Aargau
Verwaltung der Zukunft: Umzug online melden statt vor Schalter Schlange stehen

Einen Umzug melden oder eine Baubewilligung beantragen – was heute viel Geduld braucht, soll man im Aargau schon bald ganz bequem online erledigen können. Doch nicht alle Gemeinden sind von der elektronischen Zukunft begeistert.

Manuel Bühlmann
Drucken
Teilen
Nicht alle Gemeinden sind von der elektronischen Zukunft in der Verwaltung begeistert (Symbolbild).

Nicht alle Gemeinden sind von der elektronischen Zukunft in der Verwaltung begeistert (Symbolbild).

Keystone

Wer umzieht, kennt das Prozedere: Anreisen, anstehen, abmelden am alten Wohnort. Anreisen, anstehen, anmelden am neuen Wohnort. Eine Geduldsprobe. Doch das könnte sich schon bald ändern: Künftig soll ein Umzug bequem online gemeldet werden – einmalig und per Mausklick. Die Einführung ist im Aargau für 2017 vorgesehen.

Das ist nur eines von vielen Projekten, die in naher Zukunft Realität werden sollen. E-Government ist der Schlüsselbegriff, der die Arbeit der Verwaltung und vor allem auch das Leben der Bürger vereinfachen soll. Die Idee dahinter ist simpel: Alles am Bildschirm erledigen, was am Bildschirm erledigt werden kann.

Marlies Pfister, Leiterin der kantonalen Fachstelle E-Government, vergleicht das Angebot mit einem Onlineshop. «Der Kunde kann rund um die Uhr bestellen, was er braucht.» Und auch Gérald Strub, Gemeindeammann in Boniswil und kommunaler E-Government-Beauftragter, zählt eine Reihe von Vorteilen auf: Die Dienste liessen sich bequem von überall her nutzen – im Büro wie im Zug. Zudem falle die zeitaufwendige Fahrt zur Verwaltung weg. Strub verspricht sich davon auch mehr Transparenz; über ein Kundenlogin liessen sich persönliche Bewegungen nachvollziehen. «Mein Wunsch wäre ein digitales Konto, wo alle angebotenen Leistungen aufgeführt werden.»

Anders gesagt: Was viele Unternehmen ihren Kunden bereits bieten, sollen die Verwaltungen vermehrt auch tun. «Wieso soll das Onlineangebot bei Behörden anders sein?», fragt Strub. Schliesslich seien wir alle Kunden des Staats – und mehrheitlich erfahren im Umgang mit dem Internet. «Bis 2020 sind über die Hälfte der arbeitenden Bevölkerung Digital Natives. Das wird unsere Arbeitswelt verändern.» Und Marlies Pfister sagt: «Die Leute sind an digitale Medien gewöhnt, sie erwarten auch von der Verwaltung ein entsprechendes Angebot.» Bereits heute würden Papierformulare teilweise nur noch ungern akzeptiert.

Die Skepsis der Gemeinden

Profitieren würden von den elektronischen Dienstleistungen nicht nur die Kunden, ist Marlies Pfister überzeugt. «Der Nutzen ist auch für die Behörden sehr hoch.» Doch dort sind nicht alle gleichermassen begeistert. Hanspeter Gehrig ist Gemeindeammann von Ammerswil und sagt: «Wir sind sehr zurückhaltend mit E-Government.» Die Kanzlei habe fünf Tage die Woche geöffnet.

«Die Leute in den kleinen Gemeinden sind sich gewohnt, am Schalter vorbeizukommen. Sie schätzen den persönlichen Kontakt und den kompetenten Rat.» Hanspeter Gehrig, selbst in der Informatikbranche tätig, ist nicht grundsätzlich gegen elektronische Dienstleistungen. «Es gibt Projekte, an denen wir uns beteiligen müssen oder gar wollen. Uns ist aber ein Anliegen, dass nichts komplexer gemacht wird als nötig.» Er befürchtet für seine 700-Einwohner-Gemeinde einen Zusatzaufwand statt eine Entlastung.

Gewisse Dienste, etwa das Online-Fundbüro, funktionieren auch ohne die Beteiligung aller Gemeinden. Andere – wie der E-Umzug – machen ohne flächendeckende Abdeckung kaum Sinn. Marlies Pfister sagt: «Wir streben eine gemeinsame Lösung im Aargau an.» Die Gemeinden zur Teilnahme zwingen will der Kanton aber nicht, auf ein Gesetz wurde bewusst verzichtet.

Stattdessen gilt seit 2012 eine Rahmenvereinbarung, die das Vorgehen koordiniert. «Die Akzeptanz ist deutlich grösser, wenn alle vom Nutzen überzeugt sind und nicht zur Umsetzung verpflichtet werden», sagt Pfister. «Wir versuchen, die Gemeinden für die Lösungen zu begeistern.»

