Spitex für Ausländer

«Viele Migranten wissen gar nicht, dass es uns gibt»

Pflegefachfrau Resmije Jakupi erklärt Radmilo Surdulovic, wie seine Wunde verbunden werden muss.

Pflegefachfrau Resmije Jakupi erklärt Radmilo Surdulovic, wie seine Wunde verbunden werden muss.

Viele Migranten wissen nicht, dass sie sich zu Hause von Profis pflegen lassen könnten – das soll sich ändern.

Von albanisch über arabisch bis hin zu somalisch – in zwölf Sprachen stellt sich die Non-Profit-Spitex vor. Die Betreuung zu Hause entlaste pflegende Angehörige, steht etwa in der Broschüre. Oder auch: «Die obligatorische Krankenkasse bezahlt Pflegeleistungen.» Das Ziel: Frauen und Männer mit ausländischen Wurzeln, die auf Pflege angewiesen sind, sollen vom Angebot erfahren. «Viele Migranten wissen gar nicht, dass es uns gibt», sagt Max Moor, Geschäftsleiter des Spitex-Verbands Aargau. Zwar gibt es weder nationale noch kantonale Zahlen zum Ausländeranteil unter den Spitex-Patienten, doch die Zunahme ist in der Praxis spürbar. «Eines der kommenden grossen Themen», wie es Moor nennt.

Eine der Herausforderungen: die Sprache. Max Moor sagt, es sei sehr hilfreich, mehrsprachige Mitarbeiterinnen im Team zu haben. Eine Studie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) hält fest: «Der Zugang zur Spitex wird für Migrantinnen und Migranten erheblich erleichtert, wenn sie unter den Mitarbeitenden Menschen finden, die ihre Sprache sprechen und ihre Lebenswelt kennen.»

Eine Erkenntnis, die Resmije Jakupi bestätigen kann. «Die Barriere ist die Sprache», sagt die diplomierte Pflegefachfrau, während sie ihren schwarzen Kleinwagen auf den Parkplatz vor einem Aarauer Mehrfamilienhaus fährt. Die Migrationsverantwortliche der Spitex Aarau – aufgewachsen in Kroatien – erzählt von Patienten, die aus Scham nicht getrauten nachzufragen und stattdessen einfach nickten, ohne die Anweisungen verstanden zu haben. «Den Klienten gibt es Sicherheit, wenn sie Fachbegriffe in ihrer Muttersprache erklärt bekommen und die Pflegenden können sicher sein, dass sie richtig verstanden werden.»

Ein Verzicht, der sich rächen kann

Oben im fünften Stock wartet Radmilo Surdulovic an der Wohnungstür. Der 58-jährige Serbe leidet unter einer Infektion am Rücken; der Verband muss zweimal täglich gewechselt, die Wunde versorgt werden. Auf der Kommode im Wohnzimmer stapelt sich das Verbandszeug, das seine Frau für ihn kauft. Weil sie tagsüber arbeitet, ist das Ehepaar froh um die Unterstützung der Spitex – «ohne sie wäre es schwer.»

Doch längst nicht alle, die Anrecht auf die Dienstleistung haben, nutzen diese auch. Einen der Gründe sieht Resmije Jakupi bei den Angehörigen. «In einigen Kulturen wird die Pflege als Aufgabe der Familie angesehen.» Die Autoren der FHNW-Studie kommen zur Erkenntnis, dass die Inanspruchnahme professioneller Hilfe in der eigenen Wohnung oft als beschämend oder als Niederlage wahrgenommen werde. Ein Verzicht, der sich rächen kann: Angehörige geraten angesichts der Mehrfachbelastung an ihre Grenzen und an den Rand der Erschöpfung.

Die Familie Surdulovic nahm die Hilfe der Spitex gerne an, die ihr im Spital empfohlen worden ist. «Wir sind ein gutes Team», sagt er und zeigt auf seine Frau und die Spitex-Pflegefachfrau Jakupi. Diese erklärt später im Gespräch: «Hätte er im Spital gesagt, seine Frau pflege ihn, hätte ihn der Arzt nicht nach Hause gelassen. Das ist keine Arbeit für Laien.» Die zweifache Mutter hat sich stets weitergebildet, ist inzwischen auch Wundexpertin.

Dabei sah es lange aus, als könnte sie ihren Traumberuf in ihrer neuen Heimat nicht ausüben. Über 40 Absagen habe sie erhalten, bis es ihr schliesslich vor 13 Jahren gelungen ist, ein Praktikum zu finden und ihr kroatisches Diplom anerkennen zu lassen. Nun unterstützt sie Ausländerinnen, die denselben Weg gehen wollen. «Das dürfte noch häufiger passieren», sagt Jakupi.

Max Moor bestätigt, dass der Anteil an Mitarbeitenden mit ausländischen Wurzeln tief sei, das habe eine Umfrage innerhalb der Aargauer Non-Profit-Spitex-Organisationen nach Annahme der Masseneinwanderungsinitiative ergeben. Das könnte sich aber schon bald ändern: «Die Zahl der jungen Frauen und Männer mit Migrationshintergrund, die bei uns in der Ausbildung sind, steigt an.»

Davon könnte dereinst auch Radmilo Surdulovic profitieren. Doch lange wird er in naher Zukunft nicht mehr auf Pflege angewiesen sein. Die Heilung verläuft besser als erwartet. Er sagt: «Ich bin sehr zufrieden.»

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