Wer auf der Liste ein «bisher» in Klammern hinter seinen Namen schreiben kann, hat bei Wahlen einen beträchtlichen Vorteil. Noch Anfang Jahr schien es, als könnte die Ständeratswahl 2019 im Aargau zur reinen Bestätigung von zwei Bisherigen werden. Doch Ende Januar gab Pascale Bruderer (SP, seit 2011 im Ständerat) ihren Verzicht auf eine erneute Kandidatur bekannt, am Mittwoch teilte Philipp Müller (FDP, seit 2015 im Ständerat) mit, dass er nicht mehr antritt.

Damit hat sich die Ausgangslage innerhalb von gut sieben Monaten völlig verändert. Insbesondere die Chancen der SVP, die mit Hansjörg Knecht ihren Kandidaten als erste Partei nominiert haben, sind markant gestiegen. Bei den Wahlen 2015 blieb Knecht im ersten Wahlgang gegen Bruderer chancenlos, im zweiten unterlag er Müller. Nun, mit zwei freien Sitzen, scheint der Weg in den Ständerat für den Müllereiunternehmer aus Leibstadt geebnet.

SVP will bürgerliche Allianz

Thomas Burgherr, Nationalrat und Präsident der SVP Aargau, sieht mit der neuen Ausgangslage gute Chancen für die Bürgerlichen. «Wir ändern unsere Strategie nach dem Entscheid von Philipp Müller nicht, aber ich werde nun Gespräche mit FDP und CVP führen und Möglichkeiten für einen gemeinsamen Wahlkampf klären», kündigt Burgherr an. Ziel sei die ungeteilte Standesstimme, also zwei bürgerliche Aargauer Vertreter im «Stöckli». Klar ist für Burgherr, dass einer davon Hansjörg Knecht heissen muss – bei der Frage, mit welchem Freisinnigen der SVP-ler künftig im Ständerat sitzen soll, gibt er sich aber bedeckt. «Es ist nicht an uns, der FDP zu sagen, wen sie nominieren soll», sagt Burgherr zu den Nationalräten Thierry Burkart und Matthias Jauslin, die Interesse an einer Kandidatur angemeldet haben.

Gesprächspartner von Burgherr bei der FDP ist Kantonalpräsident Lukas Pfisterer. Auch er hofft auf eine bürgerliche Doppelvertretung im Ständerat ab 2020. «Das ist unser Ziel, nur mit der ungeteilten Standesstimme ist der Kanton in Bern gut vertreten, mit einem linken und einem bürgerlichen Ständerat hebt sich der Aargau gewissermassen selber auf», sagt Pfisterer. Zuletzt gab es diese Konstellation, als Maximilian Reimann (SVP) mit wechselnden FDP-Partnern im Ständerat sass: 1995 bis 1999 mit Willy Loretan, 1999 bis 2007 mit Thomas Pfisterer, 2007 bis 2011 mit Christine Egerszegi.

Lukas Pfisterer betont, er schliesse eine Wahlallianz im Herbst 2019 nicht aus, entscheiden müsse aber die Parteibasis. «Ich kann mir vorstellen, dass wir die anderen bürgerlichen Kandidierenden anhören und dann dem Parteitag einen Vorschlag unterbreiten werden, mit wem ein gemeinsamer Wahlkampf denkbar wäre», kündigt er an.

TalkTäglich: Philipp Müller blickt auf seine Karriere zurück

Philipp Müller blickt auf seine Karriere zurück

Der Aargauer FDP-Ständerat will 2019 nicht mehr antreten. In der Sendung «TalkTäglich» auf Tele M1 sprach er über die witzigsten Momente seiner Politkarriere, seine grössten Fehler und darüber, weshalb er jetzt abtritt. 

FDP wandte sich von CVP ab

Noch nie gab es bisher bei Aargauer Ständeräten die Kombination von CVP und SVP. Burgherr will aber auch diese Möglichkeit nicht im Voraus ausschliessen. Also wäre ein gemeinsames Wahlplakat von Hansjörg Knecht mit Marianne Binder denkbar? «Wir werden mit allen bürgerlichen Kräften sprechen und dann entscheiden, was am besten ist», sagt der SVP-Präsident.

Binder, zugleich Ständeratskandidatin und Präsidentin der CVP Aargau, sagt auf Anfrage: «Die neue Situation mit zwei freien Sitzen eröffnet zusätzliche Chancen, es sind keine Bisherigen im Rennen, damit ist die Ausgangslage offener geworden.» Zu möglichen bürgerlichen Allianzen hält Binder fest: «Natürlich ist die CVP eine bürgerliche Partei, in erster Linie ist es aber unser Ziel, einen Sitz im Ständerat zu holen. Über die Besetzung des zweiten Sitzes denke sie im Moment weniger nach.», «Primär geht es darum, die CVP als starke Mittepartei zu profilieren und unsere Mehrheitsfähigkeit zu zeigen.»

Ein Grund für die Zurückhaltung der CVP dürften schlechte Erfahrungen der Vergangenheit sein. Das schwarze Jahr für die orange Partei war 1995: Damals konnte Josef Bürge den CVP-Sitz des abtretenden Hans Jörg Huber trotz offizieller Unterstützung der SP nicht halten. Stattdessen siegte die rechtsbürgerliche Allianz: Willy Loretan (FDP) wurde wiedergewählt, SVP-Kandidat Maximilian Reimann verdrängte die CVP nach 63 Jahren aus dem Stöckli.

SP beansprucht nur einen Sitz

Relativ gelassen beobachtet Gabriela Suter, seit knapp drei Monaten Präsidentin der SP Aargau, die neue Situation. «Für uns geht es um die Verteidigung des SP-Sitzes, was die bürgerlichen Anwärter auf den zweiten Sitz machen, ist für uns weniger wichtig», sagt Suter. Kurz nach dem Rückzug von Pascale Bruderer im Januar hatte Céd-ric Wermuth, damals noch Co-Präsident der SP Aargau, deutlich forschere Töne angeschlagen. Wermuth sagte im «TalkTäglich» bei Tele M1, für seine Partei mache es keinen grossen Unterschied, wie viele Sitze im Ständerat frei würden. Die SP trete ohnehin mit dem Ziel an, eine ungeteilte Standesstimme zu erreichen. Wermuth, der sich mit Nationalrätin Yvonne Feri um die SP-Kandidatur duelliert, träumte offenbar von zwei linken Vertretern im Stöckli.

Die neue Präsidentin Gabriela Suter sagt, dies wäre theoretisch sicher wünschenswert. «Aber man muss realistisch sein, für den Aargau ist eine bürgerliche Vertretung im Ständerat angemessen.» Ebenso angemessen sei auch der Anspruch der SP als zweitgrösste Partei auf einen Ständeratssitz. «Wichtig ist, dass das gesamte politische Spektrum im Ständerat vertreten ist. Weder zwei linke, noch zwei bürgerliche Politiker würden dieses korrekt abbilden.» Zudem sei der Aargau laut Suter in den letzten Jahren mit dem Duo aus SP und FDP gut gefahren.

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