1904. Der 23-jährige Julius Frey arbeitete als Tagelöhner im Wald bei Oberhof. Er musste einen Weg bauen und transportierte Steine auf einem Schlitten – mittels Körperkraft. Gegen Mittag aber klagte er über Unwohlsein. Sein Zustand besserte sich nicht. Nach drei bis vier Tagen voller Schmerzen ging er mit seinem Vater zum Arzt in Frick.

Diagnose: ein eingeklemmter Leistenbruch, den er sich bei der Arbeit zugezogen hatte. Julius wurde ins Spital nach Aarau überwiesen und operiert, doch er konnte nicht mehr gerettet werden. «Das eingeklemmte Stück Darm war bereits brandig und abgestorben», schrieb der Spitalarzt im Zeugnis, das später dem Aargauer Regierungsrat vorlag. Julius’ Vater nämlich forderte Ersatz. 400 Franken für Arztkosten und 600 Franken für den Verlust seines einzigen Sohnes.

Der Regierungsrat tat sich schwer, die Entschädigung gutzuheissen. Er schrieb, dass die Forderung des Vaters «nicht sehr bescheiden» sei und sein Sohn früher hätte zum Arzt gehen sollen. Der Regierungsrat führte aus, dass bei der Arbeit im Wald keine explodierbaren Stoffe verwendet worden und weniger als fünf Personen dort beschäftigt gewesen seien. Demnach würde auch die Haftpflichtversicherung nicht zahlen. Julius’ Vater aber sei «sehr bedauernswert», schloss der Regierungsrat. Man wolle mit ihm eine tiefere Entschädigung aushandeln.

Fatale Folgen für Angehörige

Solche und ähnliche Fälle häuften sich zwischen 1850 und 1918, in einer Zeit, in der die Arbeitnehmer entweder gar nicht oder nur gering versichert waren. Es war eine Zeit, in der in Firmenstatuten Dinge standen wie «weibliche Personen dürfen zur Nacht- und Sonntagsarbeit nicht verwendet werden» oder «Betrunkene werden zur Arbeit nicht zugelassen». Das grösste Problem aber waren Arbeitsunfälle, die zur Invalidität oder gar zum Tod führten. Für die Betroffenen und deren Familien bedeutete das meist Armut, Hunger und Obdachlosigkeit.
1875 wurde in der Schweiz ein erster Schritt unternommen, um Arbeiter zu versichern. Nach deutschem Vorbild wurde die eidgenössische Haftpflichtversicherung im Gesetz verankert. Sie griff zuerst nur bei Eisenbahnern, später wurde sie dann auf Fabriken, Baugewerbe und Fuhrhalterei erweitert. Schutz bot sie trotzdem kaum.

«Eine schwere Geburt»

Denn die Definitionen, ab wann ein Betrieb als Firma bezeichnet werden konnte, wurden je nach Gusto des Regierungsrats und sogar des Bundesrats anders ausgelegt. Dies zeigt sich beispielsweise am Fall des Aarauer Schreiners Johann Graf. Er verunfallte 1904 in der Fabrik Frey & Cie, die chemische Produkte herstellte. Graf ersuchte beim Regierungsrat um Entschädigung.

Um zu definieren, ob Frey & Cie nun eine Firma ist oder nicht, befragte der Regierungsrat den Chef und andere Arbeiter. Der Regierungsrat kam zum Schluss, der Betrieb sei Firma und Handelsgeschäft zugleich. Der Befund ging weiter an den Bundesrat, der nochmals anders entschied. Frey & Cie sei nur ein Handelsgeschäft – die Haftpflichtversicherung greift also nicht. Graf ging leer aus.

1889 schrieb der spätere Bundesrat Ludwig Forrer in einer Denkschrift: «Versicherung heisst die neue Parole. Haftpflicht bedeutet den Streit, Versicherung den Frieden.» Es folgte eine Volksabstimmung, schliesslich wurde der Bund verpflichtet, eine gesetzliche Kranken- und Unfallversicherung einzurichten. 22 Jahre vergingen, bis 1912 das Kranken- und Unfallversicherungsgesetz angenommen wurde. «Eine schwere Geburt», wie damals die
Medien berichteten.

Vor gut 100 Jahren, am 1. April 1918, nahm dann die Suva mit Hauptsitz in Luzern ihren Betrieb auf.