Im Fall der Stadt Baden scheint dies nicht nötig zu sein – sie gilt E-Government gegenüber als positiv eingestellt. Stadtbüro-Leiterin Yvonne Haller sagt, Baden unterstütze den Einsatz von zeitgemässen Kommunikationstechnologien, um die Kunden optimal bedienen zu können. Das Onlineangebot werde nun schrittweise ausgebaut.

Doch bevor die Mehrheit der Dienstleistungen im Internet abgewickelt werden kann, gilt es eine grosse Hürde zu nehmen: Unter amtliche Dokumente gehört eine Unterschrift – und die hat online seine Tücken. Zwar besteht bereits eine juristisch gültige digitale Signatur, doch kaum jemand nutzt sie. Rund 80 Franken kostet der dazu nötige USB-Stick «SuisseID». Pfister räumt ein: «Das ist für die meisten Leute zu teuer.»

Einen Vorschlag zur Vereinfachung hat jüngst die Aargauer Regierung unterbreitet: Unterschriften sollen – bei elektronischen Baubewilligungen – auch dann gültig sein, wenn sie eingescannt sind.

Derweil läuft die Suche nach der Antwort auf eine weitere offene Frage: Was wollen die Einwohner im Netz erledigen? Eine Onlineumfrage soll klären, welche neuen Funktionen gewünscht sind. Schliesslich muss man nicht nur zur Verwaltung, wenn man umzieht.

Beispiele aus dem Aargau

Beispiel 1: Umzugsmeldung

Künftig sollen Umzüge den Behörden über das Internet gemeldet werden können. Das Ziel: Ein Besuch sowohl bei der Wegzugs- als auch bei der Zuzugsgemeinde, wie das heute noch erforderlich ist, soll den Leuten erspart werden. Die Einführung des schweizweiten Projekts ist im Aargau ab 2017 geplant. In einem weiteren Schritt soll zudem ermöglicht werden, auf Wunsch die Adressänderung auch direkt an private Unternehmen wie Banken oder Versicherungen melden zu lassen.

Beispiel 2: Baubewilligung

Eine Baubewilligung zu beantragen ist mit hohem administrativem Aufwand verbunden – für Antragsteller, Gemeinden, Kanton. Künftig soll ein Onlineformular allen Beteiligten das Verfahren erleichtern und Arbeit ersparen. Da bei Bewilligungen mehrere Stellen involviert sind, wird zurzeit oft eine Vielzahl physischer Kopien derselben Informationen bearbeitet. Das soll künftig verhindert werden. Seit 2014 wird in drei Pilotgemeinden eine Lösung entwickelt. Die Einführung ist dort per 2017 vorgesehen.

Beispiel 3: Fundservice

Wer Schlüssel, Handy oder Portemonnaie verliert, ist froh um Fundbüros. Doch ist nicht klar, wo genau der Gegenstand verloren ging, gestaltet sich die Suche schwierig. Die Plattform «easyfind» vereinfacht diese nun aber deutlich. Die Fundstücke sind in einer Trefferübersicht aufgelistet – zusammen mit Fund- und aktuellem Aufbewahrungsort. Acht Kantone beteiligen sich bereits am Onlineangebot, unter ihnen der Aargau, wo über 90 Prozent der Gemeinden angeschlossen sind.

Beispiel 4: Elektronische Identität

Künftig sollen wichtige Geschäfte mit den Behörden vermehrt online abgewickelt werden. Dazu wird allerdings ein Mittel benötigt, um die eigene Identität nachzuweisen. Was beim Besuch der Verwaltung per Pass oder ID erfolgt, funktioniert online über elektronische Identifizierungsmittel (eID). Zurzeit wird auf Bundesebene nach einer Lösung gesucht. Wann diese vorliegen wird, ist offen und hängt von politischen Entscheiden ab. Beabsichtigt ist, bis 2020 eine Lösung einzuführen.

Beispiel 5: Rechnungen

E-Rechnungen sollen Zahlungen an die Verwaltung vereinfachen. Dabei werden alle notwendigen Daten auf elektronischem Weg vom Rechnungssteller zum Rechnungsempfänger übermittelt. Dieser papierlose Vorgang ermöglicht dem Nutzer, die Informationen weiterzuverarbeiten, ohne sie manuell in das Buchhaltungssystem oder ins E-Banking eingeben zu müssen. Diese Art von Rechnungen verschicken einige Aargauer Gemeinden bereits jetzt – weitere dürften dem Beispiel folgen.

Aktuelle Nachrichten