Bildungsabbau
«Viele Lehrpersonen sind wütend über die Geringschätzung durch Regierung und Politik»

An der Delegiertenversammlung des Lehrerverbandes in Brugg waren deutliche Worte zu hören.

Jörg Meier
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Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Elisabeth Abbassi, Präsidentin des Lehrerinnen- und Lehrerverbands.

Mario Heller

Klare Worte äusserte Präsidentin Elisabeth Abbassi an der Delegiertenversammlung des aargauischen Lehrerinnen- und Lehrerverbandes (alv): «Wut macht sich breit», sagte sie, «viele Lehrpersonen sind wütend über die Geringschätzung ihrer Arbeit durch die Regierung und die Politik.»

Der Kanton sei ein unzuverlässiger Partner geworden; als Folge einer verfehlten Finanzpolitik sei die Schule zum Spielball absurder Massnahmen mutiert. Jetzt stehen die Zeichen auf Protest: Am 8. November sollen sich möglichst viele Aargauer Lehrerinen und Lehrer um 13.30 Uhr vor dem Grossratsgebäude zu einer Kundgebung versammeln.

Junglehrer wandern ab

Die Schule Aargau sei einem Überlebenskampf ausgesetzt, sagte Abbassi, es werde an allen Ecken und Enden gespart; und sie frage sich halt schon, wie sich ein Kanton derart selber schwächen könne.

Als Beispiel rechnete Abbassi vor, dass die vom Regierungsrat beschlossene Reduktion der Stundentafel an der Primaschule dazu führen würde, dass ein Schüler während der Primarschulzeit insgesamt fast 600 Lektionen weniger Unterricht hätte als heute, das entspreche einem «Bildungsverlust» von rund drei Viertel eines Schuljahres.

Abbassi kritisierte auch die Lohnsituation an der Aargauer Schule. Seit 2014 gab es drei Lohnnullrunden. Die Aargauer Lehrerlöhne seien im Vergleich zu den Nachbarkantonen nicht konkurrenzfähig.

So verdiene ein Lehrer im Aargau nach elf Berufsjahren im Schnitt rund 15 000 Franken weniger als die Kollegen in Nachbarkantonen. Die Konsequenz ist für Abbassi sichtbar: «In den Lehrerzimmern ist grau die vorherrschende Haarfarbe.» Die Lehrperson im Aargau ist im Durchschnitt 44,6 Jahre alt und die Berufsgruppe der 55- bis 59-Jährigen ist die grösste.

Junge Lehrer wandern ab oder unterrichten erst gar nicht im Aargau. Deshalb fordert der alv ein neues Lohnsystem, das konkurrenzfähig mit den Nachbarkantonen ist und es auch für junge Lehrer attraktiv macht, im Aargau zu unterrichten.

Kritik an Initiative gegen Lehrplan 21

Deutlich sprach sich Abbassi gegen die Initiative gegen den Lehrplan 21 aus. Die Initiative habe gar nichts zu tun mit dem Lehrplan 21, aber würde grossen Schaden anrichten und hohe Kosten verursachen; die Aargauer Lehrpersonen brauchten dann etwa eine andere Ausbildung und die Schule andere Lehrmittel als die übrige Deutschschweiz.

Die ungewisse Situation der Schule Aargau hat für den alv eine angenehme Nebenwirkung: Immer mehr Lehrpersonen schliessen sich dem Verband an, der dadurch noch stärker und wichtiger wird. «Nur schon heute sind wieder 25 neue Anmeldungen eingegangen», sagt Abbassi. Inzwischen zählt der alv rund 8500 Mitglieder. «Wir können Einfluss nehmen», sagte Abbassi, «wir können aus eigener Kraft Initiativen oder Referenden zustande bringen.»

Hürzeler: Demo gilt nicht als Arbeitszeit

Dann trat Bildungsdirektor Alex Hürzeler (SVP) vor die 134 Delegierten im Campussaal in Brugg. Er erklärte, dass er beabsichtige, auch die nächsten vier Jahre das kantonale Bildungsdepartement zu führen. Es schien, als werde die Nachricht von den Delegierten mit einer gewissen Genugtuung aufgenommen. Hürzeler bedankte sich bei den Lehrpersonen für die wertvolle Arbeit in schwieriger Zeit zum Wohle der Kinder und Jugendlichen im Aargau.

Er bedankte sich auch bei Präsidentin Abbassi für die klaren Worte gegen die Initiative gegen den Lehrplan 21. Und er bestätigte, was viele schon vermutet hatten: «Die Reduktion der Stundentafel an der Volksschule wird im Grossen Rat wohl chancenlos sein.»

Hürzeler machte deutlich, dass weitere Sparmassnahmen folgen werden, aber auch, dass er grosses Verständnis für den Unmut in der Lehrerschaft hat. Und was die geplante Demonstration betrifft: Ja, die Lehrerinnen und Lehrer hätten das Recht zu streiken und zu protestieren. Die Protestaktion gelte aber nicht als Arbeitszeit und die Schulpflegen seien verantwortlich dafür, dass der Schulbetrieb aufrecht erhalten bleibe.