Die Eidgenossen haben im Mittelalter die Adligen zum Teufel gejagt und die Geschicke des Landes selber in die Hand genommen. So haben das die Schweizerinnen und Schweizer seit dem 19. Jahrhundert in der Schule gelernt. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit.

Es gab die Adligen nicht, weil es sie nicht geben durfte. Sie passten schlecht in die Legende von den freiheitsliebenden Hirten aus den Waldstätten, welche die Habsburger und ihre üblen Vögte umgebracht oder vertrieben hatten und seither als demokratisch gesinnte Eidgenossen das Land regierten. Adel hätte die konstruierte Idylle nur gestört.

Dies ist die These von Autor Andreas Z’Graggen. In seinem Buch «Adel in der Schweiz» zeigt er auf, dass die adligen Familien stets präsent waren und in der Vergangenheit während hunderten von Jahren eine herrschende Rolle gespielt haben; die Eidgenossen waren ganz und gar nicht so frei und unabhängig, wie das dann später kolportiert wurde.

Adelige passen sich den neuen Umständen an

In seinem Buch erzählt Z’Graggen die Geschichte von mehr als einem Dutzende Schweizer Adelsfamilien, die heute noch existieren und zum Teil noch immer auf ihren Schlössern leben. Er hat viele von ihnen besucht und Gespräche mit ihnen geführt. So zum Beispiel mit Karl von Habsburg-Lothringen, der von sich sagte, er führe so viele Titel, dass eine Buchseite kaum genügen würde, wenn man sie alle aufführen wollte.

Gemeinsam ist den Schweizer Adligen, die sich in die Neuzeit gerettet haben und immer noch einflussreich sind, dass sie es im Lauf der Zeit stets verstanden haben, sich den neuen Umständen anzupassen.

Keine vollständige Enzyklopädie

Autor Z’Graggen musste eine Auswahl treffen; sein neues Buch ist also keine vollständige Enzyklopädie des Schweizer Adels. Viele in der Schweiz lebende Familien mit aristokratischer Vergangenheit werden im Buch nicht einmal erwähnt.

Andreas Z’Graggen hat auch kein sozialkritisches Buch geschrieben. Das wollte der Autor gar nicht. Ganz im Gegenteil: Man dürfe dem Buch «die wohlwollende Begeisterung für sein Thema durchaus anmerken», legt Z’Graggen seine Sympathie für den Schweizer Adel offen.