Sex-Lehrer-Prozess
Verteidiger von Sex-Lehrer wirft Anklage Interessenkonflikt vor

Heute Mittwoch steht in Brugg der ehemalige Aarauer Bezlehrer vor Gericht, der 2002 bis 2005 eine Schülerin unzählige Male brutal vergewaltigt haben soll. Der Anwalt des Angeklagten übt bereits in den Vorbemerkungen harsche Kritik am Opfervertreter.

Thomas Röthlin
Merken
Drucken
Teilen
Vor dem Bezirksgericht Brugg wartet das Publikum auf den Prozess gegen den Aargauer Sex-Lehrer

Vor dem Bezirksgericht Brugg wartet das Publikum auf den Prozess gegen den Aargauer Sex-Lehrer

Thomas Röthlin

Lang erwarteter Showdown an der Unteren Hofstatt 4 in der Brugger Altstadt: Fast sechs Jahre nach seiner Verhaftung muss sich am Mittwoch ein Lehrer wegen Sex mit einem Kind, Vergewaltigung, sexuelle Nötigung und Pornografie verantworten. Er soll von 2002 bis 2005 als Bezirksschullehrer in Aarau eine Schülerin aufs Übelste missbraucht haben.

Der Fall wirft auch deshalb Wellen, weil ihn die Untersuchungsbehörden verschleppten, wie die az Aargauer Zeitung am 23. August aufdeckte. Zur Verhandlung haben sich diverse Medien angemeldet. Das zuständige Bezirksgericht Aarau tagt im Brugger Gerichtsgebäude, weil dort das mutmassliche Opfer ihrem Peiniger nicht begegnen muss: Sie kann per Videoübertragung in den Gerichtssaal zugeschaltet werden, was in Aarau nicht möglich wäre.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Gerichtspräsident Thomas Müller eröffnete die Verhandlung um 8 Uhr. Während der anschliessenden Befragung der heute 24-jährigen Frau durch eine Laienrichterin ist das Publikum vom ansonsten öffentlichen Strafprozess ausgeschlossen. Es folgen die Befragung von drei Zeugen und anschliessend des Angeklagten, die sich in den Nachmittag hineinziehen kann. Der Mann streitet eine sexuelle Beziehung nicht ab, wohl aber, diese sei nicht einvernehmlich gewesen. Drei Anwälte verlesen danach ihre Plädoyers: Oberstaatsanwalt und Ankläger Daniel von Däniken fordert eine siebenjährige Freiheitsstrafe.

Der amtliche Verteidiger des Lehrers, Urs Oswald, und der Vertreter des Opfers, Patrick Stutz, liessen sich im Vorfeld nicht in die Karten blicken. In den Vorbemerkungen der Parteienvertreter hat Verteidiger Urs Oswald harsche Kritik geübt am Opfervertreter Patrick Stutz. Stutz habe, so Oswald, vor der heute 24-jährigen Frau deren Eltern anwaltlich vertreten. Oswald taxiert dies als Interessenkollision, zumal das Familienverhältnis zumindest damals zerrüttet gewesen sei. In der Anklageschrift ist in der Tat von «Schwierigkeiten in ihrem Elternhaus» bereits 2001 die Rede. Die Eltern gingen bis vor Bundesgericht, um Akteneinsicht zu erhalten, was ihnen allerdings verwehrt wurde.

Der Vorwurf einer «unzulässigen Doppelvertretung» (Oswald) hat keinen Einfluss auf das Gerichtsverfahren. Der Rechtsanwalt gab allerdings zu verstehen, dass die Anwaltskommission als Aufsichtsbehörde einschreiten könnte, sollte der Fall vor Obergericht weitergezogen werden.

Oswald machte die Richter und das Publikum auch darauf aufmerksam, dass die Stiftung Linda, die sich für eine gesetzliche Meldepflicht bei sexuellem Missbrauch einsetzt, mit dem Fall in Zusammenhang steht. Initiantin und Präsidentin der 2008 gegründeten Stiftung mit Sitz in Aarau ist die Mutter des Opfers. Im Stiftungsrat sitzt der ehemalige Eltern- und jetzige Opferanwalt Stutz.

Zwölfstündiger Prozess

Um welche Zeit sich das fünfköpfige Gericht zur Urteilsberatung zurückziehen wird, kann angesichts der unvorhersehbaren Dauer der Plädoyers nicht gesagt werden. Der Prozess ist auf zwölf Stunden anberaumt. Es ist möglich, dass das Urteil noch am selben Abend eröffnet wird. Ebenso gut könnte die Verhandlung um 22 Uhr vertagt werden. Damit müssten sich die Beteiligten nach der überlangen Untersuchungsphase einmal mehr in Geduld üben.