei Fälle.

Viele Gemeinden argumentieren auch mit der angespannten Finanzsituation. Notwohnungen seien unverhältnismässig teuer: «Eine Wohnung anzumieten würde das Budget belasten und es ist gut möglich, dass sie für lange Zeit leer steht», sagt etwa Nicole Schlosser Stucki, die Leiterin der Sozialen Dienste Dottikon.

Gleich klingt es aus Moosleerau: «Wir können es uns schlicht nicht leisten, eine normalerweise leer stehende Wohnung zu unterhalten», sagt Gemeindeschreiber Stephan Gehrig. Hans Peter Meier, Gemeindeschreiber in Mülligen, fragt rhetorisch: «Sollen diese Wohnungen freistehen für Eventualitäten?»

«Das zieht Sozialfälle an»

Daniel Wicki, Gemeindeschreiber in Boswil, befürchtet, Notwohnungen könnten «Sozialfälle anziehen». Früher seien im ehemaligen Bahnhofgebäude von privater Seite Zimmer vermietet worden, was zu einer «massiven Zunahme der Sozialfälle» geführt habe. Ähnlich denkt Martina Bircher, Sozialvorsteherin in Aarburg: Stellt die Gemeinde Notwohnungen zur Verfügung, sei «der Anreiz nicht mehr vorhanden, sich um eine eigene Wohnung zu bemühen».

Obwohl die meisten Gemeinden keine Notwohnung haben, sind alle überzeugt, dass sie im Ernstfall reagieren könnten. «In Notfällen kann immer eine Lösung gefunden werden», sagt Margrit Stüssi, Gemeindeschreiberin in Densbüren. In kleineren Gemeinden wie zum Beispiel in Bünzen sucht die Gemeinde direkt den Kontakt mit Eigentümern von freien Wohnungen.
Die einfachste Lösung scheint aber oft ein Zimmer in einem Hotel zu sein: Fast die Hälfte der Gemeinden würden im Notfall vorübergehend ein günstiges Hotelzimmer anmieten. Was günstig heisst, erklärt Marco Hunziker, Gemeindeschreiber von Seon: «Pro Nacht 80 Franken mit Frühstück oder jeweils gleich einen Monat für 850 Franken.»

Pfadiheim Aarburg - mögliche Notwohnungen?

Pfadiheim Aarburg - mögliche Notwohnungen?

In Aarburg können Personen auch notfallmässig im Pfadiheim untergebracht werden. Die Gemeinde Oberhof listet sogar den Campingplatz in Frick als Möglichkeit auf. Für die Gemeinde Frick ist das keine Option. Die Verantwortlichen versuchen, zum Beispiel eine Lösung mit Verwandten zu finden. In Unterlunkhofen wurde schon eine Person in der Zivilschutzanlage einquartiert. Diese Lösung ziehen auch andere Gemeinden als günstige Alternative zum Hotel in Betracht.

Hilfsorganisationen am Limit

Viele Gemeinden wenden sich im Notfall an Hilfsinstitutionen wie das Heks, die Caritas oder den Verein «Hope Baden». Doch auch das «Hope» hat nicht immer eine Lösung parat: «Es ist zwar unsere Aufgabe und deshalb haben wir 2010 unser Wohnzentrum eröffnet», sagt Geschäftsleiterin Daniela Fleischmann. «Aber wir sind bei der Belegung immer zwischen voll und am Limit.» Deshalb könne es vorkommen, dass Personen bis zu einer Woche warten müssen, bis ein Zimmer oder eine Wohnung frei sei.

Viele Gemeinden arbeiten mit dem «Hope Baden» zusammen, wenn sie Menschen in Not unterbringen müssen.

Viele Gemeinden arbeiten mit dem «Hope Baden» zusammen, wenn sie Menschen in Not unterbringen müssen.

Das «Hope» kann auch nicht allen Menschen Unterschlupf bieten: Müttern mit Kindern kann das «Hope» nicht helfen. «Bei uns wohnen einige Menschen mit Suchtproblemen», sagt Fleischmann. «Wir wollen Kinder und Sucht nicht vermischen.» Weil das «Hope» in der Nacht und am Wochenende nicht betreut sei, könnten auch keine renitenten Leute aufgenommen werden. «Wir sind keine Notschlafstelle», sagt Fleischmann. Ein solches Angebot gibt es im Aargau nicht (siehe Kasten unten).

Notwohnungen besetzt

In den 24 Gemeinden mit Notwohnungen zeigt sich ein ähnliches Bild wie im «Hope». Die meisten Wohnungen sind besetzt. Oft sind sie das vorübergehende Zuhause von Sozialhilfe- oder Ergänzungsleistungsbezügern, Flüchtlingen oder Asylsuchenden. Aber es kann auch sein, dass jemand nach einer Trennung in einer Notwohnung unterkommt. In Muhen hat eine Familie die Notwohnung bezogen, die ihre alte Wohnung durch einen Brand verloren hat.
Die Gemeinden planen aber trotz hoher Auslastung nicht, neue Notwohnungen zu mieten: «Weil Alternativen wie Pensionen in Betracht gezogen werden können, ist der Bedarf grundsätzlich gedeckt», sagt etwa der Küttiger Gemeindeschreiber Robert Rütimann.