Die Zahlen lassen aufhorchen: Jede vierte Person, die Anspruch auf Sozialhilfe hätte, verzichtet freiwillig auf die ihr zustehenden Gelder. Auf dem Land ist es gar jede zweite. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Studie der Berner Fachhochschule, die sich dieses Phänomens angenommen hat. Doch gelten die Erkenntnisse, die sich auf Datenmaterial aus dem Kanton Bern stützen, auch für die Aargauer Nachbarn? Eine Anfrage beim kantonalen Sozialdepartement zeigt: Konkrete Zahlen liegen keine vor; eine spezifische Aargauer Studie zu diesem Thema existiert nicht.

Das Problem: Die Gemeinde weiss erst dann, ob ein Einwohner Anspruch auf Sozialhilfe hat, wenn sich dieser bei ihr meldet. Hinter der Studie aus Bern stecken grosser Aufwand und umfangreiche Steuerdaten, wie Renate Salzgeber, Dozentin an der Berner Fachhochschule, bestätigt.

Zu den möglichen Gründen für dieses Phänomen sagt sie: «Der Gang zum Sozialamt ist happig, wer einen Antrag stellt, muss sich viele Fragen gefallen lassen und über die persönlichen Verhältnisse Rechenschaft ablegen.» Ausserdem drohe eine Stigmatisierung, die Angst davor sei besonders auf dem Land gross. «Im Dorf weiss schnell jeder, wer Sozialhilfe bezieht.»

Sozialhilfequote liegt im Aargau bei 2,1%

Im ländlichen Kanton Aargau liegt die Sozialhilfequote mit 2,1 Prozent deutlich unter dem nationalen Durchschnitt von 3,2 Prozent. Dazu beitragen dürfte auch der Nichtbezug von Sozialhilfe – darin sind sich die angefragten Gemeindevertreter einig. Auseinander gehen die Meinungen hingegen bei der Frage nach der Grössenordnung.

«Ich bin überzeugt, dass es diese Fälle auch in unserer Gemeinde gibt», sagt Yvonne Feri, SP-Nationalrätin und Vorsteherin der Sozialen Dienste in Wettingen. Wie viele Einwohner auf die Sozialhilfebeiträge verzichteten, sei schwer abschätzbar. «Fest steht, dass sich dieses Phänomen verstärkt in ländlichen Gebieten beobachten lässt – und Wettingen ist mit den dörflichen Quartieren eine Mischung aus Stadt und Land.»

«Ein zweischneidiges Schwert»

Er könne sich gut vorstellen, dass die Zahlen aus der Studie auch hier stimmen würden, sagt Johannes Enkelmann, stellvertretender Abteilungsleiter Soziale Dienste der Stadt Aarau. Viele Menschen schämten sich dafür, auf Hilfe vom Staat angewiesen zu sein. «Der Stolz, unabhängig zu sein, kann genauso wichtig für das Wohlbefinden sein wie die finanzielle Unterstützung.» Der Spreitenbacher Gemeindeschreiber Jürg Müller spricht hingegen von Einzelfällen. «Wie oft sie in unserer Gemeinde vorkommen, wissen wir allerdings nicht. Ich würde aber bezweifeln, dass es sich um jede vierte Person handelt. In meinen Augen ist dieser Wert in Spreitenbach deutlich tiefer.»

«10vor10» porträtierte jüngst ein Aargauer Paar, das seit 20 Jahren freiwillig auf Sozialhilfegelder verzichtet und stattdessen Tag für Tag Zeitungen verträgt, um sich über Wasser zu halten. «Ich finde es bewundernswert, wenn Leute ohne diese finanzielle Unterstützung durchkommen», sagt Yvonne Feri.

Allerdings spricht sie von einem zweischneidigen Schwert. «Diese Haltung wird äusserst problematisch, wenn Kinder da sind und darunter leiden. Es darf nicht sein, dass sie deswegen auf Sport, Lernmaterial oder Musikschule verzichten müssen.» Nicht nur das Geld fehle diesen Personen, sondern auch die Beratung, welche die Gemeinde anbietet, um etwa auf unterstützende Angebote aufmerksam zu machen.

In Wettingen steigt die Quote stetig

Die Gemeinde sei jedoch auf Hinweise etwa von Lehrpersonen angewiesen. Feri: «Wir können sonst gar keine Kenntnisse von solchen Fällen haben.» In der zweitgrössten Gemeinde des Kantons lässt es sich unauffällig leben. Die Sozialhilfequote in Wettingen steigt stetig, liegt heute bei 3,4 Prozent – und Feri rechnet mit der Fortsetzung dieses Trends, der sich mit den Ergebnissen einer diese Woche veröffentlichten Studie deckt.

Hauptergebnis: In den kleineren und mittelgrossen Städten wächst die Zahl der Sozialhilfefälle im Gegensatz zu den grossen Städten. Dabei fällt auf: Unter den 14 untersuchten Städte findet sich keine aus dem Aargau – obwohl der Kanton mit Aarau, Baden, Wettingen und Wohlen vier Mitglieder der Städteinitiative Sozialpolitik stellt, die hinter dieser Untersuchung steht. Studienautorin Renate Salzgeber erklärt, der Entscheid liege bei den einzelnen Mitgliedern und den Städten, die bereits beteiligt sind. Es sollen möglichst alle Regionen vertreten sein. «Die Teilnahme ist für die beteiligten Städte mit Kosten und Personalaufwand verbunden.»

Warum Prognosen schwierig sind

Genau aus diesem Grund habe die Stadt Aarau auf die Teilnahme an der Studie verzichtet, sagt Johannes Enkelmann. Ob der festgestellte Anstieg der Sozialhilfequote in den kleinen und mittelgrossen Städten auch für den Kantonshauptort zutrifft, lässt sich noch nicht definitiv beantworten: Die Zahlen für das vergangene Jahr sind noch nicht bekannt. 2014 lag die Sozialhilfequote bei 3,6 Prozent – 1,5 Prozentpunkte über dem kantonalen Durchschnitt. Enkelmann rechnet für Aarau allerdings nicht mit einer Zunahme.

Zugenommen hat die Sozialhilfequote über die letzten Jahre in Spreitenbach. Von 4,4 Prozent (2011) auf 5,1 (2014). Ob die Gemeinde in den kommenden Jahren mit einem weiteren Anstieg konfrontiert sein wird, kann Jürg Müller nicht abschätzen. Prognosen seien angesichts der wellenartigen Entwicklung bei der Sozialhilfe schwierig. Und: «Ein Patentrezept zur Lösung dieses Problems gibt es vermutlich nicht.»