Pfarrer Adrian Bolzern steht vor dem rot-weiss gestreiften Zelt des Zirkus Gasser Olympia, trinkt Wasser aus einem Whiskey-Glas. Ständig grüsst er vorbeieilende Helfer oder Artisten, fragt, wie es ihnen geht. An seiner Jacke hängen zwei kleine Pins. Einer mit der Euromaus, dem Logo des Europaparks im deutschen Rust, und einer mit Pferd, Zirkuszelt und Kreuz – dem Symbol des Zirkuspfarrers.

Bolzern lebt in Aarau, arbeitet dort zu 50 Prozent in der Pfarrei Peter und Paul. Die andere Hälfte seines Pensums verbringt er als Zirkuspfarrer überall in der Schweiz, fährt den verschiedenen Zirkussen hinterher, kümmert sich um Artisten, Familien und auch Marktfahrer. Rund 45 000 Kilometer macht Bolzern pro Jahr, umrundet quasi einmal die Welt.

Hinter den Kulissen

Der 38-Jährige hat sich ursprünglich zum Landschaftsgärtner ausbilden lassen. Nebenbei engagierte sich Bolzern in Pfarreien oder der Jugendarbeit. Dann entschloss er sich, sein Hobby zum Beruf zu machen. Er studierte am religionspädagogischen Institut in Luzern, 2012 liess er sich zum Priester weihen. Zwei Jahre später übernahm er dann das Amt des Zirkuspfarres von Ernst Heller, der in Pension ging. Seither ist Bolzern ständig auf Besuch bei Zirkussen und Jahrmärkten.

«Diese Welt war für mich schon immer faszinierend», sagt er. Vor allem Akrobatik in der Luft bringe ihn zum Staunen, genauso wie gute Clown-Nummern. Oder die Lebensweise der Zirkusleute. Sie sind ständig unterwegs, haben keinen festen Wohnsitz. «Das kann ich mir nicht vorstellen, ich brauche ein festes Daheim», sagt Bolzern. Noch mehr schätzt der Pfarrer aber den Blick hinter die Kulissen: «Denn Zirkus ist nicht nur eine bunte, laute Glitzerwelt.»

Viele existenzielle Sorgen

«Viele Zirkusfamilien, Marktfahrer oder Artisten haben Geldsorgen», sagt er. «Sie leben von der Hand in den Mund.» Trauriges Beispiel dafür ist der Circus Royal. Dieser hat gestern Konkurs angemeldet. «Das Zirkusbusiness ist schwierig», sagt Bolzern dazu.

«Konkurse sind keine Seltenheit.» Bei vorübergehenden finanziellen Problemen kann Bolzern mit Geld aus der Philipp-Neri-Stiftung aushelfen. Diese zahlt auch den Lohn des Zirkuspfarrers. Im Fall des Circus Royal will er abwarten, bis sich die Wogen geglättet haben: «Dann ist es meine Aufgabe, bei den Zirkusleuten vorbeizuschauen und sie zu fragen, wie es ihnen geht.»

Adrian Bolzern ist Mediator, wenn es Streit in den Familien gibt, spendet Trost, wenn ein Artist Heimweh hat, gibt Hoffnung, wenn es zu Zwischenfällen kommt. Vor drei Jahren zum Beispiel, als Artist Francesco Nock zehn Meter in die Tiefe stürzte und sich schwer verletzte: «Ich habe ihn sofort im Spital besucht. Kurz vorher war ich noch in Rom und brachte ihm ein Bild vom Papst mit. Das hat Francesco gefreut.» Francesco Nock erholte sich rasch. «Ich finde es faszinierend, wie schnell sich die Zirkusleute wieder aufrappeln können», sagt Bolzern.

Brand in Rust, Messe in Manege

Der Zirkuspfarrer war auch da, als es kürzlich im Europapark in Rust brannte. Er teilt sich die Verantwortung für den Park mit dem deutschen Zirkuspfarrer. Beim Brand wurde niemand verletzt, aber ein ganzer Bereich zerstört. «Ich kenne die Inhaberfamilie sehr gut», so Bolzern. «Meine Aufgabe war es, ihnen neue Visionen aufzuzeigen und ihnen zu sagen, dass sie es schaffen werden.»

Aber auch, wenn es etwas zu feiern gibt, ist Bolzern da. Er traut Paare in der Manege, segnet neue Bahnen und Stände, manchmal auch Esel. Und er hält Gottesdienste auf Zirkusarealen oder traut Pärchen in Autoscootern – mit ausdrücklicher Erlaubnis der Bischöfe. Bolzerns Feiern sind keineswegs ruhig und besinnlich: «Es wird Musik gemacht, getanzt, manchmal führen die Artisten Kunststücke auf», sagt der Zirkuspfarrer.

Auch er selbst mag es, im Rampenlicht zu stehen. «Sonst wäre ich am falschen Ort», lacht er. Bolzerns Spezialität sind Witze. Nach jeder Predigt erzählt er einen, macht sich auch übers Heiraten oder Marias unbefleckte Empfängnis lustig. «Beim Zirkus kann ich nicht einfach stur die Kirchenparagrafen durchziehen», begründet er. «Das funktioniert nicht.»

Für konservativ Gläubige seien seine Gottesdienste ein No-Go, aber den Zirkusleuten gefällts. Bald hält Bolzern beim Circus Knie in Luzern einen Gottesdienst – 2000 Leute werden erwartet. Ihm sei es nie schwergefallen, vor grossem Publikum zu reden.

«Ich bin ihr Habibi»

In der Zirkuswelt, einem ganz eigenen «Mikrokosmos», wie Bolzern sagt, hat sich Pfarrer Bolzern seinen eigenen Platz erarbeitet. Durch das ständige Kontakteknüpfen und -halten. Denn der Mikrokosmos ist sehr lebendig und verändert sich ständig: «In der Zirkuswelt leben und arbeiten Menschen verschiedener Religionen und Nationen auf engstem Raum zusammen», sagt Adrian Bolzern. Und er beantwortet damit auch gleich die Frage, was ihm an seinem Beruf am meisten gefalle.

Inzwischen ist der Zirkuspfarrer vier Jahre im Amt und im Mikrokosmos weiss heute jeder, wer Adrian Bolzern ist. «Auch die muslimischen Zirkusleute kennen mich», sagt der Pfarrer. Er lächelt: «Ich bin ihr Habibi, ihr Freund.»