Aargau-Solothurn

«Viele Menschen fallen in ein Loch»: Bei der Dargebotenen Hand klingelt das Telefon in Silvesternacht besonders häufig

Eine Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand am Telefon. (Symbolbild)

Eine Mitarbeiterin der Dargebotenen Hand am Telefon. (Symbolbild)

Die Telefone bei der Dargebotenen Hand klingeln über Weihnachten und Neujahr häufig. Denn diese Tage sind für Betroffene eine besonders schwere Zeit.

Auch in den Räumen der Dargebotenen Hand Aargau/Solothurn-Ost herrscht über die Feier- und Neujahrestage eine feierliche Stimmung. Doch die ehrenamtlichen Mitarbeitenden sind in diesen Tagen besonders gefordert: Das Telefon klingt besonders oft.  Viele Menschen suchen das Gespräch unter der Telefonnummer 143, bei dem sie anonym bleiben. Dazu kommt, dass andere Anlaufstellen an diesen Tagen geschlossen sind. 

«An Weihnachten werden oftmals Erwartungen an den Partner, die Partnerin oder die Familie nicht erfüllt», erklärt Christina Hegi Kunz, Geschäftsleiterin der Dargebotenen Hand Aargau/Solothurn-Ost. «Enttäuschung und das Gefühl des Unverstandenseins holen Betroffene ein. Viele Menschen fallen während den Weihnachtsfeier­tagen in ein Loch.»

Das Gefühl der Einsamkeit überkommt aber nicht nur allein lebende Menschen, wie die Mitarbeitenden von der Dargebotenen Hand aus Erfahrung wissen. Wenn sich Menschen in Gemeinschaft oder in einer Partnerschaft unverstanden und allein fühlen, würde das noch schwerer wiegen. 

Dazu kommt: Vor dem neuen Jahr fragen sich Menschen, wo sie stehen und machen eine persönliche Standortbestimmung. «Wenn sie feststellen, dass ihre Lebenssituation nicht ihren Wünschen oder Vorstellungen entspricht, sind sie von sich selbst enttäuscht. Das führt nicht selten in eine Lebenskrise», sagt Hegi. 

So schildert die Dargebotene Hand in einer Medienmitteilung die Silvesternacht der Mitarbeiterin Mona (Name geändert): 

Mona beginnt ihren Dienst am Silvesterabend und deckt die letzte Telefonschicht bis zum frühen Neujahrsmorgen ab. Das Licht im Zimmer ist gedimmt, eine Kerze brennt neben dem Telefon. Mit welchen Anliegen gelangen Menschen an die Dargebotene Hand Aargau/Solothurn-Ost an diesen Tagen? Mona sagt:

Mona hört den Anrufenden intensiv zu und fragt nach. Sie hilft den Betroffenen, sich auf die positiven Anteile zu konzentrieren und versucht, den Blick auf das zu lenken, was im Moment hilfreich ist. Es klingelt erneut. Eine Frau ruft an und beklagt sich, dass es ihr gar nicht gut gehe. Sie habe an sich Pläne für Weihnachten und Silvester gehabt, aber er – ihr Ehemann – zerstöre mit seinem Verhalten immer alles. Sie schimpft über ihn.

Mona hört eine Weile zu, gemeinsam analysieren sie die Situation und kommen zum Schluss, dass die Anrufende die Vergangenheit zwar nicht ändern kann, jedoch ihre Perspektive darauf. Diese Erkenntnis scheint die anrufende Frau am anderen Ende der Leitung versöhnlich zu stimmen. Mit einem herzlichen Dankeschön und guten Wünschen für das bald beginnende neue Jahr verabschiedet sie sich von Mona.

Kaum hat sie aufgelegt, klingelt es erneut. So geht es Schlag auf Schlag die ganze Nacht hindurch weiter. Sie erfährt traurige Lebensgeschichten, welche sie betroffen machen. Wichtig ist für Mona, dass sie sich abgrenzen kann. Wenn sie nach Schichtende am Neujahrsmorgen von ihrem Kollegen abgelöst wird, freut sie sich auf ihren Partner und das festliche Frühstück zu Hause. Mit einem Glas Sekt wird sie mit ihm etwas verspätet auf das neue Jahr anstossen. Währenddem geht die Arbeit bei der Dargebotenen Hand Aargau/Solothurn-Ost weiter, welche im 2020 ihr 60-jähriges Bestehen feiern darf.

(pz)

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