Nomination

Videokonferenz statt Stammtisch-Debatte: SP-Kandidierende präsentieren sich wegen Coronakrise online

Die SP nominiert am 25. April ihre Kandidatur für den Regierungsrat wegen Corona per Briefwahl. Die Kandidierenden präsentieren sich den Delegierten aus der Ferne, übers Internet. Das ist ein Novum. Doch die Kandidaten sind auf das ungewöhnliche Prozedere vorbereitet.

Die Grossräte Dieter Egli und Marco Hardmeier sowie die Aarauer Stadträtin Franziska Graf wollen die Nachfolge von Urs Hofmann (SP) im Regierungsrat antreten. Der Kanton hat am 20.März kommuniziert, dass es momentan keinen Grund gebe, die Wahlen vom Oktober zu verschieben. Die Geschäftsleitung der SP geht deshalb davon aus, dass die kantonalen Wahlen wie geplant am 18. Oktober durchgeführt werden. Und dafür will sie gerüstet sein. Trotz dem derzeitigen Versammlungsverbot zieht sie die Nominierung für ihre Kandidatur für den Regierungsrat deshalb auf jeden Fall wie geplant am 25. April durch. Einfach anders als je zuvor.

Am Donnerstag haben die SP-Delegierten Wahlmaterial erhalten, sie werden die Kandidatur brieflich bestimmen. Damit eine fundierte Meinungsbildung garantiert ist, greift die SP Aargau zu ungewöhnlichen Mitteln und führt Hearings per Videokonferenz durch, die Kandidaten halten Telefonsprechstunden ab und stellen sich in Werbevideos vor. Das erste Hearing findet schon heute Nachmittag statt.

Motivationsschreiben, Lebenslauf und Video mussten Dieter Egli, Franziska Graf und Marco Hardmeier bereits Mitte dieser Woche einreichen, sie hatten fast einen Monat weniger Zeit für die Vorbereitungen, als das der ursprüngliche Fahrplan vorsah. «Die Vorgaben der Partei sind klar und wir drei haben alle die genau gleichen Voraussetzungen», sagt Franziska Graf.

Sie und ihre Mit-Kandidierenden hätten dafür die Chance den Nachweis zu erbringen, dass sie sich mit neuen Ausgangslagen rasch arrangieren können – eine wichtige Eigenschaft für das Regierungsamt, so Graf. Die Kandidierenden lassen sich auf ein Experiment ein, sie wissen nicht, wie gross das Interesse an den Hearings ist oder ob die Telefonsprechstunden genutzt werden, Erfahrungswerte dazu fehlen. Beunruhigt über die Art der Nominierung sind sie aber nicht, sondern in erster Linie davon überzeugt, dass die SP das Optimum aus der Situation herausholt. «Die basisdemokratische Legitimation einer Kandidatur ist in der DNA der SP verankert; es ist richtig, dass sie daran auch in der Krise festhält», sagt Dieter Egli.

Bedauert wird aber, dass die persönlichen Begegnungen mit den Delegierten bis zur Nominierung nicht wie gewohnt stattfinden können. Gespräche müssen die Kandidierenden stattdessen aktiv und gezielt suchen. «Es gibt andere Möglichkeiten als Parteianlässe um in Kontakt zu treten, ich begrüsse es, wenn die Delegierten diese nutzen», sagt Marco Hardmeier. Auch Egli und Graf versichern, für Anliegen und Fragen abseits der offiziellen Hearings und Telefonsprechstunden offen zu sein.

Egli bleibt schlicht, Frauenfrage bei Graf, Hardmeier mit Humor

Ein Bild der drei Kandidaten kann sich seit Donnerstag jeder auf der Website der SP machen, wo die Bewerbungsvideos aufgeschaltet sind. Die Aufnahme von Dieter Egli kommt ganz ohne Schnitt aus und er spricht die Delegierten direkt an. «Es ist komisch, dass ich mich auf diesem Weg vorstellen muss», sagt er in die Kamera. Die aktuelle Situation tue aber seiner Lust am Regierungsamt keinen Abbruch, im Gegenteil: Die Politik der Sozialdemokraten sei in der Krise noch stärker gefragt. Umso mehr wolle er jetzt mitgestalten und Verantwortung übernehmen.

Dieter Eglis Bewerbungsvideo:

Grosse Aufgaben seien immer eine Chance, sagt Marco Hardmeier in seinem Video. Er wolle Regierungsrat werden, weil es die SP in der Regierung brauche, in Zukunft noch mehr als jetzt. Zu Beginn beantwortet Hardmeier allgemeine, eingeblendete Fragen. Unter anderem erfährt man so, dass er lieber Krawatte als Badehose trägt.

Marco Hardmeiers Bewerbungsvideo:

Franziska Graf spricht ihre Anliegen konkreter an als die Konkurrenten. Sie betont insbesondere die Wichtigkeit, eine Frau in den Regierungsrat zu wählen. «Mein Traum ist eine Aargauer Regierung, in der die gesamte Bevölkerung vertreten ist», die Aargauerinnen sollen ihre Anliegen mittels einer Regierungsrätin aktiv einbringen können, sagt sie an die Adresse der Delegierten.

Franziska Grafs Bewerbungsvideo:

Die Frauenfrage wird den Delegierten gestellt

Franziska Graf spricht damit jenes Thema an, das neben des wegen Corona veränderten Vorgehens die Nominierung zusätzlich speziell macht: die Frauenfrage. Da ihr Regierungsrat Urs Hofmann der einzige ist, der im Oktober nicht mehr zur Wahl antritt und der Anspruch der SP auf den Sitz von niemandem offiziell in frage gestellt wird, ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Kandidatin oder der Kandidat der SP die Wahl schafft. Die SP sei mit einer reinen Männerregierung nicht zufrieden, stellt Dieter Egli klar.

Sie müsse jetzt bis zum 25. April darlegen, wie entscheidend die Frauenfrage ist. «Ich werde den Entscheid mittragen, die Diskussion muss aber jetzt geführt werden», sagt Egli. Stelle die SP ihn auf, so erwarte er, dass sie hinter ihm steht. Im gleichen Dilemma befindet sich Marco Hardmeier, auch er könne nichts daran ändern, dass er ein Mann sei, sich aber als die richtige Wahl für diese Kandidatur sieht. «Ich habe vielfältige Erfahrungen als Vertreter einer Minderheit gemacht und setze mich für Gleichstellung ein», versichert er. Hardmeier lebt seit knapp drei Jahren mit SP-Nationalrat Angelo Barrile in eingetragener Partnerschaft.

Für Franziska Graf ist der Umstand, gegen zwei Männer anzutreten, nicht zwingend ein Vorteil, wie sie sagt. «Ich möchte nicht auf mein Geschlecht reduziert werden. Frau sein, reicht für das Amt nicht aus, entsprechend sollen meine bisherigen Leistungen und Erfahrungen den Ausschlag für die Nomination geben.» Wie und ob die Frauenfrage von den SP-Delegierten beantwortet wird, zeigt sich in den nächsten Wochen. Dass weder Egli noch Hardmeier oder Graf das in der Hand haben, wissen alle drei. Zumindest in diesem Punkt spielt der Weg zur Nominierung, ob persönlich oder virtuell, kaum eine Rolle.

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